Jan Ullrich "Soll ich unter der Decke heulen?"

Deutschlands Radsport-Held Jan Ullrich droht auch diesmal seinen zweiten Tour-de-France-Sieg nach 1997 zu verpassen. Denn wieder scheint der T-Mobile-Kapitän keinen Plan zu haben, wie er Seriensieger Lance Armstrong bezwingen kann.

Von Till Schwertfeger, Limoges


"Es kommt wie es kommt": Jan Ullrich bei der Pressekonferenz
DPA

"Es kommt wie es kommt": Jan Ullrich bei der Pressekonferenz

Dafür, dass die Tour de France 2004 angeblich noch gar nicht richtig begonnen hat, wie einige Veteranen der Frankreich-Rundfahrt dieser Tage ein wenig respektlos zum Besten geben, nur weil die ersten 1453,1 Kilometer der insgesamt 3391 Kilometer langen Grande Boucle ausschließlich durchs flache Land führten, ist schon eine Menge passiert.

Mit Alessandro Petacchi (Fassa Bortolo), Mario Cipollini (Domina Vacanze) und Bradley McGee (FDJeux) verloren drei prominente Kapitäne den Kampf gegen Kopfsteinpflaster, Dauerregen und Atlantikwind und mussten verletzt wie demoralisiert vom Fahrrad steigen.

Und der durch seinen eindrucksvollen Zeitfahrsieg über Lance Armstrong (US Postal) bei der Dauphiné Liberé öffentlich gewordene Tour-Geheimfavorit Iban Mayo (Euskaltel-Euskadi) ist mit fast fünfeinhalb Minuten Rückstand auf Abo-Champion Armstrong bereits vor den Ausflügen in die Berge quasi aus dem Rennen um das Gelbe Trikot.

"Woran sind wir mit Ullrich?"

Und obwohl er im Gegensatz zu vielen anderen Konkurrenten die ersten neun Tagestouren sturzfrei überstanden hat, ist auch Jan Ullrich außerfahrplanmäßig in Limoges eingetroffen. 55 Sekunden beträgt seine Verspätung auf den US-Amerikaner, derzeit Sechster des Gesamtklassements, den Mann, den es zu besiegen gilt. 1:34 Minuten gar wären es gewesen, wenn das neue Reglement die Rückstände im Mannschaftszeitfahren nicht limitiert hätte.

"Woran sind wir mit Ullrich?", fragte die französische Sporttageszeitung "L'Equipe", das Zentralorgan der Tour, gestern in großen Lettern verwundert. Immerhin hatte der T-Mobile-Kapitän, der in der Vorbereitung die Tour de Suisse gewann, vor dem Prolog in Lüttich klar und deutlich wie nie seine Ambitionen kundgetan: "Ich will der Gelbe sein."

Doch von derartiger Angriffslust ist auf dem turnusmäßigen Pressetermin am Ruhetag nur wenig übrig geblieben. Im weißen Trainingshemd sitzt Ullrich vor den Reportern, die ihn an der kleinen Bar des Hotel Richelieu bedrängen, dass er sich fühlen muss wie im Peloton. "Ich bin recht zufrieden", lautet seine Bilanz, die den Titel Schadensbegrenzung tragen könnte, "ich bin heil durchgekommen, und der Rückstand ist nicht so schlimm."

Hoffen auf den Wetterumschwung

Schon in einem Fernseh-Interview am Wochenende hatte der 30-Jährige seine Zufriedenheit in mecklenburgischer Nüchternheit zum Ausdruck gebracht: "Ich bin noch mit bei." Dabei sein im Kampf um das Maillot Jaune ist alles, könnte erneut Ullrichs Motto für seine fünfte Tour-Teilnahme nach seinem Gesamtsieg 1997 lauten. Viermal ist er seitdem Zweiter geworden, die letzten drei Male (2000, 2001, 2003) jeweils hinter Armstrong. Eine bessere Platzierung ist auch diesmal unwahrscheinlich.

Gleichmütiger Mensch ohne den allerletzten Biss: Jan Ullrich mit Teamkollegen
AP

Gleichmütiger Mensch ohne den allerletzten Biss: Jan Ullrich mit Teamkollegen

Denn anders als der US-Postal-Kapitän, der seit seinem Sieg über den Krebs sein ganzes Leben unter zum Teil extremen Bedingungen dem Tour-Sieg unterordnet, ist Ullrich ein gleichmütiger Mensch geblieben, dem der allerletzte Biss zu fehlen scheint. "Es kommt, wie es kommt", beantwortet er die Frage, ob er für die entscheidende Phase der Tour auf Sonnenschein hoffe, "ich kann bei jedem Wetter gut fahren."

Das stimmt, allerdings kann Ullrich bei hohen Temperaturen sehr gut fahren. Natürlich kann der Wahl-Schweizer auf Regen oder Sonnenschein keinen Einfluss nehmen. Doch Armstrong andererseits, der schlechtes Wetter liebt, wäre zuzutrauen, dass er das US-Verteidigungsministerium beauftragt, innerhalb von 24 Stunden schwarze Gewitterwolken über Frankreich zu jagen.

"Soll ich mich unter der Decke verkriechen?

Bislang aber ist eh alles nach Armstrongs Plan gelaufen. Der französische Sommer hat eine Auszeit genommen, und im Prolog und im Mannschaftszeitfahren knöpfte der fünffache Tour-Gewinner seinem talentiertesten Rivalen Ullrich fast eine Minute ab.

Auch der Flug in den Süden hat keine Wetterbesserung gebracht. Über Limoges hängen graue Regenwolken, das Thermometer stagniert bei 18 Grad Celsius. Und Ullrich hat keinen Plan, wie er den Rückstand aufholen soll. "Ich hätte auch lieber 55 Sekunden Vorsprung, aber was soll ich machen?", fragt er und bietet eine Lösung seines Problems an, die er aber ablehnt: "Ich könnte mich in meinem Zimmer verkriechen und unter der Bettdecke heulen." Die andere, die Ullrich wählt, ist: zuversichtlich sein. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt der T-Mobile-Kapitän, "ich fühle mich stark."

Doch wie stark er wirklich ist, gibt Ullrich zu, wisse er selbst nicht. "Bisher hatte ich keine Probleme mitzufahren. Aber ich bin gespannt, wie es in den großen Bergen geht. Wenn ich eine Chance und gute Beine habe, greife ich an." Das würde tatsächlich alle bisherigen Geschehnisse zu Randnotizen machen.



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