Johann Mühlegg Allgäu-Torero greift nach dem dritten Gold

Skilangläufer Johann Mühlegg ließ der Konkurrenz im Verfolgungsrennen keine Chance. Nach seinem zweiten Olympiasieg könnte der Bayer, der für Spanien startet, über 50 Kilometer sein drittes Gold in Salt Lake City holen. Für Deutschland will das Kraftpaket allerdings nie wieder laufen.


Johann Mühlegg: "Nie mehr für Deutschland"
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Johann Mühlegg: "Nie mehr für Deutschland"

Soldier Hollow - Wie ein Derwisch pflügte Johann Mühlegg am Donnerstag durch die Loipe von Soldier Hollow. Mit kräftigem Stockeinsatz und mächtigen Skaterschritten eilte er im Verfolgungsrennen seiner zweiten Goldmedaille binnen einer Woche entgegen.

Bereits nach dem klassischen Teil des zweigeteilten Rennens in Führung liegend, forcierte der 31-Jährige zu Beginn der zweiten zehn Kilometer noch einmal das Tempo - und stürzte. Doch Mühlegg ließ sich nicht beirren. Schnell stand er wieder auf Skiern und setzte den Sturmlauf zum Olympiasieg fort.

Wer Mühlegg bei den Olympischen Spielen 2002 sieht, ist davon überzeugt, dass der 1,85 Meter große und 80 Kilogramm schwere Ski-Athlet auch mit bloßer Hand eine rohe Kartoffel zerdrücken kann - wie weiland Raimund Harmstorf in der Verfilmung des Jack-London-Klassikers "Der Seewolf".

Nach der ersten Goldmedaille am Samstag über 30 Kilometer Freistil gratulierten der spanische König Juan Carlos und Ministerpräsident José Maria Aznar dem Wahl-Iberer, den die seriöse spanische Tageszeitung "El Pais" ehrfürchtig den "Indurain Bayerns" nennt. Ein Ritterschlag für "Juanito" Mühlegg: Der ehemalige Radsportler Miguel Indurain, der in den neunziger Jahren fünfmal hintereinander die Tour de France gewann, ist in Spanien eine lebende Legende.

Auf den finalen hundert Metern schnappte sich Mühlegg am Donnerstag die Fahne seines neuen Heimatlandes und schwenkte sie übermütig bis ins Ziel. "Das ist eine Grande Fiesta", sagte der Langlauf-König von Salt Lake, der sich den südländischen Gepflogenheiten angepasst hat. "Nach dem ersten Gold war ich erst um 2.30 Uhr im Bett. In Spanien spielt sich das Leben nachts ab", grinste Mühlegg schelmisch über das sonnengerötete Gesicht.

"Das Ergebnis harter Arbeit"


Dabei trainiert kein anderer Skiläufer so hart wie Mühlegg. In der Vorbereitung auf Salt Lake City legte er mehr als 15.000 Kilometer auf Skiern zurück. "Die Erfolge sind das Ergebnis harter Arbeit. Ich habe viele Entbehrungen auf mich genommen", sagte der Doppel-Olympiasieger. Andere Erklärungsansätze lässt Mühlegg nicht mehr zu. Nachfragen verbittet er sich. Er will sich nicht ausforschen lassen. Vorbei, aus, keine Spekulationen. Mühlegg will die Vergangenheit ruhen lassen.

Erstmals vor den Olympischen Spielen in Lillehammer 1994 hatte der beste aus Deutschland stammende Langläufer für seinen ausbleibenden internationalen Durchbruch einen "Hexer" im DSV-Team verantwortlich gemacht. "Der Mann bespricht unsere Elektrolytgetränke, so dass mir übel davon wird, ich mich übergeben muss und am nächsten Tag todmüde bin", witterte der streng katholische erzogene Bayer eine Verschwörung gegen sich, "den anderen schadet es nicht."

Trennung von Frau und Kind wegen "Spitzelkontakten"


Seitdem schwört Mühlegg auf das von der portugiesischen Raumpflegerin und angeblichen Wunderheilerin Justina Agostinho geweihte Wasser. Als seine "Gnade", so nennt er seine metaphysische Unterstützerin, im Zusammenhang mit "spiritistischen Verfolgungen" öffentlich den Namen des Bundestrainers Georg Zipfel nannte, verbannte der DSV Mühlegg aus dem WM-Kader.

Auch sein Traingspartner Jochen Behle wandte sich vorübergehend von ihm ab. "Um den Langläufer und Menschen Johann kann es einem nur Leid tun", sagte der heutige Bundestrainer, als Mühlegg seine Frau und seine kleine Tochter im Herbst 1995 wegen angeblicher "Spitzelkontakte" zum DSV des Hauses verwies.

Nachdem sich Mühlegg zwischenzeitlich als verbandsloser Einzelkämpfer durch den Weltcup geschlagen hatte, nahm ihn der DSV 1996 wieder auf. Doch die Versöhnung währte nur kurz. Als sich zu Saisonbeginn 1998/99 abzeichnete, dass der zwischenzeitlich in den Nachwuchsbereich versetzte Zipfel auf den Bundestrainerposten zurückkehren würde, beantragte Mühlegg beim DSV die Freigabe für den spanischen Skiverband.

Die Deutschen trennten sich leichten Herzens von ihrem Sorgenkind, dem erfolglosen: Mühlegg war fortwährend an den Medaillen vorbeigelaufen. Ein Jahr musste Mühlegg auf den spanischen Pass warten. Doch er nutzte die Zeit und steigerte seine Trainingsumfänge nochmals.

In seiner Premierensaison für Spanien gewann Mühlegg sein erstes Weltcuprennen und am Ende sogar den Gesamt-Wettbewerb. "Ich fühle mich so frei und unbeschwert", ließ er die überraschten Experten wissen. Als Mühlegg sich bei der WM 2001 in Lahti Gold und Silber über die Langstrecken erlief, war Justina Agostinho, die in seiner Pension "Jeremias" bei Garmisch lebt, an seiner Seite.

Nie wieder für Deutschland


Auch in Salt Lake soll ihm die Portugiesin angeblich beistehen, in der Öffentlichkeit tritt sie aber nicht mehr auf. Wenn Mühlegg in diesen Tagen gefragt wird, warum er so stark ist, erzählt er gerne von seinem "Motor", der ihn antreibt. Auf dem schweren, hügeligen Kurs in der dünnen Luft von Soldier Hollow ist "Juanito" über die 50 Kilometer am vorletzten Olympia-Tag der Topfavorit.

Die Handvoll spanischer Journalisten, die den erfolgreichsten Wintersportler ihres Landes hofieren, sind schon jetzt aus dem Häuschen. Dass der spanische Olympiasieger Francisco Fernandez-Ochoa Mühlegg als "einen Söldner" titulierte, tat der Begeisterung keinen Abbruch.

Auch Bundestrainer Jochen Behle ist von den Leistungen seines früheren Kollegen begeistert: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der Johann Mühlegg nicht in seinem Team haben will." Das indirekte Angebot zur Rückkehr ließ Mühlegg jedoch galant verhallen. Er müsse es wohl noch einmal klarstellen, erklärte der Mann mit dem Zweitwohnsitz Madrid: "Ich laufe definitiv nie wieder für Deutschland."

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