IOC in der Krise Unpolitisch in Landesfarben

Zerrieben im Tibet-Konflikt, ein Fackellauf als Farce: Das Internationale Olympische Komitee durchlebt eine seiner größten Krisen. Präsident Jacques Rogge hat erstmals ein Überdenken der gesellschaftlichen Rolle der Organisation angekündigt - sie erkennt endlich ihre politische Relevanz.


Jetzt musste Jacques Rogge doch eingreifen. Er konnte nicht mehr länger die Augen verschließen vor der Notwendigkeit eines Kurswechsels. Der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gab erstmals zu, dass seine Organisation ihre zukünftige Rolle in der Gesellschaft "neu überdenken" müsse. Das bisherige Engagement reiche nicht aus. Man müsse jetzt darüber nachdenken, "wie wir uns in Bezug auf die Menschenrechte verhalten", erklärte Rogge in einem Interview mit der belgischen Zeitung "Le soir".

Deutsches Team bei der Eröffnungsfeier in Athen 2004: In Landesfarben
DDP

Deutsches Team bei der Eröffnungsfeier in Athen 2004: In Landesfarben

Er reagierte damit auf heftige Kritik an seinem andauernden Schweigen in Menschenrechtsfragen. Der 66-Jährige räumte "Kommunikationsfehler" ein, als das IOC während der Unruhen in Tibet und der politischen Vereinnahmung des Olympischen Fackellaufs keine konsequente Sprachregelung fand - im Spagat zwischen Ethik und Profit drohte, zerrissen zu werden. Es ist ein Versuch des IOC-Bosses, seiner Institution aus einer der größten Krisen seiner jüngeren Geschichte herauszuhelfen. Einem Schlammassel, dass sich die Funktionäre selbst eingebrockt haben.

Dabei hätten es die hohen Herren des olympischen Sports eigentlich besser wissen müssen. Das IOC wollte von der Wirtschaftskraft der boomenden Großmacht China profitieren - mit all den politischen Problemen des totalitären Staates aber sollte der Sport sich nicht befassen müssen.

Sie hätten wissen müssen, dass diese Dinge nicht getrennt werden können. Denn so autonom der Sport sich selbst gerne sieht - er war es noch nie. Nicht 1936, als das NS-Regime die Olympischen Spiele in Berlin mit seiner Propaganda belastete. Auch nicht, als die gesellschaftliche Bedeutung wuchs und zwischen 1976 und 1988 Boykotte die politischen Krisen der Welt auch in der olympischen Welt widerspiegelten. Erst waren es 21 afrikanische Staaten, die aus Protest gegen den Bruch des Handelsembargos gegen Südafrika nicht nach Montréal reisten. Anfang der achtziger Jahre belastete der Kalte Krieg die Spiele in Moskau und Los Angeles. Auf die Wettbewerbe 1988 in Seoul verzichtete die nordkoreanische Delegation, drei weitere Staaten schlossen sich an.

"Wir lehnen jeden Versuch ab, die Spiele zu politisieren", sagt zwanzig Jahre später ein Sprecher des Pekinger Organisationskomitees Bocog. Man dürfe die Spiele "nicht unnötig politisieren", pflichtet ihm Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und IOC-Vizepräsident, bei.

Die Olympischen Spiele waren ohnehin nie unpolitisch. Der Einmarsch der Nationen, die Nationalhymnen, die Athleten in Landesfarben. Der Sportler war immer auch ein Botschafter des eigenen Landes und seiner Ziele - ob er wollte oder nicht. Die Vergabe der Spiele nach Peking, in ein Land, dass auch ein China-freundlicher Sportfunktionär wie Helmut Digel im Interview mit SPIEGEL ONLINE "ein kapitalistisches Ein-Parteien-System mit diktatorischem Charakter" nennt, potenzierte die politische Bedeutung der olympischen Bewegung. Ein Umstand, der von der verheißungsvollen wirtschaftlichen Perspektive überstrahlt wurde.

"Die Vergabe der Spiele nach Peking war doch immer eine politische Entscheidung", sagte der Chef des Schweizer Nationalen Olympischen Komitees, Jörg Schild, im SPIEGEL. "Mit den Winterspielen in Sotschi 2014 ist es das Gleiche." Die Vergabe an die russische Urlaubsmetropole fand 2007 statt.

2008 scheint zumindest IOC-Chef Rogge zu merken, dass der Sport nicht länger versuchen kann, unangenehme politische Konstellationen auszuklammern und gleichzeitig günstige politische Verflechtungen auszunutzen.

Leidtragend ist dabei auch der Sportler. Nach wie vor ist nicht klar, wie die Olympische Charta interpretiert werden kann, die den Athleten Meinungsfreiheit garantiert, aber politische Stellungnahmen wie Buttons mit der Aufschrift "Für eine bessere Welt" verbietet. Was hart klingt, sollte in erster Linie vor Propaganda während der Wettkämpfe schützen. Doch wo hört das Nationaltrikot auf und wo fängt das politische Statement an?

Die männlichen deutschen Athleten werden am 8. August in einem silberfarbenen Leinenanzug mit weißer Leinenhose, die Frauen in einer cranberryfarbenen Jacke und einem weißen Rock der Eröffnungsfeier im Olympiastadion in Peking beiwohnen. Vorne an der Tracht wird eine kleine Brosche befestigt sein. Sie zeigt den Bundesadler.



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