Jaksches Prognose Evans ist Top-Favorit

Die Entscheidung naht: Bei den kommenden Bergetappen dürfen sich die Favoriten auf den Tour-Sieg keine Schwäche leisten. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jörg Jaksche erklärt, wer in Paris wohl ganz oben steht und welche bösen Überraschungen noch auf die Sieganwärter warten könnten.


Ab morgen geht es noch einmal in die Berge. Es wird wieder Zeit für Überraschungen - in erster Linie für böse, die einige Top-Favoriten erleben könnten. Alejandro Valverde weiß, wovon ich spreche. Nach der ersten Etappe noch Träger des Gelben Trikots, wurde er auf den ersten schweren Bergetappen entzaubert und hat auf Rang zwölf fast fünf Minuten Rückstand. Ob er nun noch einmal zurückkommt, ist fraglich.

Gesamtführender Evans: Sieganwärter Nummer eins
Getty Images

Gesamtführender Evans: Sieganwärter Nummer eins

Auch für die anderen Favoriten kann der Traum von einem Tour-Sieg sehr schnell vorbei sein. Dazu reicht ein schlechter Tag in den Bergen oder - wie in der vergangenen Woche bei Riccardo Riccò gesehen - ein positiver Dopingtest, der natürlich auch nicht ausgeschlossen werden kann. Es muss ja nicht einmal den Fahrer selbst erwischen. Wird ein Teamkollege positiv getestet und die Rennstall-Leitung beschließt den Rückzug - dann war es das mit dem Podium in Paris.

Positive Überraschungen wird es hingegen nicht mehr geben. Deswegen wird der Gesamtsieger aus dem Pool der Favoriten kommen, die ich auch in einer meiner vergangenen Kolumnen vorgestellt habe. Cadel Evans vom Team Silence-Lotto bleibt Sieganwärter Nummer eins, auch wenn seine Mannschaft ein wenig schwächer einzustufen ist als die der Konkurrenten. Dazu kommen Fränk Schleck und Carlos Sastre vom Team CSC und Denis Mentschow von Rabobank. Einer dieser vier Fahrer wird die Tour gewinnen.

Im Team CSC hat der 33-jährige Sastre sicherlich Vorteile gegenüber seinem Teamkollegen Schleck, der derzeit noch vor ihm in der Gesamtwertung liegt. Der Spanier ist einfach erfahrener und kompletter als der fünf Jahre jüngere Luxemburger.

Das CSC-Team ist insgesamt sicherlich das beste Team im Feld. Dennoch wird zu beobachten sein, was das Team Columbia um Kim Kirchen und den viermaligen Etappensieger Mark Cavendish noch zu leisten imstande ist. Wenn sie es taktisch gut anstellen, kann die stark besetzte Mannschaft mit Hilfe einer Ausreißergruppe vielleicht noch einen Fahrer vorne im Klassement plazieren.

Doch trotz der Stärke von Teams wie CSC oder Columbia: Eine dominierende Mannschaft wie in der Vergangenheit Team Telekom oder US-Postal beziehungsweise Discovery Channel gibt es in diesem Jahr nicht mehr. Das lässt sich auch daran ablesen, dass viele Ausreißergruppen vom Peloton fahren gelassen werden, weil sich die Teams genau überlegen müssen, wie sie ihre Kräfte einteilen. Keine Mannschaft ist so stark, dass sie das Feld über mehrere Wochen anführen und dominieren könnte.

Das macht die Tour offener und unvorhersehbarer. Was die Gründe für diese Entwicklung sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber sicherlich könnte fehlendes systematisches Team-Doping hierbei eine Rolle spielen.

Doch trotz fehlender Dominanz sind Teams wie CSC, Rabobank und Silence-Lotto nicht so schwach, dass sie ein Gelbes Trikot nicht nach Paris geleiten könnten. Es wird für die Favoriten also alles auf die Bergankunft in Alpe d'Huez und das Zeitfahren auf der vorletzten Etappe ankommen. Und bis dahin dürfen sie keinen schwachen Tag haben.

Für die Sprinter hingegen zählt eigentlich nur noch die finale Zielgerade auf den Champs-Elysées und die heutige Etappe. Oder besser - erst einmal der Weg dorthin. In den kommenden Tage gilt für Erik Zabel und Co.: einfach durchkommen, den eigenen Rhythmus fahren, im sogenannten "Gruppetto", der Gruppe der Sprinter, erschöpften Helfer und Angeschlagenen, Anschluss finden und Kraft sparen für den Showdown in Paris.

Und wenn die Sprinter wieder gefragt sind, wird einer der Favoriten bereits mit einem Sektglas in der Hand seinen ersten Tour-Sieg feiern.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.