Festgenommener IOC-Funktionär Hickey "Endlich mal der Richtige"

Patrick Hickey hat in Olympiakreisen einen schlechten Ruf. Die Festnahme des langjährigen Partners von IOC-Präsident Thomas Bach kam trotzdem überraschend. Nun muss er illegalen Tickethandel erklären.

Patrick Hickey (l.) und IOC-Präsident Thomas Bach
REUTERS

Patrick Hickey (l.) und IOC-Präsident Thomas Bach

Aus Rio de Janeiro berichtet


Die Polizeibeamten kamen um 6.30 Uhr. Sie betraten das IOC-Hotel Windsor Marapendi, gingen zum Zimmer von Exekutivmitglied Patrick Hickey und klopften.

Sylviana Hickey, Ehefrau des IOC-Mitglieds, behauptete, ihr Mann sei bereits auf dem Rückweg nach Irland. Doch die Beamten ließen sich nicht abwimmeln, immerhin hatten sie einen Durchsuchungsbefehl und einen Haftbefehl dabei.

Hickey, einer der einflussreichsten Sportfunktionäre der Welt, saß im Bademantel auf dem Bett. Er wurde abgeführt, Computer, Mobiltelefone, Pass und Unterlagen wurden konfisziert. Der 71-Jährige war offenbar überrascht und geschockt, weshalb die Polizei ihn zunächst in ein Krankenhaus fuhr, um seinen Gesundheitszustand überprüfen zu lassen.

Hickey, auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Irlands und des EOC, der Vereinigung aller europäischen NOKs, wird die Beteiligung am illegalen Tickethandel während der Olympischen Spiele vorgeworfen. Insgesamt soll es um ein Volumen von bis zu drei Millionen Dollar gehen, in welcher Höhe Hickey beteiligt sein soll, blieb zunächst unklar. Derlei Vorwürfe treffen Hickey nicht zum ersten Mal, erstmals jedoch gehen Ermittlungsbehörden rigoros vor.

Hickey ignoriert den irischen Sportminister

Am Tag der Eröffnungsfeier waren bereit zwei Tickethändler verhaftet worden, darunter der Ire Kevin James Mallon, Direktor der einschlägig bekannten britischen Firma THG Sports, verwickelt auch in die Ticket-Affären der Fußball-WM 2014. Irlands Sportminister Shane Ross hatte eine unabhängige Untersuchung angekündigt, flog nach Rio, biss aber bei Hickey und auch beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) auf Granit. Hickey, beim IOC auch Autonomiebeauftragter, behauptete, in Irlands NOK eine eigene Kommission einsetzen zu wollen. Gemäß eines Berichts der irischen Zeitung "Independent" weigerte sich Hickey, die Fragen des Sportministers zu beantworten. Mittlerweile hat der Ire seine Ämter vorübergehend niedergelegt.

Die IOC-Administration reagierte zunächst konfus. Offenbar wurden die Sicherheitskräfte am Hotel angewiesen, Journalisten den Zutritt zu verweigern. Dem brasilianischen Reporter Jamil Chade, der mit zwei Kollegen live von der Verhaftung berichtet hatte, wurde kurzzeitig die Akkreditierung für das IOC-Hotel entzogen. Während Olympischer Spiele reicht die normale Journalistenakkreditierung nicht aus, um Zutritt zu den Herbergen der olympischen Familie zu erhalten. Dafür werden an etwa drei Dutzend Journalisten weltweit gesonderte Zugangspässe für die IOC-Hotel ausgestellt.

Kommunikationsdirektor Mark Adams erklärte kurz darauf, es habe sich um ein Missverständnis der Sicherheitskräfte gehandelt. Aus deren Kreisen hieß es indes, es habe eine Anweisung seitens des IOC gegeben. Auf seiner täglichen Pressekonferenz erklärte Adams, man stehe in Kontakt zu den Ermittlungsbehörden und sei dabei, die Fakten zu überprüfen.

Hickeys Akkreditierung wurde eingezogen
AP

Hickeys Akkreditierung wurde eingezogen

IOC-Mitglieder wollten den Vorgang auf SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren. Wohl aber wurde unter der Hand deutliche Schadenfreude geäußert. Mit Hickey treffe es "endlich mal den Richtigen". Hickey hat in Olympiakreisen seit Jahrzehnten einen schlechten Ruf.

Im Machtpoker aber wissen IOC-Führer stets seine Fähigkeit zu schätzen, mitunter dubiose Allianzen zu schmieden. So gehört Hickey als EOC-Präsident zu den wichtigsten Verbündeten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des DOSB-Ehrenpräsidenten Thomas Bach. Als Bach 2013 in Buenos Aires zum neunten IOC-Präsidenten gewählt wurde, war Hickey einer seiner wichtigsten Unterstützer. Knapp drei Jahre später ist er nicht der Einzige aus dem Bach-Lager, der Probleme mit der Justiz hat: Lamine Diack, langjähriger Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, steht in Frankreich unter Hausarrest und erwartet seinen Korruptionsprozess. Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah war Auslöser juristischer Verfahren in Kuwait.

Hickeys Sohn weilt noch im IOC-Hotel

Hickey und sein Sohn Stephen waren bereits während der Olympischen Spiele 2012 in London in derlei Ticket-Affären verstrickt. Brasiliens Fußball-Legende Romário, Weltmeister 1994 und seit Jahren Kongressabgeordneter, hatte bei einer Anhörung zur Sport-Korruption in Brasília 2012 vor Hickey gewarnt. Er forderte den damaligen Sportminister Aldo Rebelo schriftlich auf, die Ticketgeschäfte Hickeys und die Deals mit brasilianischen Olympiaorganisatoren gründlich zu überprüfen. Stephen Hickey soll sich gemäß Medienberichten noch im IOC-Hotel aufhalten. Gegen ihn liegt bisher kein Haftbefehl vor.

Patrick Hickey wurde von IOC-Präsident Bach zum IOC-Delegierten für die Autonomie des Sports ernannt. Ausgerechnet Hickey, der unter dubiosen Umständen 2015 die ersten Europaspiele von Aserbaidschans Staatschef Ilham Alijew in Baku austragen ließ.

Alijew ist auch Präsident des NOK von Aserbaidschan, gemäß zahlreicher Berichte der zwischenzeitlichen inhaftierten regimekritischen Journalistin Kadhija Ismailowa soll sich der Alijew-Clan im Rahmen der European Games erneut bereichert haben. Hickey aber, Geschäftspartner Alijews, erstattet bei IOC-Meetings regelmäßig Bericht zu Fragen der Good Governance und der Sport-Autonomie.

Hickey lässt seine Ämter vorerst ruhen.



insgesamt 28 Beiträge
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Zündkerze 17.08.2016
1. IOC - der gleiche Sumpf
die gleichen Machenschaften wie bei der FIFA, nur andere Leute.
lima12666 17.08.2016
2. Raffgier
Warum kann diese Bande von Sportfunktionären nie genug bekommen. Nach Außen immer die schönen Seiten des Leistungssports in den Vordergrund rücken, aber dann mit Dollarzeichen in den Augen nur an die eigene Brieftasche denken. Dabei werden diese "Ehrenamtlichen" ja schon fürstlich bezahlt (Thomas Bach über 200.000 Dollar zzgl. Spesen). Die Sportler sollten auch mal daran denken, wenn sie vom Staat immer neue Unterstützung fordern. Die Funktionäre bereichern sich ja an den Leistungen der Sportler. Auch hier gilt: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Abscheulich
kopi4 17.08.2016
3.
Wenn ich mir so die Ränge bei den Übertragungen ansehe: wem hat er die Tickets verkauft? Oder, anders ausgedrückt: sollte für einen lukrativen Tickethandel nicht ein Mindestmaß an Nachfrage bestehen?
herm16 17.08.2016
4. hoert auf
mit Olympia! Das ganze ist aus dem Ruder gelaufen. Gedopte Sportler, korrupte Funktionäre. Sportler wie am Beispiel Katar, Türkei, die fuer diese Länder starten, das Land noch nie gesehen haben. Jetzt fehlt eigentlich nur noch dass Athleten mit Doppelpass 100 mtr fuer das eine und 200 mtr für das andere Land laufen. Ein radikaler Wandel ist nötig. Überwachung der Funktionäre, wer beim Doping erwischt wurde, wird lebenslang gesperrt. Startberechtig fuer ein Land ist nur derjenige, der in dem Land geboren wurde.
SigismundRuestig 17.08.2016
5. Im Sumpf versunken
Die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports in Verbindung mit allen daraus resultierenden Auswüchsen wie z.B. dem aktuellen Fall des illegalen Tickethandels des IOC-Funktionärs Patrick Hickey ist ein unumkehrbarer Prozess. Das hat schon Sloterdijk richtig analysiert! Insofern träumt Michael Groß nur einen unerfüllbaren Traum. Ansonsten sind die derzeitigen Olympischen Spiele: Unsportlich! Dann lieber Pokémon Go! Ob FIFA oder IOC, Geld regiert auch die Sport-Welt, juchhe! Durchsichtige Politik des Aussitzens! Null Toleranz mit heuchlerischen Funktionären! Die Heuchel-Sportler und die Heuchel-Sport-Funktionäre haben jeglichen moralischen Maßstab verloren. Dem Fass schlägt den Boden aus, dass sich die Funktionärselite auch noch als "härtest mögliche Aufklärer" gebärdet! Aber die Doping-Whistle-Blowerin Julia Stepanowa von den Olympischen Spielen ausschließen! Als Vorbilder höchstens noch für Drogenabhängige, Drogendealer und Mafiosi geeignet. Entlarvend, dass sich die Politik nicht vehement distanziert! Bleibt nur, dass sich die anständigen Bürger angewidert abwenden! Boykottiert die olympischen Spiele und die nächsten Fußball-Weltmeisterschaften im Fernsehen! Und geht auf die Barrikaden, wenn das staatliche Fernsehen weiterhin diesen Schurken eure Gebühren-Millionen/Milliarden hinterherwirft! Boykottiert die Sponsoren, solange sie diese unwürdigen Spiele unterstützen! Und: spielt lieber Pokémon Go! Verkehrte Welt? http://youtu.be/QqoSPmtOYc8 Viel Spaß beim Anhören! Und im übrigen: IOC- und FIFA- Top-Funktionäre erfüllen nicht einmal die selbst gestellten ethischen Anforderungen! Wie kann es weitergehen? Z.B. durch Neuaufbau entsprechender alternativer Sportverbände, die sich wieder auf sportliche Ideale und olympische Traditionen besinnen! Das könnte auch heißen, dem Amateursport wieder breiteren Raum einzuräumen. Ein weites Feld für innovative, motivierte und idealisierte Sportler und Sportbegeisterte! Ob sich Politik, Medien, Sponsoren darauf einlassen? Skepsis ist angebracht.
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