Interview mit Nicolas Kiefer "Plötzlich ist mein Schläger rübergeflogen"

Der Halbfinal-Einzug bei den Australian Open bedeutet den größten Triumph in Kiefers Karriere. Im Interview spricht der 28-Jährige über zittrige Hände, schmerzende Füße, seine Halbfinalchance gegen Roger Federer und die Schläger-Attacke im entscheidenden Satz.


Frage

Wie ist das Gefühl, im 35. Anlauf endlich das Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht zu haben?

Gewinner Kiefer: "Ganzer Berg vom Herzen gefallen"
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Gewinner Kiefer: "Ganzer Berg vom Herzen gefallen"

Nicolas Kiefer: Das ist großartig. Ich bin so glücklich, vor allem, weil ich schon so oft im Viertelfinale verloren habe, auch die Doppelniederlage bei den Olympischen Spielen war hart. Das waren schwere Niederlagen, aber ich habe daraus gelernt. Mir fällt nicht nur ein Stein, sondern ein ganzer Berg vom Herzen.

Frage Im fünften Satz gab es eine Szene, als Ihr Schläger in die Hälfte von Grosjean flog. Haben Sie das Racket mit Absicht nach ihm geworfen?

Kiefer: Ich weiß auch nicht, was da los war. Ich dachte, ich hätte den Punkt verloren. Plötzlich ist mein Schläger rübergeflogen. Da ist so viel Anspannung in einem, plötzlich passiert so etwas. Es war auf jeden Fall keine Absicht. Ich war selbst überrascht, als ich den Punkt zugesprochen bekam.

Frage Haben Sie sich selbst besonders unter Druck gesetzt, weil Sie wussten, dass Sie eine gute Chance haben?

Kiefer: Ich hatte das Gefühl, dass ich mit einem brutal schweren Rucksack herumgelaufen bin, weil ich es diesmal unbedingt schaffen wollte. In der Schlussphase haben meine Hände gezittert. Die Hürde war auf einmal wieder da, aber ich habe sie diesmal überwunden.

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Australian Open: Der fliegende Tennisschläger

Frage In dem Spiel ging es ständig hin und her, warum sind Sie nicht konsequent bei Ihrer offensiven Linie geblieben, mit der Sie den ersten Satz gewonnen haben?

Kiefer: Ich weiß nicht. Da waren wieder alle meine Charaktere auf dem Platz. Mal war ich aggressiv, mal zu passiv. Ich hatte viele Höhen und Tiefen. Aber am Ende hatte ich die besseren Nerven und habe mehr riskiert als er.

Frage Wie steht man so ein Marathonmatch körperlich durch?

Kiefer: Ich musste mich brutal quälen. Ich habe nicht mein bestes Tennis gespielt, aber ich bin froh, dass ich durch Kampf gewonnen habe. Ich war ganz schön fertig, aber ich habe gesehen, dass er auch körperlich am Ende war. Ich weiß aber nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn ich den zweiten Matchball nicht genutzt hätte. Jetzt bin ich total platt, mir tun die Füße weh.

Frage Was rechnen Sie sich im Halbfinale aus?

Kiefer: Natürlich kann ich noch nicht zufrieden sein, das Turnier ist noch nicht zu Ende. Ich will auch das nächste Spiel gewinnen. Das ist das Einzige, was am Ende in den Statistiken zählt und nicht, dass man einem Gegner eventuell Schwierigkeiten gemacht hat.

Aufgezeichnet von Andreas Hardt, sid



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