Nachruf auf Tennisstar Die Tränen der Jana Novotna

Jana Novotna hat die große Zeit des Tennis in den Achtziger- und Neunzigerjahren mitgeprägt. Die Tschechin hat 100 Turniere gewonnen. An eine ihrer Niederlagen wird man sich immer erinnern.

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Der Fernsehsport ist ein ewiger Bilderteppich, ein Strom der Gesten, der nie versiegt. Immer reißt jemand jubelnd die Arme hoch, immer schlägt irgendwo jemand die Hände über dem Kopf zusammen. Wochenende für Wochenende, Tag für Tag. Und doch gibt es Momente, die haften bleiben, Szenen, an die sich Menschen noch nach Jahren erinnern, manchmal sogar nach Jahrzehnten. Weil sie größer sind als das normale Wechselspiel von Gewinnen und Verlieren.

Jana Novotna hat einen solchen Moment erlebt, am 3. Juli 1993, an dem Tag, an dem sie so nah dran war an ihrem größten Erfolg, es war bis dahin das Spiel ihres Lebens, so gut hatte man sie nie gesehen. Fünf lächerliche Punkte fehlten ihr noch zum Wimbledonsieg, 4:1 und 40:30 im entscheidenden dritten Satz bei eigenem Aufschlag gegen die als eigentlich unschlagbar geltende Tenniskönigin Steffi Graf.

Und plötzlich, als habe jemand einen Schalter umgelegt, ging nichts mehr. Novotna traf keinen Ball mehr, war nur noch Nervenbündel. Steffi Graf gewann 6:4 und den Titel. Statt mit der Trophäe endete Jana Novotnas Tag weinend an der Schulter der Herzogin von Kent, die sie bei der Siegerehrung trösten musste.

Jana Novotna und Steffi Graf in Wimbledon 1993
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Jana Novotna und Steffi Graf in Wimbledon 1993

Die Tränen der Jana Novotna, der Trost der Herzogin, das ist jedem Tennisfan im Gedächtnis geblieben. Die Herzogin, unverzichtbar über Jahrzehnte bei jeder Siegerehrung, so sehr Herzogin, das eigentlich niemand ihren wahren Namen Katharine Worsley kennt, flüsterte Novotna ins Ohr: "Ich bin sicher, Sie werden irgendwann siegen." Fünf Jahre später hielt Jana Novotna die Wimbledon-Trophäe in die Luft. Die Herzogin hatte Recht behalten.

Die Nerven spielten ihr häufig einen Streich

100 Turniere hat Novotna in ihrer Tennislaufbahn gewonnen, 24 davon im Einzel. Sie war im Doppel über Jahre die Nummer eins, aber auf dieses eine Spiel gegen Steffi Graf, das sie nicht gewonnen hat, ist sie immer wieder angesprochen worden. "Bei mir haben manchmal die Emotionen zu sehr mitgespielt und dazu beigetragen, dass ich gescheitert bin", hat sie später gesagt. An jenem 3. Juli war es für alle Welt sichtbar.

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Jana Novotna: Tränen und Triumph

Novotna hat die große Zeit des Tennis in den Achtziger- und Neunzigerjahren erlebt und mitgeprägt, ein Sport auf dem Höhepunkt seiner Popularität, es war vor allem auch die große Zeit des tschechischen, besser tschechoslowakischen Tennis.

Bei den Männern dominierte Ivan Lendl, der so oft wie eine Ballmaschine wirkte, es aber doch in Wimbledon nie schaffte. Es gab den rätselhaften Miloslav Mecir, bei dem man nie wusste, ob sein nächster Schlag Welt- oder Kreisklasse werden würde und den viele vielleicht deswegen so ins Herz geschlossen hatten, es gab Tomas Smid und Petr Korda.

Und bei den Frauen hatte die große Martina Navratilova, auch wenn sie früh aus der CSSR in die USA wechselte, eine ganze Generation von jungen Sportlerinnen beeinflusst. Tennis wollten sie spielen, die jungen Mädchen in Prag, Brünn und Ostrau. Nach Navratilova stieg Hana Mandlikova zu Weltruhm auf, dann Helena Sukova, die geniale Doppelspielerin. Die Paarung Novotna und Sukova war bei den Olympischen Spielen 1988 und 1996 fast nicht zu schlagen, aber eben nur fast. Zwei Mal unterlagen sie im Endspiel, einmal Zina Garrison und Pam Shriver, acht Jahre später Mary Joe und Gigi Fernandez. Olympisches Silber, dazu die Bronzemedaille im Einzel 1996 - Novotna hat diese Auszeichnungen dennoch als ihre größten Erfolge bezeichnet.

Im Doppel fühlte sie sich am wohlsten

Sie war eine klassische Serve-and-Volley-Spielerin, wie es sie heute kaum noch gibt, eine, die nach vorn stürmte, wann immer es ging, eine Spielweise, die ihr im Doppel entgegen kam. 76 Doppeltitel, davon zwölf Grand-Slam-Erfolge, 697 Siege bei 153 Niederlagen, beeindruckende Zahlen. Im Doppel, an der Seite einer Spielpartnerin, fühlte sich Jana Novotna am wohlsten. Dann, wenn es nicht nur auf sie und ihre Nerven allein ankam.

Jana Novotna, wie man sie kannte
DPA

Jana Novotna, wie man sie kannte

Vier Mal stand sie bei Grand-Slam-Turnieren im Endspiel, das erste Mal 1991 in Melbourne gegen Monica Seles, dazu fünf Mal im Halbfinale. 1998, als sie fast schon nicht mehr daran glaubte, hat es dann endlich geklappt, als sie die Französin Nathalie Tauziat in Wimbledon 6:4, 7:6 besiegte. 1999 beendete Jana Novotna ihre Karriere, ihren letzten Turniersieg feierte sie in Hannover: Die Gegnerin im Endspiel hieß Venus Williams, der Generationswechsel im Frauentennis wurde vollzogen.

Jana Novotna litt an Krebs. In der Hilflosigkeit des Journalisten, dieses Schicksal angemessen zu beschreiben, formuliert man dann meist, es war ihr letzter und schwerster Kampf. Jana Novotna wurde nur 49 Jahre alt. Unfassbar, dass sie tot ist. Man hat das Gefühl, man hat sie doch eben noch Tennis spielen sehen.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
f-rust 20.11.2017
1. Danke !
ein würdiger Beitrag, der Jana Novotna in herzensbewusste Er-Innerung ruft. Ihren Angehörigen Kraft und womöglich Trost.
Turbo 20.11.2017
2. Danke
Einer der besseren Artikel von Hr. Ahrens. Passend, würdig und bewegend. Man möchte das Schicksal in der Tat kaum glauben. Tennis war in dieser Zeit, insbesondere in D, eine fast schon heile Welt.
qlcasa 20.11.2017
3. Danke
Ein guter und würdiger Beitrag zum frühen Tod der Jana Novotna. Der Familie wünsche ich viel Kraft.
linzman 20.11.2017
4. Danke
Vielen Dank für diesen Artikel, Herr Ahrens. Eine schöne Würdigung für eine tolle Sportlerin.
sincere 20.11.2017
5. Typisch deutsch
Sie war eine großartige Tennisspielerin aber der Autor möchte gerade eine einzige Niederlage in den Fokus stellen. Meine Fresse, etwas mehr Selbstreflektion.
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