IOC-Entscheidung zum russischen Doping-Skandal Kratzer, Whistleblower und ein Mauseloch

Am Abend entscheidet das IOC in Lausanne, ob Russland an den Winterspielen in Südkorea teilnehmen darf. Falls nicht, wäre es der erste Olympia-Ausschluss einer Nation wegen Dopings. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Abschlusszeremonie der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi
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Abschlusszeremonie der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi

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Worum geht es?

Kurz gesagt: Darum, ob Russland an den Olympischen Winterspielen in Südkorea teilnehmen darf - und falls ja, unter welchen Bedingungen.

Etwas ausführlicher: Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) entscheidet heute über mögliche Sanktionen für Russland. Konkret steht die Frage im Raum, ob das Nationale Olympische Komitee für das in den McLaren-Reports beschriebene staatlich geförderte Dopingprogramm in den Jahren 2011 bis 2015 bestraft wird. Die schärfste Strafe wäre ein Ausschluss von den Spielen in Pyeongchang, es wäre ein Novum: Wegen Dopings wurde noch nie eine ganze Nation für die Spiele gesperrt. Gegen 19.30 Uhr wird die Entscheidung im schweizerischen Lausanne bekannt gegeben.

Was war noch mal der McLaren-Bericht?

Der kanadische Juraprofessor Richard McLaren war nach den Veröffentlichungen der ARD über mutmaßliches Staatsdoping in Russland von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada beauftragt worden, den Hinweisen nachzugehen. Er sprach mit Zeugen, unter anderem mit dem früheren Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors Grigorij Rodtschenkow, und sah sich andere Indizien an. Anschließend veröffentlichte er zwei Berichte, den zweiten im Dezember 2016.

Diese förderten zutage, dass es in Russland ein ausgeklügeltes Vertuschungsprogramm von positiven Dopingproben gebeben hat, von dem 1000 Athleten profitierten, und an dem auch das Sportministerium unter dem damaligen Leiter und heutigen Vizestaatschef Witali Mutko beteiligt war. Laut McLaren entschied Mutkos Stellvertreter Jurgi Nagornich, welche Dopingfälle unter den Teppich gekehrt werden sollten. Wichtig: Der McLaren-Report hat - und das betonte der Kanadier jüngst im SPIEGEL-ONLINE-Interview - nicht den Nachweis gegen einzelne Sportler geführt, sondern das System belegt.

Wie soll bei den Winterspielen von Sotschi getrickst worden sein?

Die Geschichte des Betrugs liest sich abenteuerlich: Laut McLaren bohrten Agenten des russischen Geheimdienstes FSB im Dopingkontrolllabor von Sotschi ein Loch in die Wand des Raums, in dem die Urinproben standen. Durch dieses "Mauseloch", wie es die Russen nannten, wurde der Urin russischer Athleten durch sauberen ersetzt. Pikant: Es gelang den Russen offenbar, die als sicher geltenden Behälter unbemerkt zu öffnen und zu verschließen. Dabei entstanden jedoch verräterische Kratzer, zudem wurde in einigen Proben von Frauen männliche DNA und sogar Kaffeepulver gefunden. (Mit diesem Thema beschäftigt sich auch die Netflix-Dokumentation "Ikarus".)

SPIEGEL ONLINE

Wer ist der Kronzeuge Rodtschenkow?

Grigorij Michailowitsch Rodtschenkow war von 2006 bis 2015 Leiter des Moskauer Dopingkontrolllabors. Der Chemiker ist neben dem Ehepaar Stepanow, einer russischen Läuferin und einem ehemaligen Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur, der wichtigste Kronzeuge für die Ermittler. Er ist im Zeugenschutzprogramm des FBI und hält sich derzeit in den USA auf. Rodtschenkow stellte McLaren Tausende Dokumente zur Verfügung und legte Zusammenhänge offen.

Rodtschenkow ist eine schillernde Persönlichkeit, die laut eigener Aussage viele verbotene Präparate an sich selbst getestet hat - und auch Handel mit Dopingmitteln betrieben haben soll. Sein Spezialangebot: der sogenannte "Duchess-Cocktail", eine Kombination aus drei Steroiden. Russische Athleten berichten zudem, dass Rodtschenkow Geld dafür kassiert habe, positive Proben verschwinden zu lassen. Nach einem Wada-Report im November 2015 über diese Machenschaften floh er nach Los Angeles - und packte aus. Sowohl das IOC als auch Ermittler McLaren halten ihn für glaubwürdig. Die russischen Behörden haben hingegen ein Strafverfahren eingeleitet und verlangen die Auslieferung von den USA.

Was folgte auf die McLaren-Reports?

Die Enthüllungen sorgten für Wirbel und Empörung. Russland verlor die Rechte an den Austragungen mehrerer Sportveranstaltungen, etwa der Biathlon-WM 2021. Die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr darf hingegen durchgeführt werden. Der Internationale Leichtathletikverband IAAF hatte die russischen Leichtathleten bereits vor den Reports von seinen Wettkämpfen ausgeschlossen, das Internationale Paralympische Komitee entschied sich nach Veröffentlichungen der Berichte ebenfalls dazu. Beide Entscheidungen wurden vom Sportgerichtshof Cas gebilligt.

Das IOC entschied sich trotz großen Protests gegen einen Ausschluss des russischen Teams von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro und delegierte die Entscheidungen an die Einzelverbände. Es rief zudem zwei nach ihren Vorsitzenden benannten Kommissionen ins Leben, die die Ergebnisse des McLaren-Reports prüfen sollten: die Oswald-Kommission kümmerte sich um persönliche Verfehlungen einzelner Athleten, die Schmid-Kommission um das Dopingsystem. Mittlerweile hat das IOC mehrere Dutzend russische Athleten auf Grundlage des Reports bestraft, einige zogen dagegen vor den Cas.

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Doping in Russland: Das Who is Who im Olympia-Skandal

Wie ist der russische Standpunkt?

Zunächst gab es einsichtige Stimmen aus Russland, mehrere belastete Personen verloren ihre Posten. Es gab sogar ein im Nachhinein wieder kassiertes Eingeständnis der Chefin der russischen Anti-Doping-Agentur. Auch ein neues Anti-Doping-Gesetz wurde eingeführt. Doch die heutige russische Position auf die Vorwürfe ist eindeutig: "Es hat nie und wird niemals ein staatlich gelenktes Dopingsystem in Russland geben", sagte Mutko jüngst vor der WM-Gruppenauslosung in Moskau: "Das brauchen wir hier nicht. Diese ständigen Vorwürfe und Spekulationen zielen nur darauf ab, unser Land zu diskreditieren." Laut Mutko fehlten die Beweise.

Zuvor hatte auch die oberste russische Ermittlungsbehörde bekannt gegeben, dass sie alle Vorwürfe als widerlegt ansehe. Der McLaren-Bericht stimme nicht. Zahlreiche russische Sportler und Sportfunktionäre sehen sich ungerecht behandelt.

Kommt der Komplettausschluss?

Unterschiedliche Szenarien sind möglich - auch ein Komplettausschluss für die Winterspiele in Südkorea. Lange Zeit galt eine hohe Geldstrafe als wahrscheinlich, nun sind vor allem kleinere Sanktionen im Gespräch: So könnte den russischen Sportlern die Teilnahme an Eröffnungs- und Schlussfeier verwehrt bleiben. Auch ein Hymnen- und Fahnenverbot wurde diskutiert. Sollte so entschieden werden, würde man eventuell trotzdem keine russischen Athleten in Südkorea sehen, russische Politiker haben für einen solchen Fall einen Boykott ins Spiel gebracht. Der Kreml teilte hingegen mit, dass dies "nicht geprüft" werde.

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Grummelchen321 05.12.2017
1. Ach wie ich mich
auf die diesjährigen Dopingwinterspiele freue.Die öffentlich Rechtlichen müssten wenn Russland starten darf die Übertragung wie bei der Tour verweigern und das Geld für die Senderechte zurückverlangen. ARD und ZDF machen sich sonst mit ihrer Vorstellung von Ethik und sauberen Sportes lächerlich. Die Sportler weltweit müssten auch endlich einmal eine klare Linie ziehen. Entweder ihr räumt mit Doping und Korruption auf oder wir machen nicht mehr mit. Das wird leider nicht geschehen.Die Sportler sind von den Verbänden finanziell so abhängig das sie im Ernstfall ihre Existenz verlieren und zu viele sogenannte Funktionäre verdienen daran. Was hat den der DOSB vor wenn Russland starten darf.Boykott? Was sagt der Bundespräsident dazu.Schließlich ist er der Schirmherr des DOSB.
kesselka 05.12.2017
2. Komplettausschluss? Niemals. Geld"strafe" schon eher
Trotz der erdrückenden Beweise wird es keinen Komplettausschluss geben. Da werden sich Bach und Kumpane Putin schon längst einig geworden sein. Sonst wären die Russen schon lange öffentlich am Rumpoltern. Am Ende wird ein bisschen Geld den Besitzer wechseln. Staatsdoping ist dann ein Geschäftsmodell.
pauli96 05.12.2017
3. Doping ist Mist
Aber Sport ist nicht alles. Auf Grund der Aussage eines Kriminellen, wird Russland in der Prestigefrage Sport und Olympia vor aller Welt gedemütigt. Mag sein, dass es dem Sport nützt. Die Welt hat davon eher mehr Probleme.
shardan 05.12.2017
4. Und es wird NICHTS passieren.
Es wird genau gar nichts passieren. Einerseits dürfte das IOC vermutlich kaum weniger verfilzt sein als die FiFa, in der es jau auch bei massiv kriminellem Verhalten keine Konsequenz gibt. Zum anderen dürften andere Staaten dann vermutlich genau so wenig an deo olympischen Spielen teilnehmen. oder glaubt man hier ernsthaft an den alleinig "bösen Russen"? Es gäbe ein einziges Heilmittel, das bei IOC und FiFa helfen würde: Der völlige Boykott der Zuschauer. Wenn die Zuschauer wegbleiben, kommen keine Werbegelder mehr, das System der Geldverteilung bräche zusammen. Leider sind zu viele Zuschauer schlicht zu dumm zu erkennen, dass sie systematisch betrogen und ums Geld gebracht werden und schauen weiter....
akkzent 05.12.2017
5. Im ersten Moment scheint die Sperre richtig
Aber es kann grundsätzlich nicht angehen, Sportler einer bestimmten Nation zu sperren, die nicht individuell des Dopings überführt sind. Auch wenn mit staatlicher Energie gedopt wurde, muss schon der Beweis erbracht werden, dass der Sportler XY tatsächlich gedopt hat. Also: nur ein überführter Sportler kann wegen Dopings gesperrt werden. Die russischen Athleten müssen grundsätzlich zu Wettkämfen zugelassen werden.
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