Interview mit Rolf Kalb "Snooker besteht aus vielen Dramen"

Er ist die Stimme des Snooker: Rolf Kalb. Fast drei Wochen kommentierte der Experte bei Eurosport die WM in Sheffield. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Gründe für den Boom der Sportart, einen biederen Weltmeister, britische Kolonialoffiziere und seine eigenen Queue-Künste.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kalb, Sie haben fünf Sätze, um zu erklären, warum man sich für Snooker begeistern sollte.

Kalb: Es gibt kaum eine Sportart, die mehr begeistert. Das Spiel kombiniert motorisches Feingefühl, taktische Finesse und technische Fähigkeiten, das findet man sonst selten. Und Snooker besteht aus vielen kleinen, mittleren und größeren Dramen, die sich am Ende zu einem großartigen Spannungsbogen verdichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sollen ja auch ein guter Snookerspieler sein...

Kalb: Darüber decke ich lieber den gnädigen Mantel des Schweigens. Ich will es mal so sagen: Als Kommentator kann ich dem Sport sicher eher helfen denn als Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen dem Sport helfen? Sie sind doch Journalist.

Kalb: Richtig. Deshalb ist es auch meine erste Aufgabe, möglichst umfassend darüber zu berichten und zu informieren. Ich muss aber gestehen, dass mich der Sport auch fasziniert. Und ich halte es nicht für verkehrt, wenn die Zuschauer etwas von dieser Faszination mitbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Muss man selbst schon mal einen Queue in der Hand gehabt haben, um ein guter Snookerkommentator zu sein?

Kalb: Das würde ich nicht sagen. Man muss sich intensiv damit beschäftigen, um zu verstehen, was dort auf dem Tisch vor sich geht. Aber Spieler muss man deshalb nicht unbedingt gewesen sein. Auch die wenigsten Fußballkommentatoren haben früher selbst Fußball gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Fußball passiert ja eigentlich in jeder Minute etwas. Beim Snooker spielen zwei Männer auf bunte Bälle, das Publikum darf nicht essen, nicht trinken, nicht mal husten. Es muss ziemlich schwierig sein, ein Snookerspiel zu kommentieren.

Kalb: Mir fällt das nicht schwer. Aber Snooker ist eine ruhige Sportart, und darauf muss auch der Kommentar Rücksicht nehmen. Ich kann nicht, im Gegensatz zu einem Fußballspiel oder einem Boxkampf, die ganze Zeit durchreden. Dann würde ich ja die Spannung völlig zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie nicht reden? Schauen Sie dann auf Ihren Anekdoten-Zettel?

Kalb: Vor mir auf Papier liegen eher statistische Informationen. Snooker ist eine sehr statistische Sportart, da kann man nicht alles parat haben. Die Anekdoten habe ich im Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Lieblingsanekdote?

Kalb: Es gibt einige, die ich wunderbar finde. In einem wichtigen Match bekam ein Zuschauer mal einen Hustenanfall, der hörte gar nicht mehr auf. Wirklich bemitleidenswert, der arme Mann. Dennis Taylor war gerade in einer wichtigen Spielsituation und fühlte sich gestört. Aber was macht Taylor? Er legt seinen Queue auf den Tisch, holt ein Glas Wasser von seinem Tisch und klettert damit die Tribüne hoch. Der Fan bekommt natürlich einen hochroten Kopf. Taylor gibt dem Zuschauer also das Glas, fragt, ob jetzt alles ok sei, marschiert zum Tisch zurück und spielt weiter, als wäre nichts gewesen. Das alles live im Fernsehen. Solche Szenen im Sport finde ich grandios.

SPIEGEL ONLINE: Man hört, die Quote von Eurosport während der WM sei auch grandios gewesen?

Kalb: Wir haben mit dem Finale am vergangenen Montagabend einen Marktanteil von bis zu 7,5 Prozent geschafft. Fast 600.000 Zuschauer im Schnitt über mehr als vier Stunden hinweg sind für einen Spartensender und eine Sportart, die nicht gerade zum nationalen deutschen Erbe gehört, ein sensationeller Erfolg. Und das, obwohl es nicht das von vielen erhoffte Traumfinale von Weltmeister Ronnie O'Sullivan und Rekordchampion Stephen Hendry gegeben hat, sondern ein Außenseiterfinale mit einem Überraschungssieger.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr, als O'Sullivan im Finale stand, saßen aber mehr als eine Million Menschen vor dem Fernseher.

Kalb: Das waren nur die Spitzenwerte, die wir in diesem Jahr auch erreicht und teilweise übertroffen haben. Sicher, O'Sullivan hat viele Fans und mit ihm ist es leichter, Quote zu machen. Aber auch Matthew Stevens und Shaun Murphy liefern faszinierenden Sport.

SPIEGEL ONLINE: Murphy hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger O'Sullivan weder Allüren noch eine besonders aufregende Biografie. Im Gegenteil: Er wirkt sogar ziemlich bieder. Tut so ein Weltmeister dem Sport gut?

Kalb: Erstmal: Sportlich ist Murphy faszinierend. Seine Angriffslust beeindruckt, er attackiert eigentlich immer, wenn ein Ball spielbar ist. Ich denke sogar, dass dieser Offensivgeist andere Spieler beeinflussen wird.

SPIEGEL ONLINE: Und persönlich? Sein erstes Interview nach seinem Sieg wirkte wie auswendig gelernt...

Kalb: Sicher, aber man muss ihm zugute halten, dass er in diesem Moment vollkommen ausgelaugt war. Was gerade passiert war, war ja in seinem Kopf noch gar nicht angekommen. In dieser Situation ist das also nur verständlich. Ich habe ihn als jemand kennen gelernt, der relativ reif ist für sein Alter. Ein normaler Mann, der aber auch schon mal Spinnereien im Kopf hat. Er ist erst 22 und man sollte ihn mit Erwartungen nicht überfrachten.

SPIEGEL ONLINE: Man wird immerhin erwarten, dass Murphy im kommenden Jahr wieder vorn dabei ist. Kann er dem Druck standhalten?

Kalb: Man hat es oft erlebt, dass Spieler nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft in ein Loch gefallen sind, weil sie mit den vielfältigen Anforderungen nicht zurechtgekommen sind...

SPIEGEL ONLINE: Die 366.000 Euro Preisgeld auszugeben?

Kalb: Nein. Murphy gehört seit Montag zu den gefragtesten Männern im englischen Sport und alle Welt will Interviews von ihm haben. Dann kommen da noch die vielen Schulterklopfer - alles Dinge, mit denen er sich vorher nicht beschäftigen musste. Ob er das verkraftet, wird man in der kommenden Saison sehen. Aber eins steht fest: Wer wirklich ein ganz Großer werden will, muss mit diesem Druck umgehen können.

SPIEGEL ONLINE: Murphy ist Engländer, O'Sullivan auch, Hendry Schotte. Warum ist Snooker ein angelsächsisches Phänomen?

Kalb: Snooker ist eben "very british". Es wurde von britischen Kolonialoffizieren entwickelt und ist später in Großbritannien als Fernsehsportart groß geworden. Ende der sechziger Jahre hat die BBC im Zuge der Entwicklung des Farbfernsehens überlegt, welche Sportart zeigen könnte, dass das neue Fernsehen einen Mehrwert schafft.

SPIEGEL ONLINE: Und da kam man wegen der bunten Bälle auf Snooker?

Kalb: Genau, schließlich ist es ja hilfreich, die Farben unterscheiden zu können, und dafür brauchte man Farbfernsehen. Die Folge war ein regelrechter Boom. Im deutschsprachigen Raum hatte man ja lange das Problem, dass den Sport niemand kannte. Seit Eurosport überträgt, geht es jetzt endlich auch in Deutschland los.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir da etwas nicht mitbekommen? In Deutschland gibt es einen Snookerboom? Hohe Einschaltquoten sind ja gut und schön, aber es müsste in den Vereinen ja auch was passieren.

Kalb: Und genau das passiert. Es gibt gigantische Zuläufe. Ich kenne sogar viele Vereine, die mittlerweile einen Aufnahmestopp erlassen mussten. An einem Snookertisch kann man pro Stunde eben nur wenige Spieler beschäftigen und deshalb haben die Clubs derzeit eher damit zu tun, neue Räume anzumieten und Tische aufzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Und bald haben wir einen deutschen Snookerweltmeister?

Kalb: Nein, die Briten werden auf absehbare Zeit noch führend in der Snookerwelt sein. Dort werden schon die Kinder mit dem Sport konfrontiert. In Großbritannien gibt es zudem mehr als sechs Millionen organisierte Snookerspieler, nur etwas weniger als Fußballer. Dementsprechend hoch ist auch das Niveau. Mit solchen Zahlen können wir noch nicht aufwarten. Aber die Fernsehpräsenz ist ein guter Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Dann fehlt ja nur noch RTL, um den Sport so populär zu machen wir zuvor auch Skispringen und die Formel 1.

Kalb: Ich weiß nicht, ob die Quoten schon attraktiv genug sind. Aber wichtig ist vor allem, dass man Snooker nicht Häppchenweise präsentieren kann. Das Drama braucht Zeit, sich zu entwickeln. Eurosport hat an 17 Tagen insgesamt 120 Stunden übertragen, neun Stunden am Tag. Vollprogramme wie RTL oder das ZDF könnten Snooker schon deshalb gar nicht mit ihrem Programmschema vereinbaren.

SPIEGEL ONLINE: Snooker in Deutschland, auf ewig in der medialen Nische?

Kalb: Das hängt von der Verantwortlichen der anderen Sender ab, ob sie die Story dahinter entdecken. Wir werden jedenfalls bis 2008 im bisherigen Umfang weiter senden. Ausdehnen können wir es leider nicht. Wir zeigen ja schon jedes Turnier live.

Das Interview führte Christian Gödecke

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