IOC-Präsidentenwahl "Jeder außer Bach"

Bei der Präsidentenwahl des Internationalen Olympischen Komitees könnte Thomas Bach Geschichte schreiben. Noch nie hat es einen deutschen IOC-Boss gegeben. Doch der Widerstand wächst.
IOC-Präsidenten-Kandidat Bach (Archiv): Fünf Gegenkandidaten im September

IOC-Präsidenten-Kandidat Bach (Archiv): Fünf Gegenkandidaten im September

Foto: Tim Brakemeier/ picture alliance / dpa

Vor neun Monaten sah es noch so aus, als kämpfe der DOSB-Präsident Thomas Bach ganz allein um den IOC-Thron. Wann immer in den Medien der Name eines möglichen Kontrahenten genannt wurde, erkundigte sich Bach bei der betreffenden Person, ob das stimme. Der 59-Jährige soll dabei mal schnippisch, mitunter verärgert aufgetreten sein, berichten Teilnehmer dieser Gespräche.

Bach hatte stets gesagt, wie viel ihm dieser Karriereschritt bedeute und dass er viele Unterstützer habe. Doch durch sein Verhalten schwächt Bach seine Position, und das zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Seine jüngsten Auftritte sind Thema in IOC-Zirkeln, zumal Bach seit der Niederlage der Münchner Olympia-Bewerbung für die Winterspiele 2018 offenbar auch energisch daran gegangen war, Abweichler aufzuspüren. Das kam nicht gut an.

München hatte im Juli 2011 gegen Pyeongchang (Südkorea) mit 25 zu 63 IOC-Stimmen verloren. Für Bach war das eine sehr emotionale Sache. Er hatte sich engagiert für eine deutsche Bewerbung - und vergoss anschließend Tränen. Langjährige Weggefährten hatten ihn gewarnt und München keine Chance eingeräumt.

Als die Tränen getrocknet und der erste Schock verdaut war, wollte es Bach angeblich genau wissen. Er soll nach jenen IOC-Mitgliedern gesucht haben, die ihm und München die Gefolgschaft verweigert hatten. Teilnehmer mancher Vieraugengespräche berichten irritiert von einer bislang nicht bekannten Schärfe des deutschen Vorzeige-Olympioniken.

Fünf gegen Bach

Der turnusmäßig nach zwölf Jahren aus dem Amt scheidende Belgier Jacques Rogge soll im März in Lausanne mindestens zwei der Kandidaten ermuntert haben, bei der Wahl am 10. September gegen Bach anzutreten. Rogge ist eher Kollege denn Freund von Bach. Als sich die wichtigsten Funktionäre des IOC Ende April zur Eröffnung des "Juan Antonio Samaranch Memorial Museums" im nordchinesischen Tianjin trafen, streute jemand zum ersten Mal ein verschwörerisch klingendes Kürzel: ABT. Anyone but Thomas, jeder außer Thomas.

Aus ABT wurde einige Wochen später ABB: Anyone but Bach, jeder außer Bach. Feixend raunt man sich die drei Buchstaben zu. Und Bach hat nun fünf Kontrahenten: Ng Ser Miang, 64, aus Singapur, Richard Carrión, 60, aus Puerto Rico, Sergej Bubka, 49, aus der Ukraine, Denis Oswald, 66, aus der Schweiz und Wu Ching-Kuo, 66, aus Taiwan. Das Sextett präsentiert am Donnerstagabend auf der außerordentlichen IOC-Sitzung in Lausanne unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Programme.

Die Programme der Kandidaten finden Sie schon jetzt hier  .

Aus der von vielen befürchteten One-Man-Show ist ein Wettkampf geworden. Das IOC hat nun wirklich die Wahl. Bach hat nach wie vor die meisten Unterstützer und bleibt Favorit. Ihm traut man 35 von 104 Stimmen im ersten Wahlgang zu. Er polarisiert aber auch am meisten. Zum Beispiel wegen seiner Nähe zum vermeintlichen IOC-Präsidentenmacher, dem einflussreichen und umstrittenen Scheich Ahmed al-Sabah aus Kuwait.

Wahlen im IOC nicht frei von Überraschungen

Sabahs Parteinahme für Bach würde gegen mindestens drei Regeln verstoßen, die von der IOC-Ethikkommission für diesen Wahlkampf aufgestellt wurden. IOC-Mitgliedern ist nicht einmal eine verbale Unterstützung für einen Kandidaten gestattet, geschweige denn Stimmen-Deals und andere Arten des Beistands. Der Scheich bestreitet jegliche Einflussnahme.

Vor zwei Wochen soll es in Lausanne im Beau Rivage Palace Hotel zu einem heftigen Wortwechsel zwischen Bach und Sabah gekommen sein. Nach Angaben eines IOC-Insiders habe Bach darum gebeten, etwas diskreter aufzutreten und sich nicht als Präsidentenmacher zu präsentieren - nicht so wie in St. Petersburg, als der Scheich den Rumänen Marius Vizer zum Präsidenten der Vereinigung aller Sport-Weltverbände (Sportaccord) gekürt hatte. Der Scheich sei von Bachs Vortrag pikiert gewesen und habe seither einigen Personen klargemacht, dass eine Unterstützung für Bach nicht ewig währen müsse.

Die Stimmvergabe im IOC ist nicht frei von Überraschungen. Wer in der ersten Runde vorn liegt, muss nicht zwangsläufig Präsident werden. Zuletzt hat es derlei Wähler-Wanderungen dreimal gegeben: Pyeongchang hatte bei der Vergabe der Winterspiele 2010 und 2014 im ersten Wahlgang die meisten Stimmen - unterlag aber letztlich Vancouver und Sotschi, weil die meisten derjenigen, die für die zunächst ausgeschiedenen Salzburger gestimmt hatten, noch umschwenkten. Und bei der Wahl der Olympiastadt 2016 lag zunächst Madrid vorn, musste sich im dritten Durchgang aber Rio de Janeiro beugen.

Auch deshalb sollten Ng Ser Miang oder Richard Carrión nicht abgeschrieben werden. 43 der aktuell 104 IOC-Mitglieder wurden seit 2001 in Rogges Präsidentschaft aufgenommen. Das schafft durchaus Abhängigkeiten.

Gespannt wird in IOC-Kreisen derzeit beobachtet, wie Bach mit dem gewachsenen Druck umgeht. Wird er ungeduldig? Verärgert er weitere Kollegen? Kann er auf den Scheich bauen oder sucht dieser sich einen anderen Favoriten? Und schließlich: Verbünden sich seine Herausforderer, die sich im Übrigen blendend verstehen und schon über Bachs Unruhe amüsieren, und versprechen sich gegenseitig Unterstützung? Das wäre die größte Gefahr für Bach.

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