Sportklettern wird olympisch Gegen die Wand

In Tokio feiert das Sportklettern im nächsten Sommer seine olympische Premiere. Bei der dortigen Kombination gilt es, unterschiedlichste Anforderungen zu meistern. Das behagt nicht allen in der Szene.
Jan Hojer bei der Olympia-Qualifikation in Toulouse

Jan Hojer bei der Olympia-Qualifikation in Toulouse

Foto: Mickael Chavet DPA

Manchmal ist die Wand eine gute Freundin, dann verzeiht sie großmütig auch mal einen Fehler. Manchmal ist die Wand grausam und abweisend und rächt sich für jeden kleinen Missgriff. Jan Hojer hat über die Jahre gelernt, mit der Wand zu leben. Mit ihren Launen. Mit ihren Stimmungen.

Hojer ist Sportkletterer, er hat die Wand in allen Lagen kennengelernt, manchmal hängt er fast kopfüber an ihr, manchmal ist sie über ihm - und unter ihm nichts als die Meter zum Boden.

Die Kletterer sprechen von Begehung, das kann man getrost als eine derbe Untertreibung bezeichnen. Die Begegnung mit der Wand, sie ist immer wieder eine Herausforderung, und im neuen Jahr nimmt Hojer die Herausforderung Olympische Sommerspiele an.

Zwei Deutsche in Tokio dabei

Erstmals ist das Sportklettern in Tokio ins olympische Programm aufgenommen, neben Hojer hat sich auch Vizeweltmeister Alexander Megos für Deutschland qualifiziert. Geklettert wird in Tokio die sogenannte Kombination, ein Wettkampf, der an einem Wettkampftag die drei Einzeldisziplinen des Kletterns vereint:

••Bei der Disziplin Lead müssen Schwierigkeitsgrade an der Wand gemeistert werden. Geklettert wird mit einer Seilsicherung. ••Beim Bouldern klettert man komplett ohne Sicherung an der Wand. ••Beim Speedklettern kommt es, wie der Name schon sagt, darauf an, eine Route an der Wand möglichst schnell zu absolvieren.

Kletterer Jan Hojer sicherte sich in Toulouse das Olympiaticket

Kletterer Jan Hojer sicherte sich in Toulouse das Olympiaticket

Foto: Mickael Chavet DPA

Es sind drei Disziplinen, die unterschiedliche Anforderungen stellen, und da fängt für die Kletterer das Problem an. Die meisten von ihnen sind Spezialisten, Hojer zum Beispiel hat sich jahrelang beim Lead und Bouldern profiliert, ist dort zu einem der Weltbesten aufgestiegen, hat Weltcups gewonnen. Aber dort ist Ausdauer gefragt, beim Speedklettern dagegen kommt es vor allem auf Beinkraft an - beides bei den Sommerspielen zu vereinen, das wird die hohe Kunst werden.

"Am Anfang war das Speed-Training schon eine gewaltige Umstellung, ich hatte extremen Muskelkater in den Beinen", sagt Hofer dem SPIEGEL, mittlerweile habe er sich daran gewöhnt. "Ich habe allerdings auch früher als Andere angefangen, mich mit Speed-Spezialisten zu treffen und mir deren gezielte Beinübungen abzugucken." Als 2017 die Entscheidung fiel, dass Sportklettern als Kombination olympisch wird, hat sich der Kölner rasch darauf eingestellt: "Für mich war das sportlich eine gute Entscheidung."

Das haben nicht alle so gesehen. Stars der Szene wie der Tscheche Adam Ondra waren anfangs alles andere als begeistert von dem gewählten Modus. Ohnehin war es nicht unumstritten, dass die Sportkletterer den Weg nach Olympia eingeschlagen haben. Das Klettern im Feld, das Hängen an der Wand, dem hängt auch der Ruf des Nonkonformistischen, des Individuellen an, abseits von Regularien und Qualifikationsnormen. Es gab daher auch Kritik, als das Sportklettern auf der Shortlist des IOC auftauchte. Aber nicht bei Hojer.

Das Klettern zum Beruf gemacht

Zehn Jahre gehört der 27-Jährige jetzt schon zur Szene, er ist einer der wenigen in Deutschland, die davon leben können, er hat genug Sponsoren. Eine Olympiateilnahme ist aber auch für ihn gerade bei der Akquise von Geldgebern ein wichtiger Push. "Seit feststeht, dass Sportklettern olympisch wird, melden sich auch Sponsoren, denen unser Sport vorher wenig bedeutet hat." Mittlerweile hat Hojer einen Manager, der sich um diese Angelegenheiten kümmert. Die Zeit des Klinkenputzens ist vorbei.

Faszination Sportklettern: Weltmeisterin Janja Garnbret aus Slowenien

Faszination Sportklettern: Weltmeisterin Janja Garnbret aus Slowenien

Foto: Jas C. Hong DPA

Das Sportklettern ist in Deutschland beim Deutschen Alpenverein angesiedelt - auch für den Verband waren Olympische Spiele eine Herausforderung. Der Alpenverein kümmert sich eigentlich und ursprünglich mehr ums Bergsteigen, darum, dass die Berghütten in gutem Zustand sind, und um den Tourismus. Die Bedingungen für eine olympische Disziplin mussten erst geschaffen werden, "gerade beim Speed gab es anfangs keine bestehenden Strukturen", sagt Hojer, mittlerweile jedoch habe sich das geändert.

Die Sportkletterer machen ohnehin gerne ihr eigenes Ding, Hojer ist schon mit 13 Jahren aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen ausgetreten, "weil ich gemerkt habe, dass ich besser allein zurechtkomme". Seinen eigenen Erfahrungen trauen, auf seinen eigenen Körper hören, darauf schwört Hojer bis heute. Wenn er in der Wand hängt mit dem Rücken zum Boden, dann hilft ihm sowieso kein Verband.

Er klettert, seit er Kind ist. Seine ältere Schwester hat ihn drauf gebracht, sie hatte in Frechen die Kletterhalle aufgesucht und brauchte jemanden, der mitkommt zum Sichern. Hojer kam mit - und ist bis heute geblieben. Und wenn er Urlaub macht ,wie in diesem Jahr vor Weihnachten in Spanien, dann legt er sich nicht in die Sonne, sondern geht in den Fels, um den nackten Stein in den Händen zu spüren.

Klettern, das ist für den Sportkletterer Jan Hojer wie Ferien. Die nächsten Sommerferien sind schon gebucht: Tokio im August.