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Thierry Omeyer: Der Titel-Sammler

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Kiels Handball-Torwart Omeyer "Ich will mehr Titel, immer mehr"

Jetzt noch die Champions League gewinnen - dann sagt der beste Handball-Torwart der Welt Adieu. Thierry Omeyer geht nach sieben Jahren beim THW Kiel zurück nach Frankreich. Im Interview spricht er über seine Aggressivität im Spiel und Probleme beim Einschlafen.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Omeyer, Sie haben in Ihrer Karriere bislang 42 Titel gewonnen. Ihr Kieler Trainer Alfred Gislason sagt, Sie seien vom Erfolg besessen. Woher kommt das?

Omeyer: Ich habe einen Zwillingsbruder, in unserer Kindheit haben wir ständig gegeneinander gespielt. Tennis, Tischtennis, Basketball, alles Mögliche. Keiner von uns wollte verlieren, das hat geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat denn öfter gewonnen?

Omeyer: Ich! Aber das würde mein Bruder vermutlich auch von sich behaupten.

SPIEGEL ONLINE: Allein die Rivalität mit Ihrem Bruder war entscheidend, dass sich dieser Siegeswille ausgeprägt hat?

Omeyer: Es gab noch zwei Schlüsselmomente während meiner Karriere. In der Jugend war ich häufig nicht erste Wahl im Tor. Deswegen habe ich noch mehr trainiert, bin immer besser geworden. Und dann habe ich 2001 meinen ersten großen Titel gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Der WM-Sieg mit Frankreich im eigenen Land.

Omeyer: Das war eine Initialzündung. So ein Titel ist wie eine Droge. Ich wollte mehr davon, immer mehr.

SPIEGEL ONLINE: 21 Titel haben Sie allein mit dem THW geholt. Gibt es einen Erfolg, der herausragt?

Omeyer: Die drei Champions-League-Titel mit Kiel. Mehr kann man mit einem Verein nicht gewinnen. Die beste Mannschaft in Europa zu sein, das ist für mich das Größte.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiterer Champions-League-Triumph kann am Wochenende folgen, wenn Sie mit dem THW beim Final-Four in Köln spielen. Wie stehen Kiels Chancen auf die Titelverteidigung?

Omeyer: Das Halbfinale gegen den HSV wird schwer, das sind immer sehr umkämpfte Spiele. Bevor wir ans Endspiel denken, müssen wir erst mal Hamburg ausschalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich auf das Spiel vor?

Omeyer: Wie auf jedes andere auch. Dazu gehört neben der Vorbereitung mit der Mannschaft meine persönliche Videoanalyse. Am Abend vor einem Spiel schaue ich mir ganz alleine die Spieler des Gegners an, wohin sie werfen, wie sie sich bewegen. Mit diesen Bildern im Kopf schlafe ich ein.

SPIEGEL ONLINE: Schlafen Sie dann gut?

Omeyer: Oh ja, da habe ich keine Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es mit dem Einschlafen nach Spielen?

Omeyer: Sehr schlecht. Und dabei ist es egal, ob wir gewonnen oder verloren haben. Ich liege immer sehr lange wach. Mir gehen dann viele Szenen aus dem Spiel durch den Kopf. Mein ganzer Körper ist noch voller Adrenalin, ich komme schlecht runter.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auf dem Feld ein äußerst aggressiver Torwart, der sich ständig pusht. Ansonsten gelten Sie als sehr entspannt. Erklären Sie uns doch mal bitte diese zwei Thierry Omeyer!

Omeyer: Der private Thierry ist ein ruhiger Typ, eher introvertiert, zurückhaltend. Im Spiel hingegen bin ich sehr extrovertiert. Durch meine Körpersprache und meine Präsenz will ich dem Gegner zeigen: Vergiss nie, ich bin immer voll da, jede Minute! Das hilft auch, um nach schwächeren Phasen zurück ins Spiel zu kommen. Diese Aggressivität macht mich noch besser.

SPIEGEL ONLINE: Noch zwei Spiele in der Champions League und zwei in der Bundesliga, dann ist Ihre Karriere beim THW Kiel vorbei. Denken Sie schon daran?

Omeyer: Ja, ständig. Nach dem Pokalgewinn in Hamburg dachte ich: Das war jetzt mein letztes Finale hier. Und nach dem Sieg gegen die Rhein-Neckar Löwen, als wir die Meisterschaft holten, ging mir durch den Kopf, dass das mein letztes wichtiges Heimspiel in unserer Arena war.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich das an?

Omeyer: Dann bin ich traurig. Der Abschied wird mir sehr schwerfallen. Ich hatte in Kiel sieben super Jahre. Die Mannschaft, die Fans, die Arena, das Umfeld - das alles ist weltklasse.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehen Sie dann?

Omeyer: Es ist der richtige Zeitpunkt, um nach Frankreich zurückzukehren. Ich werde dieses Jahr 37, will noch drei, vier Jahre in meiner Heimat spielen. Und ich gehe wegen meiner Familie. Meine Frau und ich möchten, dass unsere Tochter das Gymnasium in Frankreich besucht.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie am meisten vermissen?

Omeyer: Das Einlaufen in die Kieler Arena, vor mehr als zehntausend Zuschauern, das ist der Wahnsinn. Diese Stimmung ist einzigartig, das habe ich in meiner gesamten Karriere nirgendwo sonst auf der Welt erlebt. Dennoch freue ich mich jetzt auf Montpellier und Frankreich.

SPIEGEL ONLINE: Auf was besonders?

Omeyer: Freunde von früher wiederzusehen. Und das Wetter ist auch etwas besser als hier in Kiel. Bevor wir umziehen, brauche ich aber erst mal Urlaub. Strand, Sonne, vielleicht in die Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Komplett abschalten, mit Familie, ohne Sport?

Omeyer: Mit Familie, aber ohne Sport geht nicht länger als eine Woche.

SPIEGEL ONLINE: Joggen am Meer?

Omeyer: Oh Gott, ich laufe nicht gerne. Ich brauche einen Ball.

Das Interview führte Birger Hamann
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