Interview mit Jochen Schümann "Qualitätsunterschiede wie in der Formel 1"

Am Mittwoch beginnt für die Schweizer Yacht "Alinghi" mit Jochen Schümann an Bord die zweite Herausforderer-Runde zum America's Cup. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt der 48-jährige Berliner vom packenden Duell mit der führenden "One World", den Schwächen der Franzosen und der Situation im deutschen Segelsport.


Der beste deutsche Segler aller Zeiten: Jochen Schümann
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Der beste deutsche Segler aller Zeiten: Jochen Schümann

SPIEGEL ONLINE: Herr Schümann, nach der ersten Runde des Louis Vuitton Cups stehen Sie mit der Schweizer Yacht "Alinghi" an der Spitze des Neuner-Feldes. Hatten Sie im Vorfeld mit einer solchenPlatzierung gerechnet?

Schümann: Noch ist das kein Erfolg für uns. Wir haben jetzt die erste Vorrunde hinter uns gebracht, bisher war es nur ein Abtasten der einzelnen Teams. Von den Syndikaten "Prada" und "OracleBMW" hätte man eigentlich mehr erwartet. Nun ist klar, dass "One World" und unser Team zur Zeit am stärksten sind.

SPIEGEL ONLINE: Was hat "Alinghi" den anderen Teams voraus?

Schümann: Letztlich liegt es immer an einem gut funktionierenden Team. Das sind nicht nur die Segler, sondern vor allem auch die Designer, Bootsbauer und Segelmacher, die für die technische Entwicklung der Yacht zuständig sind. Ein Test- und Trainingsprogramm vor dem Wettkampf ist ebenfalls sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Unterscheiden sich die einzelnen Boote der Teams stark voneinander?

Schümann: Die Qualitätsunterschiede sind ähnlich ausgeprägt wie in der Formel 1. Im Moment weiß ich allerdings noch nicht, welches Team mit Ferrari vergleichbar ist. Das wird sich noch herausstellen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass das französische Syndikat "Le Défi d'Areva" mit einem unterlegenen Boot unterwegs ist?

Schümann: Ganz im Gegenteil, die haben eine gute Yacht. Das Team hat ja auch bei einigen Rennen in Führung gelegen, das nötige Potenzial ist also vorhanden. Die Franzosen haben eher durch individuelle Fehler die Führung verloren. Wenn man einmal vorne liegt, sollte man auch in der Lage sein, die Führung zu halten.

ZUR PERSON
Jochen Schümann wurde am 4. April 1954 in Berlin geboren. Das Segeln erlernte er ab 1965 auf dem Berliner Müggelsee, erst in der Bootsklasse "Optimist", später auf der 420er Jolle und im "OK Dinghi". 1974 begann Schümanns internationale Karriere in der Bootsklasse "Finn Dinghi", noch im selben Jahr wurde er Europameister der Junioren. Zwei Jahre später gelang Schümann in Montreal der erste Olympiasieg, zwei weitere folgten in den Jahren 1988 im südkoreanischen Pusan und 1996 in Atlanta. 1984 wechselte Schümann in die Bootsklasse "Soling", 1986 wurde er in Warnemünde Europameister. Diesen Erfolg wiederholte der Diplom-Sportlehrer noch sechs weitere Mal. In den Jahren 1992 und 1998 wurde Schümann Weltmeister. Bei der Kieler Woche gewann er siebenmal, 1996 wurde der beste deutsche Segler aller Zeiten als "World Sailor of the Year" ausgezeichnet. 1999 war der in Penzberg bei München lebende Schümann, Steuermann der "Rubin XV" im deutschen Admiral's Cup Team. Am America`s Cup im darauffolgenden Jahr nahm Schümann, als erster deutscher Steuermann, beim Schweizer Syndikat "Fast 2000" teil. Im Sommer trainiert Schümann, der immer noch Mitglied im Yacht-Club Berlin-Grünau ist, auf dem Genfer See.
SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Boote gegenüber dem letzten America's Cup im Jahre 2000 verbessert?

Schümann: Die technische Entwicklung ist noch weiter vorangeschritten, viele Details wurden verändert, wie zum Beispiel Linienrisse, also die Form der Boote. Die schwächeren Teams segeln in diesemJahr auf dem Niveau der Finalteilnehmer des letzten Cups.

SPIEGEL ONLINE: Am Mittwoch beginnt für "Alinghi" die zweite Herausforder-Runde in der Qualifikation zum America's Cup. Wer ist Ihr Hauptkonkurrent?

Schümann: Ich denke, "One World", da es das einzige Team ist, gegen das wir in der ersten Runde verloren haben. Wir wissen aber auch, dass man bei "Prada" gerade dabei ist, an beiden Booten Veränderungen vorzunehmen. Möglicherweise kommen die jetzt mit schnelleren Yachten wieder ins Rennen zurück.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie nachvollziehen, warum Sie in der ersten Runde gegen "One World" verloren haben?

Schümann: Ich glaube, das war eines der bisher anspruchvollsten Rennen. Leider ist uns der Start missglückt. Wir hatten von Beginn an anderthalb Bootslängen Rückstand, die man in einem Rennen mit einem solch hohen Leistungsniveau kaum wieder aufholen kann. Während des Rennes konnten wir den Vorsprung zwar verringern und haben sogar mehrmals Überlappung hergestellt. Da wir aber sehr dicht an "One World" dran waren, segelten wir immer wieder in deren Windschatten. Wenn der Gegner sich dann keinen Fehler leistet, ist es sehr schwierig vorbeizuziehen. Auch wenn wir insgesamt einen Tick besser waren. Im Ziel hatten wir dann weniger als eine Bootslänge und gerade einmal zehn Sekunden Rückstand. Das spricht für uns. In der nächsten Runde haben wir es selbst in der Hand, "One World" zu schlagen.

Jochen Schümann (M.) beim Training mit der Alinghi-Crew: "Wir haben es in der Hand, die 'One World' zu schlagen
AFP

Jochen Schümann (M.) beim Training mit der Alinghi-Crew: "Wir haben es in der Hand, die 'One World' zu schlagen

SPIEGEL ONLINE: Wie definiert sich Ihre Rolle auf "Alinghi"?

Schümann: Ich manage das Segel-Team und entwickle an Bord zusammen mit dem Taktiker, dem Navigator und unserem Wetterteam die Strategie vor und während des Rennens. Ziel ist es, den Regattaverlauf zu antizipieren und in der jeweiligen Rennsituation eine vorbereitete Taktik parat zu haben. Wichtig ist, dass wir unsere Strategie reibungslos im Wettkampf umsetzen können.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie derjenige, der die Entscheidungen trifft?

Schümann: Ja, auch ich, aber es gibt bei uns keine höchste Autorität. Wir sind ein Team mit 16 Seglern, die alle zum Erfolg beitragen. Jeder hat das Sagen, so dass Fehlentscheidungen Einzelner auf diese Weise ausgebügelt werden können. Der Steuermann hat dann - als letzte Instanz - mit dem Steuerrad das Schiff in der Hand.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zum Kontakt zwischen Ihnen und dem Schweizer "Alinghi"-Syndikat?

Schümann: Ich war beim letzten America's Cup schon mit der Schweizer "Challenge" dabei, was mir bei "Alinghi" die Türen geöffnet hat. Ernesto Bertarelli (Präsident des Schweizer Syndikats "Alinghi Challenge", d. Red.) kenne ich bereits aus dieser Zeit, unseren Skipper Russel Scouts schon seit Beginn der achtziger Jahre. Bei den olympische Spielen waren wir in den Bootsklassen Finn und Soling Konkurrenten, nun arbeiten wir das erste Mal zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie als gebürtiger Berliner lieber an Bord einer deutschen Yacht zum America's Cup gekommen?

Schümann: Grundsätzlich ja. Wichtig ist aber, dass beim Team die entscheidenden Voraussetzungen stimmen und eine Aussicht auf Erfolg besteht. In Deutschland haben wir nicht mal irgendein Team, geschweige denn eines, das Siegpotenzial hätte.

SPIEGEL ONLINE: Ärgert Sie das?

Schümann: Ja. Es liegt am deutsche Segelsport, einen gewissen professionellen Anspruch anzustreben, um bei solchen Events dabei sein zu können. Das ist im Moment leider nicht der Fall.Die Fragen stellte Philip Kuhn



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