Korruption im Weltsport Die die Hand aufhielten

Zwei Jahrzehnte lang schmierte die Marketingfirma ISL Spitzenfunktionäre des olympischen Sports. Fast alle wichtigen Sportverbände waren davon betroffen. Die erstmals veröffentlichte geheime Bestechungsliste dokumentiert die Verästelungen eines Korruptionsskandals von riesigem Ausmaß.
Ex-Fifa-Boss Havelange: Auf der Empfängerliste der ISL ganz oben

Ex-Fifa-Boss Havelange: Auf der Empfängerliste der ISL ganz oben

Foto: JORGE ADORNO/ REUTERS

Es geht um das größte Bestechungssystem der modernen Sportgeschichte: den Fall der einstigen Marketingfirma ISL/ISMM. Die, die darin verwickelt waren, gehören zu den führenden Sportfunktionären der Welt. Das Ausmaß des Korruptionsskandals war gigantisch. SPIEGEL ONLINE hat nun erstmals die Liste sämtlicher nachweisbarer ISL-Bestechungszahlungen veröffentlicht, die seit Jahren weltweit Schlagzeilen macht.

Die ISL-Gruppe, die 2001 wegen Misswirtschaft Konkurs anmelden musste, beherrschte zeitweise die Branche und hielt lukrative Sponsoren- und TV- Verträge mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dem Fußball-Weltverband Fifa und anderen Weltverbänden. Um an derlei milliardenschwere Verträge zu gelangen, hatte die ISL zwei Jahrzehnte lang Schmiergeld an hohe Sportfunktionäre gezahlt und ein weltweites System von Tarnfirmen und Stiftungen (Sunbow S.A., Nunca) in Steueroasen wie den British Virgin Islands und Liechtenstein etabliert.

Rund 142 Millionen Franken Schmiergeld sind bereits gerichtsfest dokumentiert - das ist aber wohl nur ein Teil der korrupten Geschäfte, die sich aus den Akten rekonstruieren lassen. Der tatsächliche Schmiergeldbetrag dürfte um ein Vielfaches höher gewesen sein.

Das Geld wurde vom ISL-Manager im Koffer vorbeigebracht

Insgesamt handelt es sich um 216 Transaktionen, wobei nur ein kleiner Teil der Empfänger bekannt sind: etwa die vier langjährigen Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitee, darunter der Fifa-Ehrenpräsident João Havelange (Brasilien) oder der Kuwaiti Abdul Muttaleb Ahmad, einst Generalsekretär der asiatischen Olympia-Dachorganisation OCA, der zumeist über eine Adresse in Liechtenstein bedient wurde.

Der Großteil der 142 Millionen wurde von Anwälten und Treuhändern in bar abgehoben, beispielsweise von Konten bei der GLT-Bank in Liechtenstein, dann in Geldkoffern über die Grenze in die Schweiz gebracht und dem ISL-Manager Jean-Marie Weber übergeben.

Die beteiligten Anwälte haben die Vorgänge bestätigt. Weber gab das Geld an Sportfunktionäre weiter. Er allein kennt alle Schmiergeldempfänger - und er hat mehrfach erklärt, dass er sein Geheimnis mit ins Grab nehmen wird.

Wo sind die 110 Millionen Franken geblieben?

So ist der Verbleib von mehr als 110 Millionen Franken noch unklar. Ermittlungen der Schweizer Staatsanwaltschaft in mehreren Ländern zu Tarnfirmen und Stiftungen wie Monarde, Wando, Seprocom, Kishingchand und anderen blieben erfolglos.

Die weit verzweigte ISL-Gruppe, zuletzt unter der Holding ISMM firmierend, wurde von Horst Dassler, ehemals Chef des Sportartikelkonzerns Adidas, gegründet. Sie blieb bis zum Konkurs im Frühjahr 2001 im Besitz der Dassler-Familie, der vier Schwestern und zwei Kinder von Horst Dassler, der 1987 an Krebs starb.

Dassler war ein enger Freund und wichtiger Förderer des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter und zahlte Mitte der siebziger Jahre, in Blatters ersten Monaten bei der Fifa, auch dessen Gehalt über Adidas-Konten. Für die Zeit von 1982 bis 1988, als Dassler das Marketingprogramm der Olympischen Spiele entwickelte, auf dessen Grundlage später auch die Champions League im Fußball vermarktet wurde, liegen keine Dokumente über Korruptionszahlungen mehr vor.

Aus Vernehmungen und Aktennotizen in den langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzungen zum ISL-Konkurs geht jedoch klar hervor, dass das Bestechungssystem von Dassler früh in den achtziger Jahren, und sogar noch davor, etabliert wurde.

"Als wenn man Lohn bezahlen muss"

Sein ehemaliger Buchhalter Jean-Marie Weber führte als ISL-Manager diese Praxis weiter. Ab 1998, damals begannen sich die ISL-Besitzer für einen Börsengang zu interessieren, wurde das System verfeinert.

Im Dezember 1998 errichtete die Shelter Trust Anstalt in Vaduz die Stiftung Nunca. Dieser wurde später die auf den British Virgin Islands registrierte Sunbow S. A. zugeordnet. Nunca und Sunbow dienten allein den Bestechungszahlungen an Top-Funktionäre der olympischen Welt. Die Stiftungen tauchten weder in den Organigrammen des weitverzweigten und mit stets wechselnden Namen agierenden ISL-Konzerns auf, noch in den konsolidierten Bilanzen.

"Schmiergeld an Sportfunktionäre zu zahlen, ist, als wenn man Lohn bezahlen muss, sonst wird nicht mehr gearbeitet", hat der ehemalige ISL-Finanzchef vor Gericht erklärt. "Alle diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass sich die Sportfunktionäre dran halten", sagte ein anderer ISL-Vorstand. "Diese Praxis war branchenüblich, sie war unerlässlich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts." Diese Lohnzahlungen gingen also an Funktionäre aus jenen Verbänden und Vereinen, mit denen die ISL-Gruppe Geschäfte machte.

Die wichtigsten Partner des Sportmarketinggiganten waren (in Klammern die Laufzeiten der wichtigsten Verträge im Umfang von insgesamt mehreren Milliarden Euro):

ISL-Partner

Organisation Zeitraum
Internationales Olympisches Komitee IOC 1983 - 1996
Fußball-Weltverband Fifa 1982 - 2006
Europäische Fußball-Union Uefa 1982 - 2004
Leichtathletik-Weltverband IAAF 1983 - 2009
Afrikanischer Fußballverband CAF 1984 - 2004
Olympic Council of Asia OCA 1996 - 2006
Basketball-Weltverband Fiba 1990 - 2004
Schwimm-Weltverband Fina 1997 - 2007
Autorennsport-Organisation CART 1998 - 2007
Tennis-Organisation ATP 1998 - 2009
Tennis-Weltverband ITF 1999 - 2007
Flamengo Rio de Janeiro 1999 - 2014
Gremio Porto Alegre 1999 - 2014

Die meisten der bestochenen Offiziellen blieben bis heute unbehelligt.

Mehr zum Thema finden Sie auf Jens Weinreichs Blog .

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