Interview mit Carl-Uwe Steeb "Einer muss nach ganz oben"

Vor den Australian Open spricht Deutschlands Daviscup-Teamchef Carl-Uwe Steeb im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Schwächen von Tommy Haas und Nicolas Kiefer sowie den Daviscup.

Von Till Schwertfeger


SPIEGEL ONLINE:

Das Jahr 2000 war für das deutsche Herrentennis ein Jahr der Stagnation. Warum wird 2001 besser?


Charly Steeb: In der vergangenen Saison hatten Nicolas Kiefer und Tommy Haas mit zahlreichen Verletzungen zu kämpfen. Außerdem ist das Jahr nach dem Aufstieg immer sehr schwer. Die beiden haben ihre Erfahrungen gemacht, haben viel erlebt und stehen jetzt weniger unter Druck. Ich bin sicher, 2001 wird ein gutes Jahr.


SPIEGEL ONLINE: Was fehlt Haas, was Kiefer, um ganz oben in der Weltrangliste zu stehen?


Steeb: Beiden fehlt noch die Konstanz. Sie müssen ihre Erfolge stabilisieren, um sich an der Spitze zu etablieren. Tommy Haas hat erkannt, dass er an seinem Körper härter arbeiten muss, um nicht mehr so verletzungsanfällig zu sein. Es war ein richtiger Schritt, Gavin Hopper als Trainer zu verpflichten. Nicolas Kiefer hat mit Sven Groeneveld einen guten Coach, der ihn taktisch weiterbringen kann. Unter Bob Brett hatte Nicolas eine Basis gefunden. Darauf kann er aufbauen und aggressives Tennis spielen.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben von Ihren Schützlingen gefordert, dass "einer mal bei einem Grand-Slam-Turnier den Sprung nach vorn schaffen muss".


Zu selten fit: Tommy Haas
AP

Zu selten fit: Tommy Haas

Steeb: Ich bin überzeugt, dass wir in diesem Jahr Erfolg bei den Grand Slams haben werden. Bei den Australian Open haben Haas und Kiefer zwar beide eine schwere Auslosung, sie sind ja auch ungesetzt. Doch es ist oft einfacher, zu Beginn eines Turniers gegen einen Großen zu gewinnen. Wenn Tommy und Nicolas die zweite Runde überstehen, zeigen die Zeichen ganz nach vorn.


SPIEGEL ONLINE: Wer spielt sich 2001 ins Rampenlicht?


Steeb:Vom Schweizer Roger Federer darf man einiges erwarten. Ihm traue ich einen großen Sprung zu. Auch Marcelo Rios scheint wieder anzugreifen. Als nächstes fallen mir Haas und Kiefer ein: Von unseren beiden erwarte ich sehr viel.


SPIEGEL ONLINE: Was trauen Sie den Altmeistern Pete Sampras und Andre Agassi noch zu?


Steeb: Ich glaube nicht, dass sie am Jahresende ganz oben stehen, weil sie sich wohl nur auf einige Höhepunkte konzentrieren werden. Aber sie sind noch jederzeit in der Lage, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen.


SPIEGEL ONLINE: Das Herrentennis sei "gesichtslos", hat Boris Becker kritisiert. Wie sehen Sie das, auf die deutsche Mannschaft bezogen?


Steeb: Die Spieler brauchen Zeit, um ein Gesicht zu bekommen. Man kann nicht alle zehn Jahre einen Boris Becker haben. Ich finde, wir können sehr zufrieden sein mit unseren Spielern. Nur: Einer muss bald mal nach ganz oben.


SPIEGEL ONLINE: Was trauen Sie den neuen deutschen Gesichtern zu?


Neuer Hoffnungsträger: Daniel Elsner
DPA

Neuer Hoffnungsträger: Daniel Elsner

Steeb: Daniel Elsner und Alexander Popp müssten es unter die ersten 50 der Weltrangliste schaffen. Auch Jens Knippschild traue ich das immer noch zu. Wer mir in letzter Zeit sehr gut gefallen hat, ist Björn Phau.


SPIEGEL ONLINE: Im Februar geht's in Braunschweig im Daviscup gegen Rumänien. Steht die Mannschaft, oder kann sich noch einer reinspielen?


Steeb: Haas, Kiefer und Prinosil haben einen Stammplatz. Ob der Vierte ein Einzel- oder Doppelspieler sein wird, halte ich mir noch offen. Ich werde die Australian Open abwarten.


SPIEGEL ONLINE: Auf Racket-Rebell Kiefer waren Sie nach seiner Daviscup-Absage lange Zeit nicht gut zu sprechen. Können Sie jetzt wirklich ganz unvoreingenommen miteinander arbeiten?


Steeb: Die Differenzen sind lange her. Wir hatten eine super Zeit bei den Olympischen Spielen. Alle Probleme sind ausgeräumt.


SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als jemand, der versöhnt statt spaltet. Aber nervt es nicht, ständig in Abhängigkeit von den Launen der Spieler zu stehen?


Zurück im Daviscup: Nicolas Kiefer
REUTERS

Zurück im Daviscup: Nicolas Kiefer

Steeb: Das ist Teil des Jobs. Jeder Spieler ist nun mal sein eigener Herr, das kann man nicht ändern. Natürlich bin ich darauf angewiesen, dass die Besten spielen. Das Umfeld dafür zu schaffen, ist meine Aufgabe.


SPIEGEL ONLINE: Das deutsche Team hat das sportliche Potenzial, den Daviscup zu gewinnen. Haas und Kiefer sind nicht gerade Freunde, und bislang fehlte es an Teamgeist.


Steeb: Die Olympischen Spiele haben sehr geholfen. Wir haben auf engstem Raum zusammengelebt. So hat einer die Gewohnheiten des anderen kennen gelernt: Der eine redet am Tag vor dem Match halt nicht so gerne, der andere macht dann lieber einen Stadtbummel. Zumindest brauche ich keine Angst zu haben, dass sich die Spieler in Braunschweig in die Haare kriegen. Überhaupt weiß ja jeder Spieler, dass er den anderen braucht, um Erfolg zu haben. Ich hoffe, dass wir Erfolg haben und uns das zusammenschweißt.


SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie Individualsportlern Teamgeist einimpfen?


Steeb: Die Schwierigkeit ist, dass sich jeder Einzelne ins Team integrieren und damit Abstriche in seinen Gewohnheiten machen muss. Gleichzeitig muss er seinen Rhythmus und seine Gewohnheiten so weit beibehalten, dass er Leistung bringen kann. Tennisspieler sind das ganze Jahr allein und müssen total egoistisch sein, um Erfolg zu haben. Meine Aufgabe ist es, die individuellen Stärken der Spieler in einen Teammantel zu kleiden: Der muss jedem und allen passen.




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