Interview "Wir können keine Stars hervorzaubern"

Der neue Cheftrainer der Herren-Skimannschaft Martin Oßwald spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über seine Ziele für die kommende Saison, den deutschen Nachwuchs und die übermächtigen Österreicher.

Von Hubertus von Hörsten


Martin Oßwald: "Letzte Saison war es sehr langweilig"
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Martin Oßwald: "Letzte Saison war es sehr langweilig"

Vor vier Jahren kehrte er dem deutschen Verband enttäuscht den Rücken und formte aus den norwegischen Skifahrern ein Weltklasseteam. Für viel Geld wurde der im Allgäu geborenen Oßwald, 50, nun zurück nach Deutschland gelockt, um das marode Herrenteam auf Vordermann zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Oßwald, 1995 schmissen Sie beim Deutschen Ski-Verband hin. Waren Sie damals eingeschnappt, dass Sie vom Herren-Teamchef zum Damen-Nachwuchstrainer degradiert wurden?

Martin Oßwald: Ja schon, durch die Zurückstufung fiel mir die Entscheidung wegzugehen auf jeden Fall leichter. Die Art und Weise hat mir nicht gepasst, und mit der Perspektive, längerfristig Europacup-Trainer zu sein, war ich überhaupt nicht glücklich. Nach dreizehn Jahren im gleichen Team kam mir dann auch ein Klimawechsel ganz gelegen. Kurzum: Es war sehr erfreulich für mich, dass die Norweger bei mir angeklopft haben.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie in den letzten vier Jahren riesige Erfolge feiern konnten, haben Sie Ihren laufenden Vertrag im Sommer gekündigt und sind wieder Cheftrainer der deutschen Herren-Mannschaft. Ganz im Ernst: Sind Sie wahnsinnig?

Oßwald: Das haben mich viele gefragt. Mein Vertrag in Norwegen ging ja bis zu den Olympischen Spielen 2002. Aber ich hatte dort alles erreicht, was man erreichen kann. Meine Aufgabe hätte darin bestanden, das hohe Niveau zu halten, wenn möglich zu verbessern. Im letzten Winter, als der Deutsche Ski-Verband an mich herantrat, stand für mich die persönliche Herausforderung eines Neuaufbaus im Vordergrund. Das hat mich sehr gereizt.

SPIEGEL ONLINE: Es bleibt dabei, Sie sind von der Champions League in die Regionalliga gewechselt.

Oßwald: Vom Erfolg werde ich in nächster Zeit sicher nicht so verwöhnt sein, aber hier gibt es doch für mich sicher ganz andere Erfolgserlebnisse. Wenn es mir gelingt, neben Markus Eberle weitere Leute in der ersten Startgruppe zu etablieren, dann würde mich das sehr freuen. Zudem weiß ich sehr wohl, wie wichtig es ist, dass das deutsche Männer-Team wieder den Anschluss schafft. Wenn sich Erfolg einstellt, erhöhen sich auch die Einschaltquoten und somit auch die Einnahmen für die Sportler, aber auch für den Verband.

SPIEGEL ONLINE: Die Einnahmen von Martin Oßwald dürften sich aber auch erhöhen?

Oßwald: Ich will's mal so sagen: Es ist eine ganz klare Verbesserung zu Norwegen. Aber Fakt ist: Das Finanzielle war nicht der ausschlaggebende Punkt für mich. Entscheidend war, dass der DSV auf mich zugekommen ist und nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn aus Markus Eberle, Max Rauffer und Stefan Stankalla einen Lasse Kjus oder Kjetil-André Aamodt machen?

Oßwald: Das ist natürlich nicht so einfach und wäre auch vermessen. Wir können nicht von heute auf morgen neue Stars aus dem Hut zaubern. Man muss sie aufbauen, und das braucht erst mal vielleicht drei Jahre. Aber ich denke positiv, und wir haben ja hoffnungsvolle Talente wie Florian Eckert. Wenn der sich nicht verletzt, hat er durchaus das Potenzial, ein wirklich guter Skifahrer zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Am Wochenende beginnt die Weltcup-Saison in Sölden: Was erhoffen Sie sich von ihrem Team in diesem Winter?

Oßwald: Da der Markus Eberle noch verletzt ist (Syndesmoseriss - Red.) und heuer nicht starten können wird, hoffe ich, dass es einer unserer drei Starter schafft, sich in Sölden erst einmal zu qualifizieren. Wir wollen versuchen, eine Konstanz unter den ersten Fünfzehn reinzukriegen. Von Markus erwarte ich, dass er es häufiger unter die zehn Besten schafft. Und dann vom Kopf her frei wird, mal alles riskiert und vorne mit dabei ist. Einen solchen Schub erhoffe ich mir dann auch von Rauffer und Stankalla.

SPIEGEL ONLINE: Außer den norwegischen Herren konnte im letzten Winter kaum einer den Österreichern die Plätze auf dem "Stockerl" streitig machen. Fürchten Sie auch in diesem Jahr einen übermächtigen "Herminator"

Oßwald: Nein. Ich glaube, dass insbesondere die Schweizer alles getan haben, um das zu ändern. Ich denke aber auch an die Italiener und speziell die Franzosen, die im letzten Winter viel Verletzungspech hatten. Nicht zu vergessen die Norweger: Lasse Kjus soll wieder voll fit sein! Letzte Saison war es manchmal schon sehr langweilig: immer Hermann Meier!



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