Geflohener iranischer Judoka Mollaei "Ich habe mich für ein neues Leben entscheiden müssen"

Er sollte bei der WM absichtlich verlieren, um nicht gegen einen Israeli antreten zu müssen - da entschied sich der iranische Weltklasse-Judoka Saeid Mollaei zur Flucht. Jetzt sorgt er sich um seine Familie.

Judoka Saeid Mollaei bei den Asian Games 2018
Tatan Syuflana DPA

Judoka Saeid Mollaei bei den Asian Games 2018

Von Markus Sutera


"Ich habe hier Schutz gesucht und versuche, irgendwie mit der Situation klarzukommen." Saeid Mollaei ist in sich gekehrt, er richtet sein kantiges Gesicht nach unten. Bevor er antwortet, atmet er oft mehrfach ein und aus. Mollaei hat belastende Tage hinter sich. Nach der WM in Tokio ist der Weltklasse-Judoka aus Iran direkt nach Deutschland geflohen. Jetzt hat er sich erstmals in der deutschen Öffentlichkeit geäußert.

In den vergangenen Tagen verbrachte er viel Zeit bei der Familie seiner aus Deutschland stammenden Freundin. Die Mutter seiner Freundin trainiert dort in einem Judo-Klub. Der Sport ermöglicht dem Weltmeister von 2018 Ablenkung. Schon Ende Oktober möchte Mollaei am Grand Slam in Abu Dhabi teilnehmen. Dass er seit längerem ein gültiges Visum besitzt, erleichtert ihm die Situation.

Seit 2014 kämpft Mollaei im Halbmittelgewicht, der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm. 2018 feierte er mit dem Weltmeistertitel in Baku den größten Erfolg seiner Karriere.

Mollaei sollte absichtlich verlieren

Bei der WM in Tokio sollte er nach Angaben des Weltverbandes IJF vom iranischen Verband zum frühzeitigen Aufgeben gezwungen werden, um in einem möglichen Finalkampf nicht auf den Israeli Sagi Muki zu treffen. Er widersetzte sich allerdings zunächst der Forderung - und kämpfte weiter. Der Judoka trat zum Halbfinale an, verlor den Kampf jedoch absichtlich, wie er sagt. Ebenso wie den anschließenden Kampf um Bronze. Danach setzte er seine Fluchtpläne in die Tat um.

Die in Teheran lebende Eltern werden auch knapp zwei Wochen nach der Weltmeisterschaft von der iranischen Regierung unter Druck gesetzt, beklagt Mollaei. "Sie werden angerufen und bedroht, ihre Telefone werden abgehört", sagt er. Mit seiner Familie könne Mollaei nur noch über einen Freund kommunizieren. Er sei die einzige Verbindung in die 5.000 Kilometer entfernte iranische Hauptstadt.

Mollaei bei der WM bei dem Halbfinalkampf, den er verlor
AFP

Mollaei bei der WM bei dem Halbfinalkampf, den er verlor

"Dass ich meine Eltern vor Tokio vielleicht zum letzten Mal gesehen habe, weiß ich. Aber ich habe mich für ein neues Leben entscheiden müssen", sagt er. Seit er seine Telefonnummer gewechselt hat, erhält er Drohungen über die sozialen Netzwerke.

Erste Gespräche schon vor WM-Beginn

Die Geschichte seiner Flucht beginnt bereits vor Tokio: Zwei Tage vor der Abreise, sagt Mollei, habe ihn der Präsident der Iranischen Judo-Federation, Reza Salehi Amiri, angerufen und in ein Restaurant eingeladen. Nach ein paar Minuten habe er Mollaei gesagt, dass es ein Problem gäbe und die Reise nach Tokio für alle Athleten gestrichen wurde. Die Anweisung komme vom Obersten Führer des Iran Ali Chamenei und dessen Vertreter. Amiri habe jedoch eine Ausnahme für Mollaei aushandeln können, da er die Nummer eins der Welt war und sich schließlich schon im Februar beim Grand Slam in Paris dem politischen Druck gefügt habe.

Auch dort schon wurde der politische Konflikt zwischen Iran und Israel auf der Bühne des Sports ausgetragen. Wieder hätte der Israeli Sagi Muki in der nächsten Runde auf Mollaei gewartet. Mollaei verlor seinen Kampf nach bereits 17 Sekunden. Bei der anschließenden Verbeugung weinte er.

Die Regierung vertraute Mollaei und ließ ihn nach Tokio reisen als einziger iranischer Judoka - mit dem Wissen, nicht gewinnen zu dürfen. Von Beginn an war Reza Salehi Amiri in Kontakt mit Mollaeis Trainer Majed Zarian. Vor dem Halbfinale habe der Sportler weitere Einschüchterungsversuche am Telefon erhalten, sagt er. Zudem habe ein Abgesandter der iranischen Botschaft sich Zutritt zur Halle verschafft. Reza Salehi Amiri habe den Trainer angerufen und ihm gesagt, dass Sicherheitskräfte im Haus von Mollaeis Vater seien.

"Bis dahin war ich 100 Prozent sicher, dass ich Weltmeister werde. Ich war bereit wie nie, aber ich konnte nicht aufrichtig kämpfen, weil ich Angst vor den Konsequenzen für meine Familie und mich selbst hatte", sagt er. "Die Medien werden kontrolliert und deshalb nutzt die Regierung dieses Mittel, um Druck auf mich auszuüben. Das ist im Moment ihr stärkstes Instrument", so Mollaei.

IJF will Mollaeis Traum von Olympia erfüllen

Nach den jüngsten Ereignissen in Paris und Tokio hat der Weltmeister von 2018 wenig Hoffnung, jemals wieder für sein Land anzutreten: "Es war klar, dass mein Schicksal irgendwann so enden wird. Ich wurde zum Opfer der Situation und werde nicht wieder für Iran kämpfen können."

Unter dem Hashtag #ISupportMollaei ("Ich unterstütze Mollaei") ist eine durch den Weltverband IJF initiierte Kampagne für den Judoka angelaufen. IJF-Chef Marius Vizer, sportpolitisch selbst eine umstrittene Figur, stellte sich hinter den Athleten und ihm die Möglichkeit in Aussicht, bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio antreten zu können - möglicherweise als Athlet eines internationalen Flüchtlingsteams. "Es ist unsere Aufgabe, die Sportler zu schützen. Das ist ganz klar", sagt Vizer.

Für Mollaei selbst spielt es keine Rolle, ob er bei den Olympischen Spielen für das Flüchtlingsteam oder ein anderes Land antritt. Wenn er das nächste Mal nach Tokio reist, möchte er einfach seinen Job machen.



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