Verurteilter ATP-Funktionär Justin Gimelstob Der Tennis-Verbrecher

Justin Gimelstob äußerte sich einst frauenverachtend und homophob, schaffte es dennoch bis ins höchste ATP-Gremium. Nun ist er wegen Körperverletzung verurteilt worden - und könnte doch wiedergewählt werden.

Justin Gimelstob
Matthew Stockman/ Getty Images

Justin Gimelstob


Es ist Montagnachmittag, in einem Gerichtssaal in Los Angeles ergeht ein Schuldspruch wegen Körperverletzung. Der Angeklagte, das zeigen Handyaufnahmen, hat dutzendfach auf einen früheren Freund eingeschlagen. Die Details von jenem Halloweenabend 2018, jene, die das Opfer und dessen Frau vor Gericht verlesen, sind grausam.

Nachdem der Angeklagte mit einem sogenannten plea of nolo contendere die Vorwürfe zwar nicht bestritten, sich aber auch nicht schuldig bekannt hat, verurteilt die Richterin den 42-Jährigen zu drei Jahren auf Bewährung und 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit. Der Name des Verurteilten: Justin Gimelstob.

Tennisfans kommt der Name vielleicht bekannt vor. Gimelstob war einst Profi, an der Seite von Venus Williams gewann er 1998 die Australian und die French Open im Mixed. Im Einzel schaffte es der US-Amerikaner bis auf Platz 63 der Weltrangliste. Noch talentierter ist Gimelstob offenbar als Netzwerker. Schließlich trainierte er seither nicht nur Top-Ten-Spieler John Isner, er wurde auch Kommentator für den TV-Sender Tennis Channel und ist seit elf Jahren Mitglied des Board of Directors in der einflussreichen ATP.

Schon früher Skandale überstanden

Die ATP ist die Vereinigung professioneller männlicher Tennisspieler. Ihr Präsident Chris Kermode steht jenem Board of Directors vor, dem zudem drei Turnier- sowie drei Spielerrepräsentanten angehören, die aus dem Players Council entsandt werden. Dieser zehnköpfige Spielerrat sah seit Bekanntwerden der Vorwürfe keine Veranlassung, Gimelstob abzusetzen, Novak Djokovic als Vorsitzender zog sich auf den Verweis auf das "laufende Verfahren" zurück. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass Gimelstob selbst nach der Verurteilung wenig zu befürchten hat.

Justin Gimelstob im Jahr 2008: "Wenn sie nicht heult, habe ich meinen Job nicht erledigt"
Lawrence Jackson / AP

Justin Gimelstob im Jahr 2008: "Wenn sie nicht heult, habe ich meinen Job nicht erledigt"

Bereits in der Vergangenheit hat er so manchen Skandal überstanden. So durfte Gimelstob Anna Kurnikowa wüst beleidigen. Vor einem Showmatch, das die beiden 2008 in Washington bestreiten sollten, bezeichnete er seine Gegnerin im Radio als "Schlampe", die er "verabscheue".

In einer einstündigen Sendung redete er sich in einen regelrechten Hassrausch. Gegen Kurnikowa, aber auch gegen Tennisspielerinnen an sich, die er in kleine und große "Sexbomben" einteilte. Er kündigte an, Kurnikowa bei jedem Aufschlag hart in der Körpermitte treffen zu wollen: "Wenn sie nicht heulend vom Platz geht, habe ich meinen Job nicht erledigt." Kurnikowa habe zwar einen "tollen Körper, ihr Gesicht ist aber nur eine Fünf". Und: "Ich hätte nichts dagegen, wenn mein Bruder, eine Art Hengst, sie nagelt und ich dann davon profitieren kann." Gimelstob entschuldigte sich später für die Äußerungen.

"Der Umkleideraum könnte nicht homophober sein"

All das geschah wenige Wochen, nachdem er erstmals als Spielervertreter ins ATP-Board entsandt worden war. Und in einem Jahr, in dem er dem Magazin "Out" sagte: "Der Umkleideraum könnte nicht homophober sein. Wir machen da keine Schwulen nieder, es gibt halt nur eine Menge positiver, normaler Hetero-Gespräche über hübsche Mädels, Trainieren und Biertrinken. Darum wollen die Leute ja Leistungssportler werden."

Jede dieser Aussagen hätte bereits ausreichen müssen, um Gimelstob seiner Ämter zu entheben. Stattdessen durfte er weiter den Sport und seine Spieler repräsentieren. Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass der am Jahresende auslaufende Vertrag von ATP-Chef Kermode nicht verlängert wird, war einer der ersten Namen, die für die Nachfolge gehandelt wurden: Justin Gimelstob.

Wie konnte er es so weit bringen? Was zeichnet ihn aus, dass die Entgleisungen bisher keine Rolle bei seinem Aufstieg gespielt haben? Warum sehen ihn die Spieler als einen geeigneten Vertreter? Gab es nie Bedenken?

Das große Schweigen

Der SPIEGEL hat diese Fragen gestellt. An Djokovic als aktuellen Vorsitzenden der Spielervertretung. An seinen Vorgänger Roger Federer und dessen Vize Rafael Nadal. An Vasek Pospisil und Sam Querrey, die neben Isner (zu dessen Team Gimelstob immer noch gehört) Vertreter der sogenannten Americas-Region im Players Council sind, deren Repräsentant im Board of Directors Gimelstob ist. Niemand hat sich geäußert.

Bereits zu Jahresbeginn hatte Djokovic erklärt, warum sich die Spielervertretung bis zum Urteil hinter Gimelstob stellen und ihn daher halten werde. "Er war jemand, der immer für die Spieler gekämpft und sie auf großartige Weise vertreten hat", sagte der Weltranglistenerste. "Sollte er schuldig gesprochen werden, dann ist das eine komplett andere Situation, der wir uns widmen müssen."

Am Montagnachmittag ist Gimelstob schuldig gesprochen worden. Es kann eigentlich keine Argumente mehr für ihn geben. Oder etwa doch?

"Äußerst integer verhalten"

Die ATP schiebt dem Spielerrat die Entscheidung über Boardmitglied Gimelstob zu. Eine aktuelle Stellungnahme vom Vorsitzenden Djokovic gab es bisher nicht. Der Tennis Channel äußerte sich in einer Mitteilung ausweichend, ja fast demütig. Man werde gemeinsam eine Lösung finden, heißt es. Ein klares Signal kam dafür aus Wimbledon:

Americas-Spielervertreter Pospisil sagte dem Portal tennis.life, er wolle sich nicht zum Privatleben Gimelstobs äußern. "Ich werde jedoch sagen, dass Justin einen unglaublichen Job in seiner Position als Spielervertreter im ATP-Board gemacht hat. Er hat sich in den neun Monaten, in denen ich im Spielerrat war, äußerst integer verhalten und für die Rechte der Spieler gekämpft. Wenn er erneut für diese Position kandidieren würde (bei der Wahl im Mai in Rom; d. Red.), würden ich und die Spieler der Tour uns glücklich schätzen, ihn für eine weitere Amtszeit zu haben."

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insgesamt 2 Beiträge
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banalitäter 24.04.2019
1. äußerst integer verhalten...
Dann scheinen fast alle Spieler und Funktionäre auf derselben Wellenlänge wie Mr Gimelstob zu liegen. Die ATP scheint nichts von der Welt ausserhalb ihrer Sphäre mitbekommen zu haben - traurig.
richey_edwards 24.04.2019
2. Er ist verurteilt und hat
jetzt die Möglichkeit sich zu bewähren. Er hat sich für dumme aber nicht strafbare Aussagen entschuldigt. Er macht offenbar einen sehr guten Job für die Spieler. Das spricht für ihn. Sollen Straftäter isoliert und ausgeschlossen werden? Auch in anderen Fällen zeigt man Milde.
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