Einstiger Radstar Was wurde aus... Jan Ullrich?

20 Jahre ist es her, dass Jan Ullrich zum Liebling der Nation wurde. Doch dann folgte der Absturz des Radprofis: Doping, Unfälle, Burn-out. Was macht er heute?

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Nach den 80 Kilometern auf dem Rennrad fängt für Jan Ullrich die Arbeit an. Kaum ist der einstige Tour-de-France-Sieger im Pulk mit fast 150 Hobbysportlern über die Ziellinie der Wittenberger Radsporttage gesaust, da buckeln seine Mitfahrer der Reihe nach vor ihrem Idol. Sie wollen Ullrichs Autogramm: auf die Startnummern auf ihren Rücken. Gut zweieinhalb Stunden lang sind die Freizeitradler gerade gemeinsam mit "Ulle" durch die Stadt Wittenberg und das östliche Sachsen-Anhalt gestrampelt; die Anstrengung steht vielen ins Gesicht geschrieben. Ullrich hat nicht einen Tropfen Schweiß auf der Stirn.

"Mensch Jan, det war super", sagt ein vielleicht 50-jähriger Mann mit schweißnassem roten Trikot. Er klopft Ullrich auf die Schulter, zückt sein Smartphone. "Haste 'nen Moment für 'n Foto?" "Klar", sagt Ullrich, legt den Arm um ihn, knipst sein breites Lächeln an. Klack, klack, dann kommt der nächste Bittsteller dran.

Eine Herde Menschen schart sich um Ullrich auf dem Marktplatz von Wittenberg: Radsportler und Zuschauer, Lokalpolitiker und Sponsoren der Veranstaltung. Eine Frau drückt ihm spontan ihr Baby in den Arm für ein Erinnerungsfoto. Und Ullrich? Hält das Kind, strahlt in die Kamera, unterschreibt, smalltalkt.

"Mir macht es Spaß. Die Leute hier würdigen meine Leistungen, sie sind radsportbegeistert", sagt er dem SPIEGEL. Und gut bezahlt wird sein Spaß auch: Eine ordentliche vierstellige Gage soll er für diesen Tag bekommen haben.

Ullrichs Boris-Becker-Moment

"Wir begrüßen den Tour-de-France-Sieger, Weltmeister, Olympiasieger, Vuelta-Gewinner, ich kann die Erfolge gar nicht alle aufzählen", ruft der Streckensprecher. Kein Wort von den Doping- und Drogenskandalen, den Autounfällen, den Gerichtsprozessen - oder all den anderen Wirrungen, die das Leben des mittlerweile 43-Jährigen so geprägt haben wie seine Triumphe auf dem Rad.

20 Jahre ist es her, dass Ullrich zum Liebling der Nation wurde. Es geschah am 15. Juli 1997, auf der 10. Etappe der Tour de France hinauf nach Andorra-Arcalis. Auf YouTube sind noch die Bilder von damals zu sehen: wie ein rothaariger, sommersprossiger junger Kerl im Trikot des Team Telekom am letzten Anstieg scheinbar mühelos allen erfahrenen Konkurrenten davonbraust und auf der Ziellinie die Hände in die Höhe reißt. Zwölf Tage später gewinnt der Rostocker das härteste Radrennen der Welt - mit nicht mal 24, als erster und bis heute einziger Deutscher.

Es ist ein Boris-Becker-Moment. Schlagartig wird Deutschland zur Nation der Radsportfans: Wenn Ullrich radelt, pilgern Tausende zur Strecke, bangen Millionen vor dem Fernseher mit. Zweimal wird das Supertalent Weltmeister, einmal Olympiasieger, insgesamt fünfmal Tour-Zweiter, er verdient Millionen. Das Publikum liebt den jungen Mann aus einfachen Verhältnissen - auch weil er nicht perfekt ist. Im Winter legt sich der Schokoladen- und Rotweinfan oft ein Bäuchlein zu; im Sommer hängt er dann trotzdem alle ab. Außer Lance Armstrong. Der ist nicht so begabt, aber disziplinierter. Ullrich kommt an ihm nicht vorbei, er schafft keinen zweiten Tour-Sieg, erfüllt nicht die Erwartungen der Nation.

Ullrich wirkt zunehmend überfordert. 2002 verursacht er unter Alkoholeinfluss einen Autounfall, begeht Fahrerflucht. Dann wird er positiv auf Amphetamine getestet, Ullrich erklärt, er habe Ecstasy genommen. Dopingsperre, das Team Telekom wirft ihn raus. Er schafft ein Comeback, sein alter Rennstall heuert ihn wieder an.

2006 endet seine Karriere abrupt. Am Tag vor dem Tourauftakt wird er suspendiert: Sein Name steht auf der Kundenliste des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes. Wenige Monate später verkündet Ullrich seinen Abschied mit einer merkwürdigen Pressekonferenz. In einem 40-minütigen Monolog behauptet er: "Ich habe nie betrogen", beschimpft alle möglichen Kritiker und weigert sich, auch nur eine Frage zu beantworten.

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Jan Ullrich: Vom Nationalhelden zum Sündenbock

Danach bunkert er sich jahrelang ein in seiner Villa am Schweizer Bodenseeufer. Währenddessen zeigen die Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft und Recherchen des SPIEGEL immer klarer, dass nicht nur Ullrich gedopt hat, sondern auch viele andere Profis des Teams Telekom. Die Strafverfolger können nachweisen, dass bei Fuentes beschlagnahmte Blutbeutel von Ullrich stammen. Der Held von einst wird zur Persona non grata, sein Rennrad rührt er fast gar nicht mehr an.

"Das waren für mich die schlimmsten Jahre", sagt er heute im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Wenn ich damals das Rad gesehen habe, dann habe ich immer nur an die schlechten Themen gedacht. Ich hatte keine Lust mehr." 2010 muss er sich behandeln lassen: Burn-out.

Aber er kriegt noch mal die Kurve. 2011 meldet der frühere Skiweltmeister Frank Wörndl sich und ihn für ein Jedermann-Rennen an: den Ötztaler-Radmarathon. Und Ullrich setzt sich probehalber wieder aufs Rad: "Ich bin einfach losgefahren, es war ein schöner Sommertag. Und ich habe sofort gemerkt: Das ist es, da gehöre ich hin." Er fängt wieder an zu trainieren, drei-, viermal die Woche, nur zum Spaß. "Die Muskeln sind wieder zurückgekommen. Und mein Kopf ist freier geworden. Ich habe mich entgiftet gefühlt."

"Bereit, für meine Fehler zu büßen"

Aber seine Vergangenheit hat er längst nicht bewältigt. Die Staatsanwaltschaft weist ihm Blutdoping nach. 2012 verurteilt ihn der Internationale Sportsgerichtshof Cas. Nun ist er offiziell ein Doper; verklausuliert räumt er dies auch endlich ein. Ullrich ist noch immer ziellos - er hat ja so recht nichts gelernt außer Radfahren.

2014 baut er den nächsten Unfall: Mit 1,8 Promille und Valium im Körper rast er mit weit überhöhter Geschwindigkeit in zwei Autos; zwei Menschen werden verletzt, zum Glück nicht schwer. Demnächst soll der unterbrochene Prozess in der Schweiz wieder losgehen. Ullrich sagt, er stelle sich auf eine Geldbuße und eine Bewährungsstrafe ein. Mit ein paar km/h mehr hätte ihm Gefängnis gedroht. "Ich bereue die Unfälle und bin bereit, für meine Fehler zu büßen", sagt er. "Aber ich will jetzt auch nach vorne schauen."

Ullrich ist weggezogen aus der Schweiz, er lebt mit seiner Familie auf Mallorca. Und er hat jetzt wieder eine Aufgabe: Radfahren. Seit einiger Zeit leitet er Trainingscamps für gut betuchte Hobbyradrennfahrer. "Champions-Training" oder "Away with the Champ" heißen die Events, bei denen Freizeitsportler "Lenker an Lenker mit Ulle" durch Südafrika, Colorado oder Mallorca touren dürfen. Das kostet: sechs Tage Rocky Mountains etwa satte 5890 Euro. Aber das Business läuft offenbar gut. Und Ullrich sieht fitter aus als während seiner aktiven Zeit in manchen Wintern.


DER SPIEGEL

Auszug aus dem SPIEGEL vom 24. Juni 2013

Es begann mit einer Enthüllungsgeschichte, in SPIEGEL 24/1999. Der deutsche Radsportprofi Jan Ullrich, Gewinner der Tour de France 1997, hatte gedopt, und der SPIEGEL hatte dafür Zeugen. Ullrich erwirkte eine Gegendarstellung - und es folgte eine 14 Jahre dauernde Auseinandersetzung zwischen dem SPIEGEL und dem Sportler. Nachdem Ullrich 2012 von einem Sportgericht wegen Dopings schuldig gesprochen worden war, beschrieben zwei Reporter noch mal ihr langes Ringen um die Wahrheit. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


"Jan ist über den Berg. Er konzentriert sich jetzt auf das Positive", sagt Uwe Raab, sein früherer Telekom-Teamkollege. "Und seine Fans hat er noch immer, massenhaft. Diese Leute verehren ihn für das, was er geleistet hat. Das andere Thema ist für sie außen vor."

Raab ist der Organisator der Wittenberger Radsporttage: Er hat Ullrich gechartert, auf Bitte des Hauptsponsors Thomas Hoffmüller. "Es war immer mein Herzenswunsch, dass er zu uns kommt", sagt Hoffmüller, Bezirksdirektor eines Versicherungskonzerns: "Jan Ullrich ist für mich ein Vorbild."

Aber was ist mit dem "anderen Thema", wie es hier alle nennen? Wenn überhaupt, so sei es nur darum gegangen, "Chancengleichheit" herzustellen, erwidert Hoffmüller. Schließlich hätten zu Ullrichs Zeiten fast alle Großen nachgeholfen.

"Herr Ullrich, kann man heute die Tour de France ohne verbotene Leistungssteigerung gewinnen?" Er zögert, die Frage ist ihm unangenehm: "Ich will daran glauben. Aber ich will auch daran glauben, dass im Fußball nicht gedopt wird und dass im Bundestag niemand Aufputschmittel konsumiert", sagt er. "Das ist alles eine Show, Unterhaltung. Da will ich nicht von vornherein denken: Hat der irgendwas genommen? In anderen Ländern ist das kein Thema. Diese Frage wird vor allem von deutschen Medien gestellt."

Was wurde eigentlich aus...
    Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
  • Alle Folgen der Serie hier auf unserer Themenseite

In Wittenberg stellt ihm kein Zuschauer solche Fragen. Die Fans wollen mit Ullrich nicht über Doping oder Trunkenheit am Steuer diskutieren. Sie wollen einfach nur Fans sein. Sich ein Autogramm abholen, einen Händedruck kriegen, ein Selfie machen. Ihrem Vorbild für ein paar Sekunden ganz nah sein. Der Wittenberger Bürgermeister holt das Goldene Buch für Ullrich sogar ausnahmsweise aus dem Rathaus, damit der Star sich nicht einmal hineinbewegen muss. Kaum hat sich der Ex-Sportler verewigt, nimmt der Bürgermeister ihn in den Arm: Er will auch sein Erinnerungsfoto. Ullrich ist wieder gesellschaftsfähig.

Radeln und ein netter Kerl sein: Das ist alles, was Ullrich für mehrere Tausend Euro Gage tun muss. Er vermarktet den rühmlichen Teil seiner Vergangenheit; vom anderen wollen seine Anhänger sowieso nichts hören. Und er kriegt die Anerkennung, die er so lange gesucht hat. Wenn er aber Gegenwind bekommt, zieht Ullrich sich schnell wieder zurück. So geschehen vor Kurzem beim Radrennen "Rund um Köln", als er zunächst als Sportlicher Leiter zusagte, nur um vier Tage später doch wieder abzusagen. Öffentlich hatte es Kritik an seiner Ernennung gegeben.

In Wittenberg bleibt er allerdings bis zum Abend, erzählt von seinen Triumphen, posiert, lacht. Er sieht so aus, als ginge es ihm blendend. Hier ist er Held, hier darf er's sein.



insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
La Mouette 28.06.2017
1. Jan, La Madeleine!
Ullrich hat diesen Heldenstatus, weil jeder fühlt (oder gefühlt hat), wie unglaublich begabt der Junge ist. Das andere Thema, Gott, was Leute alles für STRAVA KOM's tun. Mensch, Jan, einmal hinter dir herhecheln die Madeleine rauf, das wär's. Colombière? Roselend?
quark2@mailinator.com 28.06.2017
2.
Tja ... Was vielleicht nicht jedem klar ist, aber das Thema ist größer. In vielen freiberuflichen Karrieren findet man irgendwann heraus, daß man teilweise ohne Netz und doppeltem Boden über dem Abgrund wandelt. Und nicht jeder Lebensweg bietet da einen leichten Ausweg. Man kann leicht fordern, niemand solle dopen, auch wenn die anderen es tun. Nur dumm eben, wenn man nichts anderes gelernt und schon viele Jahre in die Sache investiert hat. Würden alle Freiberufler aufhören, Risiken zu tragen, würde die Welt sich wundern. Und versichern kann man sich nicht. Kostet mehr als man verdient, wenn es überhaupt geht. Insofern gut, wenn der Mann weiter ein vernünftiges Leben führen kann. Ich wünsche ihm keine persönliche Vernichtung an den Hals. Für Fehler im System sollten Einzelne nicht unbegrenzt büßen.
trompetenmann 28.06.2017
3. Wenn schon um Wahrheit bemüht
"im Sommer hängt er dann trotzdem alle ab. Außer Lance Armstrong. Der ist nicht so begabt, aber disziplinierter. " Muahaha, You made my evening. Disziplinierter? Im Ernst kein Hinweis auf Armstrongs Dopingmethoden? Das ist etwas schwach.
leafs 28.06.2017
4. Ulle :-)
Danke für den Link! Wie haben wir ihn alle geliebt damals. War dann auch zweimal in l'Alpe d'Huez, tolles Erlebnis, war schon ne geile Zeit damals mit Team Telekom, auch wenn es unrühmlich endete.
aduke2007 28.06.2017
5. Bereit für seine Fehler zu büßen?
Fehler sind in der Welt von Ulle die beschriebenen Verkehrsunfälle und seine "Buße" sind ein paar Euro, die ihm, da er offenbar wieder gut verdient, nicht weiter schmerzen. Jan Ullrichs Beine waren dick genug französische Berge hochzujagen, seine geistigen Kapazitäten und die seiner Verehrer haben allerdings nie ausgereicht, um zu erkennen, worin sein Sportfrevel besteht. Ab 1995 fangen in der Siegerliste der Tour de France die Fußnoten an, Jan Ullrichs erster Bezwinger, M. Pantani ist übrigens auch schon über zehn Jahre Tod - Grund: Drogen. In Jan Ullrichs Welt war sein Doping kein Betrug, weil alle Spitzenfahrer gedopt waren, wobei der Nebensatz tatsächlich eine Sachaussage ist, die nicht zu beanstanden ist. Jan Ullrich hat nie verstanden, dass das ganze medial gehypte, millionenschwere Sportsystem über den Radsport hinaus, hier aber womöglich am krassesten, komplett pervers ist, wenn ohne Doping ein sportlicher Sieg nicht mehr möglich ist. Alle, die in nachweislich gedopten Sportlern immer noch "Vorbilder" sehen, weil sie "so viel geleistet" haben, sollten ehrlicherweise erklären, dass sie für (vermeintlichen) Ruhm lebensbedrohliche medinzinische Risiken, körperliche Langzeitfolgen, frühen Tod, psychische Erkrankungen, Kriminalität, Lügen, Betrug, Heuchelei - ein großes schwarzes Loch an Dingen in Kauf nehmen, die dem entgegen stehen, was man allgemein als Werte versteht, die eine friedliche Gesellschaft überhaupt erst möglich und lebenswert machen. Jan Ullrich sollte erst von Buße reden, wenn er seine Reputation und seine finanziellen Mittel für Stiftungen und Kampagnen im Kampf gegen Doping einsetzen würde. Nach zigtausend Kilometern im Sattel ist Ulle zu dieser Erkenntnis aber noch nicht gekommen. Er ist halt immer der Radfahrer geblieben und das einzige was er gut kann ist eine Kurbel treten, Autogramme schreiben und grinsen.
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