Italienischer Dopingfahnder Donati "Radsport ist in den Klauen des Dopings"

Der italienische Doping-Fahnder Alessandro Donati hat weitere Anschuldigungen gegen den siebenmaligen Toursieger Lance Armstrong und den Profi-Radsport im Allgemeinen erhoben. In den USA wächst dagegen der Rückhalt für den ehemaligen Radprofi aus Texas.


Toursieger Armstrong: "Die Dokumente sind eindeutig und belastend"
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Toursieger Armstrong: "Die Dokumente sind eindeutig und belastend"

Hamburg - "Die Leistung von Armstrong kriegt man allein mit Epo kaum hin", sagte Donati in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". "Der Radsport ist in den Klauen des Dopings, wenn nicht zu 100 Prozent, dann zu fast 100 Prozent. Das liegt auch daran: Kraft ist der absolut entscheidende Faktor, Taktik spielt eine untergeordnete Rolle", betonte der Italiener.

Donati ist von der Korrektheit der von der Zeitung "L'Equipe" veröffentlichten positiven B-Proben Armstrongs aus dem Jahr 1999 fest überzeugt. "Die Dokumente sind eindeutig und sehr belastend. Der Fall ist klar, wenn es stimmt, was die französische Zeitung veröffentlicht hat. Die Epo-Werte waren weit über dem Erlaubten."

Wie die "L'Equipe" vorige Woche gemeldet hatte, war in sechs eingefrorenen Urinproben von Armstrong während der Tour 1999 das Blutdopingmittel Epo nachgewiesen worden. Die Tests in dem französischen Labor in Chatenay-Malabry bei Paris seien 2004 ausgewertet worden. Zur Zeit der Probeentnahme Ende der neunziger Jahre war die Nachweismethode für Epo noch nicht ausgereift, das Mittel jedoch bereits weit verbreitet.

Donati, der seit dreißig Jahren gegen Doping kämpft, zeigte sich von den Enthüllungen "in keinster Weise überrascht". Der Italiener ist davon überzeugt, dass im Radsport nicht nur Epo ein weit verbreitetes Mittel ist: "Es ist nicht allein Epo, was Leistungssportler zu sich nehmen. Epo verbessert die Atmung. Es gibt aber auch Anabolika, Testosteron und anderes mehr. Viele schlucken alles, wirklich alles, um schneller zu sein."

Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke sagte SPIEGEL ONLINE, dass Epo ohnehin schon lange nicht mehr bei Wettkämpfen eingesetzt werde, "das wird im Training genommen". Daher sei es auch logisch, dass bei Wettkampfkontrollen nie positive Tests bekannt werden, so der Anti-Dopingkämpfer.

"Für uns ist das keine große Sache"

Donati wirft den Verbänden im Kampf gegen Doping Versagen vor: "Einige Labore haben vielfach kein wirkliches Interesse daran, dass die Dinge ans Licht kommen. Viele Labore stehen unter dem Einfluss oder der Kontrolle nationaler Sportverbände, die wiederum auch die möglicherweise betroffenen Sportler vertreten. Solange das Geflecht bestehen bleibt zwischen Sportverbänden, nationalen Regierungen, Dopingkontrollbehörden und jenen, die vom Verkauf leistungsfördernder Präparate leben, werden die Sportler immer einen Vorsprung haben."

Doch so sehr die Europäer Armstrong der Einnahme unerlaubter Mittel verdächtigen - in seinem Heimatland USA wird die Rückendeckung immer stärker. Denn auch der amerikanische Radsport-Verband (USA Cycling) bezweifelt den Wert der Analysen des französischen Labors. "Es handelt sich nicht um einen positiven Doping-Test, sondern lediglich um einen Bericht in einer französischen Zeitung. Aus meiner Sicht ist das nur ein Thema bei den Franzosen", sagte Steve Johnson, der Geschäftsführer des Verbandes.

"Die Welt-Antidoping-Agentur und die nationale Anti-Doping-Agentur haben eine klare Vorgehensweise, wie Doping-Proben entnommen, analysiert und ausgewertet werden. Sie haben dabei einen weit reichenden Handlungsspielraum. Doch keiner hat diesen Fall weiter verfolgt. Für uns Amerikaner ist dies deshalb keine große Sache. Lance Armstrong hat weitaus mehr erreicht als nur die Tour de France. Die Tour ist nur ein Teil des Ganzen", so Johnson weiter.



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