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27. März 2003, 09:06 Uhr

Interview mit Jörg Roßkopf

"Timo Boll fehlen noch zwei Titel"

Nach über einjähriger Verletzungspause kämpft Jörg Roßkopf bei der Samstag beginnenden EM in Courmayeur um Mannschaftsgold. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 33-jährige Ex-Weltmeister über seine schmerzhaften Comeback-Versuche, den deutschen Tischtennis-Boom 1989 und sein Verhältnis zum Weltranglisten-Ersten Timo Boll.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Roßkopf, Sie sind in letzter Minute für die EM nominiert worden. Was bedeutet Ihnen das?

Jörg Roßkopf: Ich wurde nicht erst in letzter Minute berufen. Das haben die Journalisten so dargestellt. Tatsächlich wurde die Nominierung so lange offen gehalten, bis Klarheit über den Fitnesszustand der einzelnen Spieler herrschte, die zum Lehrgang angereist waren, wie Torben Wosik oder Lars Hielscher. Ich aber war immer im Kader.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie die große Chance, erstmals in Ihrer langen Laufbahn Mannschaftseuropameister zu werden. Welche Gedanken ruft das hervor?

Roßkopf: Sich nach 13-monatiger Verletzungspause (Roßkopf litt unter einer Ellenbogenverletzung, d. Red.) für die EM zu qualifizieren, ist erstmal schon etwas Schönes. Aber ich habe schon an genügend Welt- und Europameisterschaften teilgenommen, als dass ich jetzt besonderen Druck verspüre. Wir haben in diesem Jahr mit Sicherheit die Chance, vorn mitzuspielen und vielleicht Gold zu holen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das frustrierende Verletzungsjahr 2002 verarbeitet?

Jörg Roßkopf: "Ich bin ein Kämpfer"
DPA

Jörg Roßkopf: "Ich bin ein Kämpfer"

Roßkopf: Das war eine sehr schwere Zeit. Ich musste viele Rückschläge verkraften. Denn ich habe oft angefangen und musste dann wegen der Schmerzen wieder aufhören. Das ist nicht einfach, wenn man gar nicht weiß, wie lange die Verletzung andauert. Wenn man sich ein Bein bricht, weiß man, dass man nach drei bis vier Wochen wieder trainieren kann. Ich aber wusste bis vor einem Monat gar nicht, ob ich überhaupt wieder spielen kann. Doch ich bin ein Kämpfer. Ich will selbst den Zeitpunkt meines Karriereendes bestimmen. Jetzt bin ich wieder voller Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele haben Sie sich noch gesetzt?

Roßkopf: Ich möchte verletzungsfrei die nächste Saison angehen, um mich für Olympia 2004 zu qualifizieren. Bis 2006 möchte ich weiterspielen, danach vielleicht einen Trainerjob antreten.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie dann Coach von Timo Boll?

Roßkopf: (lacht) Wenn er mich gut bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich der Weltranglisten-Erste Boll, Ihr Mannschaftskamerad im Verein und im Nationalteam, von Ihnen überhaupt noch etwas beibringen?

Doppel Roßkopf /Boll: "Timo hört auf mein Wort"
DPA

Doppel Roßkopf /Boll: "Timo hört auf mein Wort"

Roßkopf: Mit Sicherheit. Er weiß, dass ich sehr viel Erfahrung habe, und hört deshalb auf mein Wort. Im Verein spielen wir auch zusammen Doppel. Insgesamt haben wir, glaube ich, ein sehr gutes Verhältnis.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren anderthalb Jahrzehnte lang der dominierende deutsche Spieler, bis der zwölf Jahre jüngere Boll an Ihnen vorbeizog. Hat Sie das geärgert?

Roßkopf: Das war kein Problem für mich. Irgendwann wäre es ja sowieso passiert. Timo hat großes Potenzial und verdient es, da oben zu stehen. Wenn ich nicht so lange verletzt gewesen wäre, hätte ich es aber vielleicht hinauszögern können.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor zwei, drei Jahren kritisiert, dass es Boll an Härte fehle. Sehen Sie in diesem Punkt noch immer Nachholbedarf, oder hat er sich da entscheidend verbessert?

Roßkopf: Seit ich nach Gönnern gewechselt bin, hat Timo begriffen, wie hart man arbeiten muss, um in die Weltspitze zu kommen. Jetzt kann man nichts mehr gegen seine Einstellung sagen. Auch im Training ist er mittlerweile ein richtiger Profi.

SPIEGEL ONLINE: Kann Boll der beste Tischtennisspieler aller Zeiten werden?

Jan-Ove Waldner: "Ganz anderes Kaliber"
AFP

Jan-Ove Waldner: "Ganz anderes Kaliber"

Roßkopf: Da gibt es ganz andere Kaliber. Man muss sich nur die Titel anschauen, um zu sehen, wer die größten Spieler sind. Jan-Ove Waldner ist Olympiasieger, Weltmeister, World-Cup-Sieger, Europameister. Er hat das fast alles nicht nur einmal, sondern mehrfach gewonnen. Auch Jörgen Persson war Weltmeister und ist ein großer Spieler. Der Chinese Liu Guoliang war Olympiasieger, Weltmeister und Asienmeister. Das allein sind drei Titel. Timo ist nur Europameister, ihm fehlen da noch zwei.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft denken Sie noch an den 9. April 1989 zurück?

Roßkopf: Ich werde oft daran erinnert. Es ist unglaublich, wie viele Deutsche wissen, dass wir da Weltmeister (Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner gewannen in Dortmund die Doppel-Konkurrenz, d. Red.) geworden sind. Unser Bekanntheitsgrad ist immer noch sehr hoch. Es waren damals zwar nur 15.000 Zuschauer in der Dortmunder Westfalenhalle, aber mir kommt es vor, als seien es mehrere Millionen gewesen, so oft wie wir darauf angesprochen werden. Am 9. April 1989 haben wir unsere Sportart gepuscht, sie in die Medien gebracht. Dadurch haben sich im Tischtennis auch die Spielergehälter erhöht.

SPIEGEL ONLINE: Warum lösen die außergewöhnlichen Leistungen von Timo Boll keinen neuen Tischtennis-Boom in Deutschland aus?

Roßkopf: Es ist generell schwierig, etwas neu zu entfachen. Die jüngsten Berechnungen zum Bekanntheitsgrad bei mir liegen bei 45 Prozent und beim Timo nur bei knapp 20 Prozent. Auf den ersten WM-Titel damals - im eigenen Land, von zwei jungen Spielern - hatte die Öffentlichkeit anscheinend gewartet. Es wurde da sehr viel über Tischtennis berichtet. Heute ist das leider anders, obwohl Timo Weltranglisten-Erster und Europameister ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist Boll als Führungsspieler zu brav und verschlossen?

Roßkopf: Timo tut mit Unterstützung seiner Medienberater bereits sehr viel für seine Popularität und gibt viel von sich preis – mehr, als wir es früher getan haben. Aber vielleicht sollte er einen Streit Boll gegen Roßkopf anzetteln. (lacht) Darüber würden die Journalisten dann wahrscheinlich schreiben. Aber weder Timo noch ich würden so etwas tun.


Das Interview führte Till Schwertfeger

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