Interview mit Erik Zabel "Lance Armstrong nennt mich Boss"

Viermal hat Erik Zabel den Frühjahrsklassiker Mailand - San Remo schon gewinnen können. Vor dem Rennen am Samstag spricht der Telekom-Kapitän mit SPIEGEL ONLINE über Radrennen in Zeiten des Krieges, sein Mitleid mit den Coast-Fahrern und seinen Status als Weltranglisten-Erster.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Zabel, der Weltcup-Auftakt Mailand - San Remo am Samstag wird vom Krieg überschattet. Welche Bedeutung hat so ein Rennen dann überhaupt noch?

Zabel: In dem Moment ist ein Radrennen natürlich sekundär. Ich habe so eine Erfahrung gemacht am 11. September 2001. Da habe ich bei der Vuelta eine Etappe gewonnen. Als wir ins Ziel kamen, erfuhren wir, dass das World Trade Center nicht mehr steht und das Pentagon attackiert wurde. Das ist ein Moment, in dem man denkt, dass dieser Sieg nicht hätte sein müssen. Die Etappe hätte abgebrochen oder neutralisiert werden können. Es gibt Wichtigeres als Radrennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade die Rundfahrt Tirreno - Adriatico beendet. Wie ist die Stimmung in Italien? Wird darüber nachgedacht, Mailand - San Remo abzusagen?

Zabel: Auch in Italien haben wir häufig Friedensfahnen gesehen und eine Anti-Kriegshaltung verspürt. Aber Mailand - San Remo hat hier national eine so große Bedeutung. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass das Rennen abgesagt wird.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich in der Form, Mailand - San Remo zum fünften Mal zu gewinnen?

Erzrivalen: Erik Zabel und Mario Cipollini
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Erzrivalen: Erik Zabel und Mario Cipollini

Zabel: Ich beschäftige mich schon mit meinen Chancen. Allerdings liegt die Favoritenlast in diesem Jahr nicht hauptsächlich auf meinen Schultern. Das zu behaupten, wäre vermessen oder überheblich. Doch es ist natürlich so, dass ich weiß, wie es geht. (lacht) Und das ist sehr viel wert bei dem Rennen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie für eine Taktik?

Zabel: Dieselbe wie immer. Ich werde die Entscheidung bestimmt nicht durch eine Attacke suchen. Ich werde versuchen, den Anschluss zu halten und zu folgen, um im Spurt meine Chance zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Der große Favorit ist Mario Cipollini, Vorjahressieger und Weltmeister. Wieso wird er mit fast 36 Jahren nicht langsamer?

Zabel: Da müssen Sie ihn fragen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie in der Endgeschwindigkeit langsamer geworden?

Zabel: Nein. Ich habe im letzten Jahr sehr viel Kritik einstecken müssen. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Cipollini war schon immer sehr schnell. Es war für mich immer sehr schwer, ihn zu schlagen. Aber ich bin einer der wenigen Rennfahrer, die die Möglichkeit dazu haben. Ich hatte im letzten Jahr auch meine tollen Momente. Die sind ein bisschen untergegangen, warum auch immer. Ich trug bei der Tour de France das Gelbe Trikot, habe eine Etappe gewonnen, das Rennen um den Henninger Turm, bei der Deutschlandtour vier Etappen und habe die Saison als Weltranglisten-Erster abgeschlossen. Da ist es schon traurig, dass das alles weggewischt wird und gesagt wird: Zabel ist nicht mehr so schnell. Aber das ist mir letztlich so was von egal. Denn ich fülle meine Rolle weitgehend so aus, wie ich es mir wünsche.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in dieser Saison Kapitän im Team Telekom. Wie wollen Sie diese Rolle ausfüllen?

Erster Saisonsieg: Erik Zabel gewann die dritte Etappe der Murcia-Rundfahrt
DPA

Erster Saisonsieg: Erik Zabel gewann die dritte Etappe der Murcia-Rundfahrt

Zabel: Ich würde gerne Olaf Ludwig nacheifern. Als ich Profi wurde, war er Telekom-Kapitän. Er war einer der Rennfahrer, die mich sehr geprägt haben. Es wäre schön, wenn mir das für andere Fahrer auch gelingen würde.

SPIEGEL ONLINE: In Danilo Hondo hat Ihr Team einen zweiten guten Sprintspezialisten. Sehen Sie ihn als Rivalen oder Schützling?

Zabel: Was soll ich sagen? Danilo Hondo ist 29 Jahre alt, er hat alle Trümpfe in der Hand. Er fährt sehr viele Rennen getrennt von mir, hat da alle Freiheiten und Chancen. Die muss er natürlich nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie es, dass Telekom durch den Wechsel von Jan Ullrich zu Coast nicht mehr so sehr im Rampenlicht steht?

Zabel: Das ist gar nicht so schlecht. (lacht) Aber viel ruhiger ist es nicht geworden. Denn alle Anfragen an Telekom, die sich früher zwischen Jan und mir gesplittet haben, bleiben jetzt an mir hängen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich sonst in diesem Jahr bei Telekom geändert?

Zabel: Die Mannschaft hat durch die Neuzugänge ein anderes Gesicht bekommen. Wir sind internationaler geworden. Der multikulturelle Einfluss - von Amerika über Kolumbien bis Italien - muss nicht unbedingt schlecht sein, sondern kann der Mannschaft einen neuen Kick geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben fast alles gewonnen, sind aber nie Weltmeister geworden. Ist dieser Titel kein Anreiz für Sie?

Lieblingsrennen: 2001 siegte Erik Zabel in San Remo zum vierten Mal
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Lieblingsrennen: 2001 siegte Erik Zabel in San Remo zum vierten Mal

Zabel: Die Weltmeisterschaft bin ich sehr selten gefahren. In den letzten beiden Jahren bin ich Fünfter und Dritter geworden. Das ist keine schlechte Ausbeute. Aber jeder Rennfahrer träumt davon, dieses wunderschöne Trikot zu tragen. Aber dafür muss man an einem bestimmten Tag im Jahr die Beine des Champions haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die nicht?

Zabel: Man kann vorher stundenlang darüber diskutieren, wie schön der Weltmeisterschaftstitel wäre. Aber in dem Rennen muss man sich durchsetzen. Und das kann man dann oder kann das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Tour de France wollen Sie sich das Grüne Trikot zurückholen?

Zabel: Primär ist es wichtig für mich, auf jeder einzelnen Flachetappe zu punkten und um den Tagessieg mitzufahren. Ob ich das Grüne Trikot nun trage oder nicht, spielt für mich gar keine Rolle. Doch ich habe sechsmal das Grüne Trikot gewonnen, es im vergangenen Jahr elf Tage getragen und am Ende knapp verloren. Wenn ich also die Tour de France wieder fahre, bin ich automatisch im Rennen um das Grüne Trikot, ob ich will oder nicht. Der Öffentlichkeit könnte ich, glaube ich, schwer verkaufen, dass ich das Grüne Trikot nicht interessant finde und es nicht die Hauptmotivation meiner Teilnahme ist.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Konstanz spricht, dass Sie seit Oktober 2001 mit einer kurzen Unterbrechung die Nummer eins der Weltrangliste sind. Genießen Sie einen besonderen Status?

Zabel: Laurent Jalabert, der fünf Jahre lang die Nummer eins war, und seine Nachfolger wie Lance Armstrong oder Michele Bartoli waren extrem akzeptiert im Fahrerfeld. Jeder einzelne, ich auch, ist ihnen mit Respekt entgegengetreten. Man darf nur nicht den Fehler machen, dass man auf Grund seiner Position auf einmal meint, der liebe Herrgott zu sein. Die Gefahr sehe ich bei mir aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie tritt Lance Armstrong Ihnen gegenüber auf?

Wer ist hier der Boss? Lance Armstrong und Erik Zabel in ihren Lieblingsgewändern
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Wer ist hier der Boss? Lance Armstrong und Erik Zabel in ihren Lieblingsgewändern

Zabel: Lance Armstrong sagt immer "Boss" zu mir. (grinst)

SPIEGEL ONLINE: Jahrelang hat das Team Telekom den deutschen Radsport dominiert. Achten Sie in dieser Saison verstärkt darauf, dass Coast und Gerolsteiner Sie nicht abhängen?

Zabel: Die Fahrer, Teams und Fans müssen erst einmal lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen. Aber in den traditionellen Radsportländern Frankreich, Belgien, Spanien und Italien gibt es auch jeweils mehrere große Teams, die nebeneinander gut existieren können. In Deutschland werden natürlich jetzt Platzierungen miteinander verglichen, vieles wird auf die Goldwaage gelegt. Mich als Rennfahrer interessiert das nicht so sehr. Ich sehe das nicht so, dass unsere Siege den nationalen Konkurrenten wehtun oder umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den zwischenzeitlichen Lizenzverlust des Coast-Teams?

Zabel: Coast hat die Lizenz zurückbekommen. Damit ist für mich das Thema abgehakt. Es ging aber nicht nur um das Image des Radsports, sondern um die Existenz einzelner Fahrer. Für die großen Namen wird es nie ein Problem sein, einen anderen Arbeitgeber zu finden, aber für 20 von 25 Fahrern ist das schwierig. Im Trainingslager haben wir auch die Jungs von Coast getroffen. Den einen oder anderen hat man so auch privat kennengelernt. Dann denkt man daran, wie die Jungs jetzt in den Seilen gehangen haben. Das tat schon ein bisschen weh.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie auch Mitleid mit Ihrem langjährigen Teamkollegen Ullrich?

Zabel: Jan ist doch sowieso noch gesperrt bis Sonntag und will erst im April wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen. Insofern war die Situation für ihn in keinem Fall dramatisch.

SPIEGEL ONLINE: Für seine Motivation war der Lizenzentzug aber sicherlich nicht förderlich.

Zabel: Ach was. Ich glaube, da schätzt man Jan falsch ein.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vertrag bei Telekom läuft Ende des Jahres aus. Verlängern Sie ihn noch mal oder planen Sie einen Teamwechsel?

Zabel: Wir haben erst März. Das ist kein guter Zeitpunkt sich darüber zu äußern. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich unsere Mannschaft mag, bin ja schon im elften Jahr dabei. Ich habe Walter Godefroot in die Hand versprochen, zuerst mit ihm zu sprechen, bevor ich mit anderen Rennställen verhandle. Das ist nach der langen Zeit eine Frage des Anstands. Der erste Ansprechpartner ist also Team Telekom. Aber momentan habe ich keinen Bedarf, Stress zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wann suchen Sie das Gespräch?

Zabel: Keine Ahnung. Aber bis September werde ich nicht warten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wollen Sie denn überhaupt noch Radrennen fahren?

Zabel: Wenn Niederlagen nicht mehr schmerzen und Erfolge keinen Spaß mehr bringen, dann ist es ein guter Moment zu sagen: Das war es. Aber da sehe ich bei mir noch keine Anzeichen.

Die Interview führte Till Schwertfeger



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