Ironwoman Nina Kraft "Warten ist das Schlimmste"

Nina Kraft, 35, will am Samstag beim Ironman auf Hawaii den wichtigsten Triathlon-Wettkampf der Welt nach drei Podestplätzen in Serie erstmals gewinnen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Braunschweigerin über ihre Ungeduld vor dem Start, 100.000 Dollar Siegprämie und Traumurlaub als Motivationshilfe.


Siegertyp: Nina Kraft gewann in diesem Jahr den Ironman in Frankfurt
DPA

Siegertyp: Nina Kraft gewann in diesem Jahr den Ironman in Frankfurt

SPIEGEL ONLINE:

Frau Kraft, wovor ist Ihnen beim Ironman Hawaii am meisten bange?

Nina Kraft: Wieso bange? Angst habe ich gar keine. Triathlon ist schließlich mein Beruf. Aber wenn ich etwas nennen soll, dann den Wind. Wenn der wieder so stark ist, dass man sich kaum auf der Fahrbahn halten kann, dann macht das keinen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom gefürchteten Fallwind Mumuku?

Kraft: Genau. Der ist beim Radfahren das Schlimmste, was passieren kann - neben Reifenpanne und Speichenbruch.

SPIEGEL ONLINE: Nach ihrem ersten Wettkampf auf Hawaii sprachen Sie von einer "Hölle" und wollten nie wieder teilnehmen. Warum sind sie doch wieder gekommen?

Kraft: Beim ersten Mal hatte ich Durchfall und Magenprobleme. Der Wind und die Hitze waren die Härte. Da habe ich gesagt: Ich komme nie wieder. Zweimal wurde ich dann aber überredet. Erst von Freunden, danach von meinem Sponsor. Als ich bei meiner dritten Teilnahme Dritte wurde, hat sich das Blatt total gewendet. Jetzt komme ich sehr gerne nach Big Island. Ich liebe diese Insel.

SPIEGEL ONLINE: Seit 2001 sind Sie zweimal Dritte und einmal Zweite geworden. Zählt jetzt nur noch der Sieg?

Kraft: Mein Ziel ist, wieder unter die ersten Drei zu kommen. Der Sieg ist ein Traum und nicht planbar. Auf Hawaii zu gewinnen, da gehört auch viel Glück dazu, da gewinnt man nicht einfach so. Ich bin zwar gut trainiert, aber es gibt so viele äußere Einflüsse.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr wurde Ihnen eine Drei-Minuten-Zeitstrafe wegen Windschattenfahren zum Verhängnis. Sie fühlten sich ungerecht behandelt. Ist das zusätzlicher Ansporn?

Kraft: Ich war zwar im ersten Moment schockiert. Aber das ist Vergangenheit. Ich kann nichts mehr dran ändern. Ich schaue nach vorn und hoffe, dass so etwas dieses Jahr nicht wieder passiert.

SPIEGEL ONLINE: Auf Hawaii geht es auch um viel Geld: 100.000 US-Dollar erhält die Siegerin. Denken sie während des Wettkampfes daran?

Kraft: Überhaupt nicht. Es ist zwar schön, dass die ersten Drei für die Strapazen mit Geld belohnt werden. Doch es geht mir in erster Linie um den Sieg, nicht ums Geld.

SPIEGEL ONLINE: Etwa neun Stunden benötigen Sie für den Ironman. Welche Gedanken schießen Ihnen da durch den Kopf?

Kraft: Beim Schwimmen konzentriere ich mich darauf, in der Gruppe zu bleiben. So nach drei Kilometern denke ich: Hoffentlich geht es bald zum Radfahren. Die ersten 50, 60 Kilometer auf dem Fahrrad machen sehr viel Spaß. Ab 120 Kilometer wird es anstrengend. Da denke ich an die Dinge, die ich tun muss: dass ich genügend trinke, überhaupt nach den Getränken greife, die mir die Helfer am Streckenrand reichen. Und ich sage mir: Die letzten 60 Kilometer schaffst du auch noch irgendwie. Zwar bin ich froh, wenn ich vom Rad unten bin. Aber auf Grund der Hitze ist das Laufen auf Hawaii die härteste Disziplin. Ich weiß gar nicht genau, was ich da denke. Manchmal: Hoffentlich ist die Quälerei bald vorbei. Ab und zu denke ich kurz ans Aufgeben, aber ich schaffe es immer wieder, abzuschalten und mich nur auf mich zu konzentrieren. Das ist dann, als sei ich in einer anderen Sphäre. Das hilft immer.

Siegerfoto 2003: Die zweitplatzierte Natascha Badmann (l.) und Siegerin Lori Bowden nehmen Nina Kraft in die Mitte
DPA

Siegerfoto 2003: Die zweitplatzierte Natascha Badmann (l.) und Siegerin Lori Bowden nehmen Nina Kraft in die Mitte

SPIEGEL ONLINE: Wie motivieren Sie sich weiterzukämpfen?

Kraft: Dann denke ich an etwas Schönes, das ich mir gönne, wenn ich nicht aufgebe: zum Beispiel an eine Reise nach Neuseeland.

SPIEGEL ONLINE Wann würden Sie aufgeben?

Kraft: Da müsste schon ziemlich viel passieren. Wenn ich aufgeben würde, nur weil mich eine Athletin überholt oder ich keinen Bock mehr habe, dann würde ich mit Triathlon aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich immer Lust zu trainieren?

Kraft: Wenn die Sonne scheint wie hier, dann macht es mir richtig Spaß. Da blühe ich richtig auf. Mein Freund musste mich diese Woche vom Training abhalten. Schließlich muss ich mich ja auf den Wettkampf konzentrieren und das Pensum runterfahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die letzten Tage vor dem Ironman aus?

Kraft: Ich trainiere nur noch eine Stunde täglich. Für den Körper ist es hart, weil er vier bis sieben Stunden gewohnt ist. Aber man muss sich ruhig verhalten und am besten auf dem Zimmer bleiben, damit man keine Mineralien mehr verliert. Draußen sind 40 Grad Celsius und 80 bis 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Für mich ist das lange Warten auf den Wettkampf das Schlimmste. Ich habe so viel Spannung aufgebaut und will alles endlich hinter mir haben.

Abgefangen: 2003 verlor Nina Kraft (r.) auf der Marathonstrecke die Führung
DPA

Abgefangen: 2003 verlor Nina Kraft (r.) auf der Marathonstrecke die Führung

SPIEGEL ONLINE: Katja Schumacher, die zweitbeste Deutsche Langstreckentriathletin, wurde beim Ironman-Frankfurt positiv getestet. Ist Doping in Ihrer Sportart weit verbreitet?

Kraft: Nein. Es gibt sicherlich ein paar schwarze Schafe. Aber im Triathlon gibt es nicht so viel Geld zu verdienen, als dass die Athleten zu Dopingmitteln greifen würden. In 25 Jahren Triathlon gab es doch kaum Dopingfälle. Das ist anders als im Radsport oder in der Leichtathletik.

SPIEGEL ONLINE: Je häufiger getestet wird, desto mehr Dopingsünder werden erwischt. Müssten im Triathlon nicht regelmäßige Kontrollen durchgeführt werden, um der Doping-Problematik auf den Grund zu gehen?

Kraft: Es wird schon viel getestet. Nach den Rennen, an denen ich teilgenommen habe, war ich jedes Mal bei der Dopingkontrolle. Was soll man noch mehr machen? Ich glaube an das Gute, daran dass im Triathlon nicht gedopt wird. Sonst könnte ich doch aufhören, oder?

Das Interview führte Till Schwertfeger



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