Irakischer Bundesliga-Handballer Von Hussein nach Hüttenberg

Freiheitsentzug für sportlichen Misserfolg: Handballer Ziad Rejab hat in seiner Heimat Irak viele Rückschläge einstecken müssen. Der Kuweit-Krieg zerstörte seinen Traum von Olympia. Boykottaufrufe gegen Peking hält der Profi der TSG Münster deshalb für falsch.

Von Thorsten Remsperger


Münster - Nur noch einen Flug und ein paar Siege vom Lebenstraum entfernt. Ziad Rejab wartet am Airport von Bagdad mit der irakischen Nationalmannschaft auf die Maschine nach China. Der junge Handballer brennt darauf, die guten Ergebnisse in der Vorbereitung gegen die Konkurrenz zu bestätigen, das Ticket für die Olympischen Spiele in Barcelona endlich zu lösen. Doch der Flieger kommt nicht. Der August 1990 ist nicht nur der Monat der Olympia-Qualifikation, sondern auch der irakischen Invasion in Kuwait. Rejab und Co. werden nach Hause geschickt, die Verbandsfunktionäre aus China zurückgeflogen, der Irak über Jahre von Titelkämpfen außerhalb der arabischen Länder ausgeschlossen.

Handballer Rejab: "Politik und Sport trennen"
Maik Reuß

Handballer Rejab: "Politik und Sport trennen"

"Drei Monate Trainingslager, der dritte Platz hätte schon gereicht und dann das. Das macht dich fertig", sagt Rejab. Die Enttäuschung, ja ein wenig Wut und Zorn, kommt in ihm immer noch hoch, wenn der Zweitliga-Spieler der TSG Münster (Taunus) wenige Tage vor seinem Karriere-Ende an den Anfang seiner Laufbahn zurückdenkt. Seine Reaktion auf die aktuelle Diskussion um einen Olympia-Boykott kann deshalb wohl nur Unverständnis sein. "Man muss die Politik vom Sport trennen", sagt Rejab, "das Verhalten von chinesischen Politikern darf nicht den Lohn für hartes Training von so vielen Athleten verhindern".

Das Muskelpaket mit dem finsteren Blick und dem markanten Oberlippenbart hat eine Schule durchlaufen, wie sie härter kaum hätte sein können. Im Gefängnis saß Rejab, weil er mit der Nationalmannschaft Handballspiele verlor. Bei der arabischen Meisterschaft 1988 in Syrien spielten die Iraker so schlecht, dass Sportminister Udai Hussein, der Sohn des Diktators Saddam, die Handballer direkt nach der Heimkehr am Flughafen für drei Tage in Gewahrsam nehmen ließ. "Zur Strafe wurden uns auch die Haare abrasiert", erzählt Rejab mit sanfter Stimme, die gar nicht zu seinem rigorosen Auftreten auf dem Spielfeld passt. Dass Freiheitsentzug auf sportlichen Misserfolg stand, war im Irak nicht ungewöhnlich, sagt der Sohn eines Apothekers. "Die Fußballer hat es öfters erwischt, weil Hussein Fußball-Fan war."

Mit 16 war der Modellathlet im Jahr 1987 zum Erstligisten Al Rachid nach Bagdad gewechselt, er begann in einem Internat drei Mal am Tag zu trainieren und studierte Mathematik. Mit 17 wurde der Linkshänder Nationalspieler, absolvierte 130 Länderspiele, wurde im Jahr seines Wechsels nach Katar (1994) zu Iraks "Handballer des Jahres" gewählt und gewann später mit Al Rayyan die arabische Champions League.

Neun Jahre kein Spiel verpasst

Vor der Einberufung in die Armee hatte ihn 1992 der Sport gerettet, die Sportkompanie trat für den Armee-Club in der ersten Liga an. "Mein Dienst war der Handball", sagt Rejab, "wir mussten aber trotzdem als Soldaten denken, nicht als Sportler". Militärischen Drill erlebte er nur in jenem Jahr - lange genug, um zum Freiheitskämpfer zu werden. "Ich würde gerne die olympische Fackel tragen", sagt Rejab, "aber für ihre Botschaft, nicht für die chinesischen Politiker. Das Feuer ist ein Symbol für den Frieden." Krieg musste er lange genug miterleben.

Inzwischen hat sich Ziad Rejab den Traum von einem friedvollen Leben erfüllt. 1998 bewarb er sich mit einem selbst geschnittenen Video in Europa. Sein Transfer zum TV Hüttenberg in die Regionalliga ist seines Wissens bis heute der einzige eines irakischen Profi-Handballers nach Deutschland. Rejab fand den Respekt, die Anerkennung und sein Glück, lernte seine Frau Monika kennen, wurde zweifacher Vater, arbeitet in einer Bank als Fondsbuchhalter.

In seinem Sport, mittlerweile Hobby, ist er so gut wie noch nie. Neun Jahre hat Rejab in keinem deutschen Ligaspiel wegen einer Verletzung gefehlt, in der dritten Saison hintereinander zählt er zu den zehn besten Torschützen der Zweiten Bundesliga Süd – im Alter von 37 Jahren. Überall am Körper habe er schon Blessuren gehabt, doch vor dem Spiel seien sie wie weggeblasen. Gesunder Lebensstil? "Überhaupt nicht", weiß Rejab, "ich ernähre mich nicht besonders, ich schlafe viel zu wenig". Vor jedem Spiel liest der gläubige Moslem dafür im Koran. "Nach dem Aufwärmen vergesse ich die Schmerzen, das ist Glück und ein Geschenk Gottes."

Am kommenden Samstag ist wahrscheinlich Schluss mit der Quälerei, das Heimspiel gegen die HSG Düsseldorf wird sein letztes sein, wenn Münster nicht noch auf den Relegationsplatz abrutscht. Derzeit hat das Team noch einen Punkt Vorsprung auf die Konkurrenz. "Ich habe die Entscheidung schon letztes Jahr getroffen, es ist an der Zeit", sagt Rejab.

Nach dem letzten sportlichen Wunsch, dem Liga-Verbleib mit Münster, möchte sich der Iraker dann einen Traum erfüllen. Das Wiedersehen mit seiner Familie – "im Chaos, in dem die Angst herrscht", wie er weiß. Im kommenden August geht eventuell der Flug in die Heimat, im Monat der Olympischen Spiele. Die Wettkämpfe in Peking könnte sich Ziad Rejab nicht anschauen. Die Menschen im Irak erhalten für die Grundversorgung zum Teil nur eine oder zwei Stunden Strom pro Tag.

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