Interview mit Handballer Roggisch "Wir sind eine verschworene Gemeinschaft"

Er ist eine der deutschen Entdeckungen der Handball-EM: Oliver Roggisch, 27. Vor dem Hauptrunden-Beginn gegen die Ukraine sprach der Verteidiger vom SC Magdeburg mit SPIEGEL ONLINE über die härtesten Gegenspieler, den Halbfinaltraum des DHB-Teams und das Vorbild Heiner Brand.


SPIEGEL ONLINE:

Glückwunsch, Herr Roggisch, nach der Vorrunden-Niederlage gegen Frankreich wurden Sie zum Spieler das Tages gewählt. Seltene Ehre für einen Verteidiger.

Nationalspieler Roggisch (l.): "Das ist ärgerlich"
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Nationalspieler Roggisch (l.): "Das ist ärgerlich"

Roggisch: Danke, aber darauf kann ich nun wirklich gern verzichten. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten die zwei Punkte geholt. Natürlich ist es gut, wenn es persönlich gut läuft. Aber im Handball sind persönliche Ziele nicht wichtig. Wichtig ist nur das Team.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie noch an das Halbfinale am Samstag in Zürich?

Roggisch: Na klar. Aber das Problem ist, dass wir mit 1:3-Punkten in die Hauptrunde gehen und es nicht mehr aus eigener Kraft schaffen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind abhängig von den anderen Resultaten.

Roggisch: Genau. Und das ist ärgerlich. Aber natürlich werden wir deswegen gegen die Ukraine und dann gegen Slowenien und Polen nicht den Kopf in den Sand stecken. Wir arbeiten weiter.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten mussten Sie persönlich während der EM am meisten gegen den spanischen Koloss Urios Fonseca. Ihr bisher schwerster Gegner?

Roggisch: Der war wirklich schwer zu spielen. Der ist zwar nicht so schnell, aber fängt jeden Ball und hat eine unglaubliche Masse. Wenn der erst einmal Fahrt aufnimmt, stoppt den keiner.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereitet man sich auf solche Spieler vor?

Roggisch: Wir gucken allgemein sehr viel Video. Viele Gegner kennen wir aber ja schon aus der Bundesliga, und gegen Urios habe ich ja auch schon bei der Club-Europameisterschaft mit Magdeburg gespielt. Da ruft man sich in Erinnerung: Wie verhält der sich? Wie bewegt der sich?

SPIEGEL ONLINE: Ihr Duell gegen Urios gehörte zum Härtesten beim 31:31 gegen die Spanier. Hat Ihnen Urios zum Spiel gratuliert?

Roggisch: Nein, gar nicht. Dafür sind nach dem Schlusspfiff zu viele Emotionen im Spiel. Vielleicht sieht man das am nächsten Tag ein bisschen entspannter. Aber wenn wir gegen die Spanier oder Franzosen spielen, dann treffen sich da nicht die größten Freunde. Sicher waren die Spanier auch enttäuscht, weil die nur einen Punkt geholt haben, und der war noch glücklich. Die waren genervt.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr hat Ihr Trainer Heiner Brand das Deckungszentrum noch als größtes Problem beim Neuaufbau ausgemacht. Sehen Sie das genauso?

Roggisch: Das war vor einem Jahr. Das hat sich schon sehr geändert. Claus-Dieter Petersen und Volker Zerbe, die 2004 zurückgetreten sind, haben Jahre gebraucht, bis die ihr unglaublich hohes Niveau erreicht hatten. Deshalb sollte man uns noch ein bisschen Zeit geben. Aber wir sind auf einem guten Weg. Das Spiel gegen die Franzosen haben wir sicher nicht in der Abwehr verloren.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es im Mittelblock besonders an?

Roggisch: Die Kunst ist, sich am Anfang heranzutasten an das, was gerade noch so erlaubt ist. Aber gerade bei einer EM ist das unglaublich schwierig, weil die Schiedsrichter aus vielen Nationen kommen. Meine Erfahrung ist: International pfeift man weniger. Gegen Spanien haben die Schiedsrichter viel laufen lassen, dann spielt man automatisch noch aggressiver. Aber alles hängt auch davon ab, wie die Mitspieler auftreten. Wenn alle hart spielen, dann fällt man im Innenblock manchmal gar nicht mehr so auf (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Dem Bundestrainer werden Sie aufgefallen sein. Hat er sie schon gelobt?

Roggisch: Nein, Heiner ist aber auch kein Trainer, der viel lobt. Wenn er uns nicht kritisiert, dann sind wir schon sehr zufrieden. Jeder weiß ja auch seine Leistung einzuschätzen. Dass es noch Kritikpunkte gibt, wissen wir selber. Keine Angst: Wir sagen jetzt nicht, wir sind sensationell eingespielt, und alles läuft super.

SPIEGEL ONLINE: Beim Handball ist jede Position doppelt besetzt. Kommt da kein Neid auf?

Roggisch: Nein, das funktioniert super. Schauen Sie sich doch an, wie die Spieler während des Spiels miteinander umgehen. Meistens feuern sich diejenigen, die die gleiche Position spielen, gegenseitig an, die halten am meisten zusammen. Bei uns gibt es keine Eifersucht. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Das ist unsere große Stärke.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Verdienst von Brand?

Roggisch: Absolut. Jetzt, wo er viele junge Spieler dabei hat, redet er mit denen viel, erklärt ihnen, warum sie nicht spielen. Das äußert sich auch in der Zimmerbelegung. Heiner legt grundsätzlich einen jungen und einen erfahrenen Spieler zusammen, damit sich die jungen nicht zu viele Gedanken machen. So, wie er seinen Job ausfüllt, ist er sicher ein großes Vorbild. Er ist ein unglaublich souveräner Trainer. Über taktische Sachen braucht man sowieso nicht zu diskutieren. Jeder weiß, dass er da ein riesiges Repertoire hat. Es gibt keine andere Nation, die so viele Spielzüge zur Verfügung hat. Er ist als Trainer und Mensch eine Persönlichkeit, vor der ich sehr großen Respekt habe.

Das Interview führte Erik Eggers



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