IOC-Präsident Thomas Bach Das Märchen von den Gratisspielen

Fünf Jahre ist Thomas Bach nun Chef des Internationalen Olympischen Komitees. Die Zahlen stimmen, doch die Diskussionskultur ist schlecht, Kritiker dringen kaum durch. Ein großes Ziel hat der Deutsche noch.
Thomas Bach

Thomas Bach

Foto: MARCOS BRINDICCI/ REUTERS

Buenos Aires hat eine besondere Bedeutung im Leben von Thomas Bach. Darauf weist der 64-Jährige immer wieder hin. In Argentiniens Hauptstadt nahm er als Florettfechter vor 45 Jahren an seiner ersten Junioren-WM teil. Hier wurde er 1977 Team-Weltmeister. Und am 10. September 2013 wurde er in Buenos Aires neunter Präsident in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Fünf Jahre später macht der Olympia-Tross erneut Station am Río de la Plata. Noch bis 18. Oktober finden die dritten Sommerjugendspiele statt. Das IOC hat gerade seine 133. Vollversammlung beendet. Bach hatte diesmal eine zweitägige Konferenz vorgeschaltet, das "Olympism in Action"-Forum, zu dem einige wenige kritische Geister geladen waren.

In einer der Gesprächsrunden sagte Chris Dempsey, Initiator der erfolgreichen Nolympia-Initiative in Boston, das IOC habe das Geschäftsmodell bei der Austragung Olympischer Spiele noch immer nicht grundlegend geändert. Die Zeche müsse nach wie vor größtenteils aus Steuermitteln beglichen werden. Bach erklärte daraufhin, er finde es komisch, wenn jemand, der nie Olympische Spiele organisiert habe, glaube, alles besser zu wissen.

Bach mischt das IOC durch

Verbale Widerstände wie die von Dempsey hatte Bach auf der 133. Session selbst nicht zu überwinden. Die Vollversammlung war die achte unter seiner Leitung. Alle Sessionen waren durchkomponiert, nichts wurde je dem Zufall überlassen, stets waren zahlreiche Promotionvideos produziert und eröffneten Claqueure aus den eigenen Reihen das Feuer auf jeden, der zaghafte Kritik anbrachte.

Erstmals seit drei Jahren wurde auch nicht mehr erbittert über das russische Dopingsystem gestritten. Nicht einmal der Kanadier Richard Pound, dienstältestes IOC-Mitglied, konnte sich zu einem nachhaltigen Debattenbeitrag aufraffen. Auch über die neue Athletencharta wurde kaum debattiert. Die IOC-Athletenkommission ist unter der Schwimm-Olympiasiegerin Kirsty Coventry, neuerdings Sportministerin in Simbabwe, stramm auf Bach-Kurs. Die dezidierten kritischen Stellungnahmen auch der deutschen Athletenkommission werden höchstens als Minderheitenmeinung angesehen.

Neun neue Mitglieder wurden aufgenommen, darunter die 24-jährige Afghanin Samira Asghari. Zurzeit zählt das IOC 104 Mitglieder, fünf scheiden Ende des Jahres aus Altersgründen aus. Seit 2013 wurde rund ein Drittel neuer Mitglieder kooptiert, kein IOC-Präsident zuvor hat das Gremium derart zügig neu gemischt. Bach wird so weiter machen. Seine erste Amtszeit läuft bis 2021, dann wird er satzungsgemäß für vier Jahre verlängern und 2025 als Präsident ausscheiden. Die Finanzen stimmen: Unter Bach wurden Verträge mit TV-Stationen und Sponsoren im Wert von etwa 14 bis 15 Milliarden Dollar abgeschlossen, zuletzt mit dem Allianz-Konzern bis 2028.

Verzehrender Wunsch nach dem Nobelpreis

Auf Bachs letzter Session als IOC-Präsident im Jahr 2025 würden normalerweise die Sommerspiele 2032 vergeben, für die sich in Nordrhein-Westfalen Bachs FDP-Parteifreund Michael Mronz, ein Sportvermarkter und Medienunternehmer, ins Zeug wirft. Aber in Sachen Olympiabewerbungen ist nichts mehr normal im IOC, nachdem in den vergangenen Jahren in demokratischen Nationen mehr als ein Dutzend Bewerbungen am Widerstand der Bevölkerung und sogar der Skepsis von Politikern gescheitert sind. Weil für die Sommerspiele 2024 mit Paris und Los Angeles nur zwei Kandidaten blieben, hatte Bach schon den historischen Doppelbeschluss eingeleitet: Die Spiele 2024 wurden an Paris, die für 2028 an Los Angeles vergeben.

Momentan deutet alles darauf hin, dass für 2032 Spiele auf der koreanischen Halbinsel die erste Option sind. Bach schrieb seinem IOC, und damit vor allem seiner Politik, gerade erneut die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea auf die Fahnen. Die gemeinsame koreanische Eishockeymannschaft, die Teilnahme der Nordkoreaner bei den Winterspielen im Februar in Pyeongchang, sei der Anfang vom Ende der Eiszeit gewesen.

Und der Drang der IOC-Führung, dieser verzehrende Wunsch nach dem Friedensnobelpreis, klingt bei alldem stets durch. Am Rande der Uno-Vollversammlung traf Bach vergangene Woche in New York erneut Südkoreas Präsident Moon Jae-In. So sieht er sich gern, der IOC-Präsident, auf Augenhöhe mit den Politgrößen des Planeten. Dass Bach dann auf dem Weg nach Buenos Aires erneut nicht in Rio de Janeiro Station machte, wo IOC-Größen in spektakuläre Kriminalfälle verstrickt sind und der Olympiagastgeber von 2016 unter der Last der Milliardenkosten leidet, ist mehr als eine Randnotiz.

"No Costs Olympics"

Die üblichen Horrormeldungen über explodierende Olympiakosten prallen am IOC-Präsidenten ab. So hat in Tokio, Gastgeber der Sommerspiele 2020, die Regierung vom Rechnungshof gerade eine Auflistung aller Kosten machen lassen: 26 Milliarden Dollar, vielleicht mehr. Tokios Organisationskomitee (TOCOG) sprach auf der IOC-Session aber nur von 12,3 Milliarden, zudem feiern TOCOG und IOC die Weisheit der angeblichen Reform-Agenda 2020 von Bach: Allein deshalb habe man die Kosten in Tokio um 4,3 Milliarden Dollar reduzieren können. Bach sagte zu den jüngsten Berechnungen des japanischen Rechnungshofs nur, man werde den staatlichen Stellen schon erklären, welche Kosten olympiabedingt seien und welche nicht.

Bei den Winterspielen sieht es schlimmer aus, da geht es ums Überleben. Drei Jahre hat das IOC gebraucht, um nach den spektakulär gescheiterten Referenden (etwa in Österreich und in der Schweiz) nun mit Calgary, Stockholm und Mailand (gemeinsam mit Cortina d'Ampezzo) drei Kandidaten für 2026 zu finden. Ob es dabei bleibt, steht in den Sternen, im November gibt es ein Referendum in Calgary, davon hängt vieles ab.

Bachs Vizepräsident Juan Antonio Samaranch, Sohn des gleichnamigen langjährigen IOC-Chefs, hielt das nicht davon ab, in Buenos Aires den äußerst bizarren Begriff der "No Costs Olympics" zu prägen. Für den Organisationsetat werde kein Cent öffentlicher Mittel gebraucht.

"No Costs Olympics", an diese Wortschöpfung werden sich die Steuerzahler in Olympiastädten gewiss noch lange erinnern.

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