Weltmeister Lange vor Ironman auf Hawaii Ruf nach Liebe

Triathlon-Superstar Jan Frodeno gegen Titelverteidiger Patrick Lange - dieses Duell wird die Ironman-WM auf Hawaii mitprägen. Es ist auch ein Duell zwischen zwei völlig unterschiedlichen Athleten.

Patrick Lange in Rekordzeit zum Ironman-Sieg auf Hawaii 2018
Ronit Fahl/Zuma Press/dpa

Patrick Lange in Rekordzeit zum Ironman-Sieg auf Hawaii 2018

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Wenn am Samstag (18.25 Uhr MEZ) die Startkanone knallt und die Athleten in den Ozean vor Hawaii springen, dann geht es auch um die Frage: Kann zum sechsten Mal in Folge ein Deutscher bei der Ironman-Weltmeisterschaft gewinnen, dem Wettkampf über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen?

Sebastian Kienle (Sieger 2014) hofft auf den Titel, im Mittelpunkt wird auch das Duell zwischen Patrick Lange (Sieger 2017, 2018) und Jan Frodeno (Sieger 2015, 2016) stehen. Lange ist der Titelverteidiger, Frodeno nach einer Verletzung im Vorjahr der Rückkehrer.

Der inzwischen 38 Jahre alte Frodeno scheint noch immer nicht müde zu sein. In den Interviews vor dem Wettkampf gibt er sich so willensstark, wie man sich den klassischen Ironman vorstellt. Körperlich ist Frodeno ohnehin ein Eisenmann wie aus dem Lexikon, viele in der Triathlonszene verehren ihn.

Aber kann am Ende nur der härteste Triathlet gewinnen, der, der es am meisten will? Das wäre zu einfach, sagt Patrick Lange im Gespräch mit dem SPIEGEL. Es gäbe auch ganz andere Typen, die Chancen hätten. Typen wie ihn. "Ich bin doch das beste Beispiel dafür, dass man auf Hawaii gewinnen kann, ohne ein Mann aus Eisen zu sein", sagt Lange. Er meint damit vor allem seinen Heiratsantrag, den er im vergangenen Jahr seiner heutigen Frau kurz hinter der Ziellinie gemacht hatte. Kurz nachdem er als erster Triathlet den Ironman auf Hawaii in unter acht Stunden bewältigt hatte (7:52:39 Stunden). Merke: Eisenmänner können auch Gefühle zeigen. Für viele in der Szene scheint das eine Überraschung gewesen zu sein.

Heiratsantrag im Ziel: Patrick Lange mit seiner heutigen Ehefrau Julia
Ronit Fahl/Zuma Press/dpa

Heiratsantrag im Ziel: Patrick Lange mit seiner heutigen Ehefrau Julia

Lange wirkt in vielen Belangen anders als sein härtester Konkurrent Frodeno. Er grübelt, ist nachdenklich, spricht offen über Schwächen.

Zum Beispiel, wenn es um seinen Körper geht, 33 Jahre ist Lange immerhin schon. "Die sehr harten Belastungen vertrage ich nicht mehr", sagt er: "Ich kann nicht wie die Radfahrer bei der Tour de France den Berg 30 Minuten hochrasen und mich anschließend auf der Abfahrt wieder erholen. Lieber 30 Watt weniger, sonst wäre das mein Tod." Im Schwimmen und Radfahren gilt er nicht als der Stärkste im Favoritenkreis, aber Lange hält den Marathonrekord des Hawaii-Ironman (2:39:45 Stunden).

Als ihm sein Konkurrent Sebastian Kienle im vergangenen Jahr kurz vor dem Wettbewerb vorwarf, in Rennen immer mal wieder verbotenerweise im Windschatten anderer Athleten zu fahren, habe ihn das "schon getroffen". 2016 war er auf Hawaii mit einer Zeitstrafe belegt worden, weil er auf der Radstrecke andere Fahrer blockiert haben soll. Wegen Windschattenfahrens musste er bei einer WM aber bisher keine Strafe verbüßen. An Kienles Kritik habe er "zu knabbern" gehabt. "Zum Glück konnte ich das in Motivation umwandeln - und gewinnen."

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Als Lange im Vorjahr mit Streckenrekord unter acht Stunden geblieben war, hatten das anschließend viele mit optimalen Wetterbedingungen erklärt. Das habe ihn geärgert, sagt Lange. Er habe das Gefühl gehabt, sein Erfolg werde kleingeredet. Mit seinem Team analysierte er daraufhin die Wetterdaten. Durchaus anspruchsvoll seien die Bedingungen gewesen, beim Laufen habe es eine "Hitzeschlacht" gegeben. Lange brauchte diese Rückversicherung für sich selbst.

Vom Physiotherapeuten zum Ironman

Viele Triathleten im Ironman strotzen dagegen nur so vor Selbstbewusstsein, besonders Frodeno. Dem "Focus" sagte er, er sähe sich zwar mit nun 38 Jahren "nicht mehr im Frühling meiner Karriere", aber "der Körper ist noch lange nicht am Ende." Frodeno wirkt immer wie im Angriffsmodus, das ist seit Beginn seiner Karriere so.

Langes Triathlonlaufbahn begann mittelmäßig. Der gelernte Physiotherapeut stach auf der Mittelstreckendistanz nicht als Riesentalent heraus. Erst als er 2016 den Job aufgab, um sich voll auf den Profisport konzentrieren zu können, wurde er zum Topstar auf der Langdistanz.

Jan Frodeno bei einem Wettkampf Anfang des Jahres
Marius Becker/dpa

Jan Frodeno bei einem Wettkampf Anfang des Jahres

Die Triathlonszene respektiert Lange inzwischen als einen der besten Athleten, Begeisterung schlägt ihm aber selten entgegen. 2018 wurde er als zwar als Deutschlands Sportler des Jahres ausgezeichnet, bei einer Wahl des "Triathlon"-Magazins gewann aber im gleichen Jahr Jan Frodeno. Der Olympiasieger ist eben die Strahlfigur dieses Sports, und das selbst in jenem Jahr, als Lange die magische Achtstundengrenze von Hawaii gebrochen hat und Frodeno verletzt am Streckenrand stand und für das ZDF die Fabelzeit kommentieren musste. Auch als Lange 2017 erstmals den Ironman gewann, war Frodeno das Gesprächsthema, damals hatte er sich unter Schmerzen ins Ziel gequält. Eine klassisch-tragische Heldengeschichte.

Lange glaubt nicht, dass er im Kreis der Triathleten unbeliebt sei, auch der Ärger mit Kienle sei Geschichte. "Ich glaube, wir haben heute ein normales Verhältnis", sagt er.

Nun, am Samstag, treffen sie wieder auf der Strecke aufeinander. Lange rechnet sich viel aus. Er geht in diesen Wettkämpfen selten ans absolute Limit, kann aber konstante Leistungen über einen sehr langen Zeitraum bringen. "Stundenlang", sagt Lange, genau darauf kommt es auf Hawaii an.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 12.10.2019
1.
Ich sehe mir den Ironman ja gern mal an, aber mir wäre es recht, wenn sie die Versorgungsstationen wieder auf ein Niveau von vor 15 Jahren reduzieren würden. Alle paar hundert Meter Versorgung mit Eis, daß man sich in Mengen unters Shirt packen kann, verzerren komplett das Rennen. Als Nächstes werden dann Schattenspender und Windschutz entlang der Strecke installiert. Insofern ist die Rekordzeit eben auch fragwürdig, da nicht zu gleichen Bedingungen erzielt, finde ich.
mccody 12.10.2019
2. Fantastische Leistung
Wenn ein Athlet den Ironman auf Hawaii unter 8h läuft ist das eine herausragende Leistung. Da ist es völlig irrelevant ob alle 100m oder alle 1000m eine Versorgung stattfindet. Allein schon aus gesundheitlichen Gründen ist eine Unterversorgung der Sportler zu vermeiden. Wer Zweifel hat an der überragenden Leistung, sollte sich einfach mal selbst auf den Weg machen.
quark2@mailinator.com 12.10.2019
3.
Zitat von mccodyWenn ein Athlet den Ironman auf Hawaii unter 8h läuft ist das eine herausragende Leistung. Da ist es völlig irrelevant ob alle 100m oder alle 1000m eine Versorgung stattfindet. Allein schon aus gesundheitlichen Gründen ist eine Unterversorgung der Sportler zu vermeiden. Wer Zweifel hat an der überragenden Leistung, sollte sich einfach mal selbst auf den Weg machen.
Ich sollte mich besser ausdrücken. Natürlich ist es eine phantastische Leistung. Selbst die Leistungen von Leuten, die sich nicht qualifizieren, sind immer noch unglaublich. Was ich meinte, ist die Bezeichnung der Zeit als Rekord. Ich finde einfach, man kann aktuell erzielte Zeiten nicht mit denen von früher vergleichen, ohne Korrekturfaktoren einzurechnen. Das ist wie mit diesem Marathon unter 2 Stunden gestern. Was das mit der Gesundheit und der Versorgung angeht, tut mir leid, aber da sind wir unterschiedlicher Meinung. Wenn jemand IronMan betreibt, dann macht diese Person das aus eigenem Antrieb und sollte in der Lage sein, die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen. Ich kann mich auch nicht an medizinische Skandale aus der Vergangenheit erinnern. Insofern sehe ich keinen Sinn darin, die Anforderungen künstlich zu reduzieren, indem man von Jahr zu Jahr immer mehr supportet. Die Grundidee des IronMan ist es, daß es eine elende Schinderrei sein soll (um das mal in klarem Deutsch auszusprechen). Um die Leistungen der Sportler der Vergangenheit nicht im Nachhinein zu entwerten, sollten mMn. die Anforderungen gleich bleiben. Wer nicht teilnehmen will, braucht das nicht zu tun.
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