Interview mit Frank von Behren "Ich will nicht der neue Kretzschmar sein"

Nach dem großen Umbruch spielt die deutsche Handball-Nationalmannschaft beim World Cup in Schweden erstmals in neuer Besetzung. Eine der Leitfiguren der DFB-Auswahl ist nun Frank von Behren. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 28-Jährige über große Erwartungen, Nachwuchspflege und eine Kultfigur im Ruhestand.


Nationalspieler von Behren (r.): "In einer Art Vorbildrolle"
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Nationalspieler von Behren (r.): "In einer Art Vorbildrolle"

SPIEGEL ONLINE:

Herr von Behren, Sie sind gerade mit sehr jungen und unerfahrenen Teamkollegen beim World Cup in Schweden. Erinnert das nicht alles ein bisschen an eine Klassenfahrt?

von Behren: (lacht) Mein Zimmernachbar Daniel Stephan (31 Jahre, Anm. d. Red.) zieht den Schnitt schön nach oben. Aber es stimmt schon, wir haben eine junge Mannschaft. Trotzdem sind hier nur Spieler dabei, die in der Bundesliga Stammkräfte sind oder kurz davor. Sie haben sich durch gute Leistungen empfohlen und ihren Einsatz verdient. Dann macht das überhaupt keinen Unterschied, ob einer 22 oder 34 Jahre alt ist.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Team jetzt schon mit den großen Nationen mithalten?

von Behren: Da die Mannschaft noch nicht so viel Erfahrung hat, muss der Einsatz eben stimmen. Die Kampfbereitschaft können auch junge Spieler mitbringen. Dass noch nicht alles klappen kann, besonders bei der Abstimmung in der Abwehr und beim Abschluss, ist klar. Die anderen Teams haben den Vorteil, dass wenigstens ihre ersten Sieben schon bei großen Meisterschaften gespielt haben. Das ist bei uns nicht der Fall. Umso schöner wäre es natürlich, wenn wir diesen Härtetest trotzdem erfolgreich gestalten. Den ersten Schritt haben wir mit dem Sieg gegen Island ja getan.

SPIEGEL ONLINE: Mit drei jungen Spielern ist der SC Magdeburg vertreten, der eine sehr intensive Jugendarbeit betreibt. Ist ein Sportinternat, wie es dort existiert, auch anderen Bundesligavereinen zu empfehlen?

von Behren: Ja, das ist auf jeden Fall eine Sache, die weiter vertieft werden muss. Ob das überall Internate sein müssen, sei dahingestellt. Bei GWD Minden, wo ich lange gespielt habe, gibt es auch ohne Internat eine tolle Jugendarbeit. Dort sind Sportgymnasien sehr interessant. Eine gute Idee wäre aber sicherlich, bundesweit zwei weitere Stützpunkte zu installieren, wo ehrgeizige, gute junge Spieler hingehen können. Vor allem im westdeutschen Raum könnte ich mir ein solches Internat gut vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Schweden mit Florian Kehrmann und Daniel Stephan die einzig verbliebenen Silbermedaillengewinner von Athen. Sehen Sie sich als zentrale Figur des Wiederaufbaus der Nationalmannschaft?

von Behren: Klar. Daniel Stephan und ich besetzen hier in Schweden das "Altenzimmer". Schon deshalb bin ich in einer Art Vorbildrolle. So wie wir damals aufgeschaut haben, so schauen die Jungen jetzt auf uns mit unserer Erfahrung. Ich stehe jetzt in der Verantwortung, auch durch meine Position als Rückraumspieler. Da spiele ich automatisch eine zentrale Rolle. Ich versuche den Neuen vieles weiterzugeben, sie zu unterstützen. Und neben dem Platz haben sie ihre Aufgaben, wie zum Beispiel Taschen tragen und unseren Physiotherapeuten helfen. Da lernen sie sehr viel über Ordnung und Disziplin. In der Nationalmannschaft herrscht eine andere Hierarchie als im Verein.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

von Behren: Sie ist deutlicher. Hier ordnen wir alles der Mannschaftsstärke unter. Egoisten sieht der Bundestrainer (Heiner Brand, Anm. d. Red.) nicht so gerne. In der Nationalmannschaft spielt der Teamgeist eine größere Rolle. Im Verein machen viele ihr eigenes Ding. Dort haben wir einen Vertrag, haben sichere Arbeitsplätze. In der Nationalmannschaft können wir ganz schnell rausfliegen. Da muss jeder seine Position innerhalb der Mannschaft perfekt ausfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie es nach Ihrer Absage im Frühjahr, als Sie, obwohl nicht verletzt, nicht mit zur EM nach Slowenien wollten, nicht schwerer, die Vorbildposition gleich wieder auszufüllen?

von Behren: Nein, das ist nicht so. Ich habe damals mit dem Einverständnis des Bundestrainers die Entscheidung gefällt und war dann in Athen wieder dabei. Ich würde das heute wieder so machen. Ich habe nie bereut, in Slowenien nicht dabei gewesen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Also sind von ihrem kurzfristigen Fernbleiben mit der Begründung, Sie könnten der Mannschaft in dieser Form nicht helfen, keine Risse in der Beziehung zu Brand zurückgeblieben?

von Behren: Nein, wir haben vernünftig miteinander gesprochen. Ich habe ihn ja nicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Wir haben uns geeinigt, und die ganze Geschichte spielt jetzt keine Rolle mehr.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie die Lücke schließen, die Stefan Kretzschmar als mediales Aushängeschild der Nationalmannschaft hinterlassen hat?

von Behren: Nein, ich habe nicht das Interesse, das Kretzschmar hatte, sich so in die Medien zu stellen. Es war sicher vorteilhaft für den Handballsport in Deutschland. Aber so einen Typen gibt es nicht noch einmal. Ich hätte auch keine Lust drauf, das will ich nicht. Ich lege mehr Wert auf meinen Sport, das Handballspielen.

Gummersbacher Frank von Behren: "Größtes Potenzial"
DPA

Gummersbacher Frank von Behren: "Größtes Potenzial"

SPIEGEL ONLINE: Und das gelingt Ihnen im Club zur Zeit ziemlich gut. Nach zuletzt 13 Jahren ohne internationalen Wettbewerb hat der VfL Gummersbach am vergangenen Sonntag das Viertelfinale des EHF-Pokals erreicht. Was denken Sie als Spieler des weltweit erfolgreichsten Vereins heute, wenn Sie eine so ruhmreiche internationale Geschichte fortführen?

Von Behren: Das ist eine Geschichte, die schon lange zurückliegt. Es gibt ja auch eine jüngere Vergangenheit: die drohende Insolvenz, die ganzen negativen Schlagzeilen, als der Verein fast in die Zweitklassigkeit abrutschte. Natürlich habe ich als Kind die großen Erfolge mitbekommen. Und es ist ein schönes Gefühl, in so einem Club wie Gummersbach zu spielen. Es wäre schön, an die alten Zeiten anknüpfen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell wird Ihnen das gelingen?

von Behren: Ich hoffe natürlich, so schnell wie möglich. Wir haben ein ungeheures Potenzial, wahrscheinlich das größte in der Liga. Und diese tollen Voraussetzungen müssen wir nutzen. Wir haben die Köln-Arena, durch die wir nicht nur viele Zuschauer, sondern auch Sponsoren gewinnen konnten. Gleichzeitig wächst natürlich das sportliche Potenzial. Dabei dürfen wir nicht vergessen zu arbeiten. Dann können wir ab dem nächsten Jahr den großen vier Mannschaften der Liga Paroli bieten. Dieses Jahr schon ganz vorne mitzuspielen wird schwer.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Köln-Arena der ideale Ort für zukünftige Gummersbacher Erfolge?

von Behren: Bei den sechs Spielen pro Saison, die wir dort bisher gespielt haben, war die Halle immer sehr gut besucht. Die Frage ist, wie es wird, wenn man ganz umzieht, also alle Begegnungen in Köln veranstaltet. Die Spiele in Gummersbach sind auf Dauer keine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich denn ändern?

von Behren: Das Management des Vereins muss sich zwischen dem Bau einer neuen größeren Halle vor Ort und einem kompletten Umzug nach Köln entscheiden. Die Fans sind sehr tolerant und würden sicher immer mit nach Köln fahren, so wie sie das jetzt schon tun. Was niemals geändert werden darf, ist der Name. Der VfL Gummersbach muss immer der VfL Gummersbach bleiben.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer



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