IOC-Präsident Peking-Prüfung für Jacques Rogge

Er ist ein Mann der Sportler - immerhin war er selbst einer. Unter den Athleten ist IOC-Präsident Jacques Rogge beliebt, in den eigenen Reihen dagegen mehrt sich Kritik. Die Spiele in Peking werden für den 66-Jährigen zur größten Bewährungprobe seiner Karriere.

Von , Peking


Es gab eine Zeit, da konnte Jacques Rogge Sportfunktionäre überhaupt nicht leiden. Auch mit Trainern hatte Rogge, damals Olympiasegler und gelegentlich belgischer Rugby-Nationalspieler, seine Probleme. Seinem Segel-Coach sagte er einmal deutlich, für wie dumm er ihn hielt. Wegen dieser verbalen Entgleisung wurde Rogge für die Olympischen Spiele 1972 gesperrt. Erst nach Intervention des belgischen NOK-Präsidenten Raoul Mollet durfte er auf der Kieler Förde segeln.

Mollet war vom ungestümen Rogge beeindruckt – und Rogge von Mollet. Sie hatten sich gesucht und gefunden, es entwickelte sich eine Vater-Sohn-Beziehung. Mollet warb ihn zunächst für die Mitarbeit in der Athletenkommission, die die Belgier damals schon hatten. "Wir brauchen Typen wie dich, die offen ihre Meinung sagen." Bald insistierte Mollet, Rogge solle die Seiten wechseln und die Funktionärsriege verstärken. Rogge antwortete: "Sir, was soll ich mit all diesen alten Leuten anfangen? Das wird sehr langweilig." Dann lenkte er ein. Die beiden wagten einen Kompromiss – ein halbes Jahr Probezeit für Rogge.

Es sind etwas mehr als sechs Monate geworden. Schon dreieinhalb Jahrzehnte. Jacques Rogge, der einstige Rebell, ist im Juli 2001 zum mächtigsten Mann des Weltsports aufgestiegen. Der achte Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), inzwischen 66 Jahre alt, steht in Peking vor seiner größten Herausforderung. Vom Verlauf dieser Spiele werde er abhängig machen, ob er im kommenden Jahr, wenn seine erste Amtsperiode abläuft, für weitere vier Jahre kandidiere, hat Rogge zuletzt mehrfach gesagt. Damit nährt er freiwillig Spekulationen.

Ist er amtsmüde? Ernsthaft erkrankt? Erschöpft vom ständigen Kampf gegen Windmühlenflügel? Zermürbt von der harschen Kritik aus Medienwirtschaft und Politik? Zermalmt von den Mühlsteinen der Weltmächte? Hat der Mann, der einst versprach, den olympischen Weltsport zu revolutionieren, das Zupacken verlernt?

Zur Wahrheit gehört: Rogge macht körperlich einen erstklassigen Eindruck. Er ist in Olympiaform. Aufrecht der Gang, federnd die Schritte. Hellwach und mitunter sogar witzig wie in alten Tagen, zumindest auf der IOC-Session. Nur blitzt sein Charme gegenüber Journalisten kaum noch auf. Er ist misstrauisch geworden, ernst und verschlossen. Seine Antworten sind diplomatische Floskeln, die sein Vorgänger Juan Antonio Samaranch, der einstige franquistische Sportminister, nicht besser hätte formulieren können.

Er erwarte "exzellente Spiele". Er lehnt es ab, sich für gebrochene Versprechen, wie das des freien Internetzugangs für olympische Berichterstatter, zu entschuldigen. Er verteidigt seinen Joint-Venture-Partner, die chinesische Regierung, in jeder Frage: Menschenrechte, Luftverschmutzung, Pressefreiheit, Sicherheit. Mit der Eröffnungszeremonie, verspricht Rogge, werde die "Magie der Spiele" dominieren. Dann wird er sich unters Fußvolk mischen.

Denn Rogge bleibt ein Präsident zum Anfassen. Er nächtigt, wann immer es geht, im olympischen Dorf – mitten unter den Athleten.

"Zero Tolerance", das waren Rogges Lieblingsworte über viele Jahre. Sein Programm, vorgestellt bei der Wahl im Juli 2001 in Moskau, klang revolutionär: "Für die Glaubwürdigkeit des Sports. Gegen Doping. Gegen Korruption. Gegen Gewalt." In dieser Deutlichkeit hatte man das noch nie gehört von einem IOC-Präsidenten. Rogge, der zwei Jahrzehnte lang als Chirurg in seiner Heimatstadt Gent praktizierte, verglich beispielsweise den Kampf gegen Korruption mit dem entfernen einer Eiterbeule: "Ich muss das Geschwür aufschneiden, damit der Eiter ausfließen und damit es austrocknen kann."

An seine Profession erinnern seine Kritiker im IOC immer öfter. Rogge sei halt Chirurg, heißt es hinter vorgehaltener Hand: autistisch veranlagt, der diskutiert nicht, der handelt ohne Rücksicht auf Verluste. Derlei Stimmen kommen meistens von jenen, die um ihre Pfründe fürchten. Von seinen Feinden. Mögliche Nachfolger scharren mit den Hufen.

Zu jenen, die sich in Stellung bringen, zählen der IOC-Vizepräsident Thomas Bach, ein deutscher Industrie-Lobbyist, und der Ukrainer Sergej Bubka, der mit allerlei Geschäften Millionen verdient. Dass Bach und Bubka ihr Interesse an der IOC-Präsidentschaft bestreiten, gehört zum Spiel. Rogges Lager ist alarmiert und nimmt jede Geste, jedes Gerücht zu den Akten.

Dass sich nun ausgerechnet der Kanadier Richard Pound auf der IOC-Session zum Wortführer der Unzufriedenen aufschwang, hat weniger mit Bach und Bubka zu tun. Es ist eine tragische Note. Denn Pound hat dem IOC so viel gegeben wie kaum ein anderer. Der Steueranwalt aus Montreal war Marketingchef, hat all die Milliardenverträge besiegelt, auch den bis Peking laufenden Kontrakt mit dem amerikanischen TV-Giganten NBC.

Er führte im IOC-Bestechungsskandal 1998/99 die hausinterne Prüfungsgruppe und übernahm, als Samaranch handlungsunfähig war, das Kommando. Er war von 1999 bis 2007 Präsident der Weltantidopingagentur Wada. Pound hat es nie verwunden, dass die Kollegen keine Dankbarkeit kennen: Als er 2001 IOC-Präsident werden wollte, unterlag er nicht nur Rogge, sondern auch dem korrupten Koreaner Un Yong Kim, inzwischen aus dem IOC verstoßen.

Pound kritisierte Rogge für eine desaströse Kommunikationspolitik im Frühjahr, als die Tibet-Krise das IOC schwer beschädigte und Defizite offenlegte. "Der internationale Teil des Fackellaufs war ein Desaster, wir sind dem Ganzen nur mit Mühe und Not entkommen." Pound rief Rogge zu: „Sie, Herr Präsident, haben vor Monaten hier eingestanden, dass wir eine veritable Krise haben. Nur das Erdbeben in China hat uns vor einem Desaster gerettet."

Nur das Erdbeben – nicht die Politik des Präsidenten.

Wohin diese Diskussion führt, ist noch nicht abzusehen. Bekommt Rogge im Oktober 2009 auf der IOC-Sitzung in Kopenhagen einen Gegner? Das ist nicht auszuschließen. Bislang schien es, als kokettiere Rogge nur damit, ob er satzungsgemäß vier Jahre verlängere. Dass dieser IOC-Präsident die Sportler hinter sich weiß, spielt keine Rolle.

Jacques Rogge ist, wenn man so will, ein Mann der Massen. Allerdings haben diese Massen im IOC nur wenige Stimmen.

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