K.o.-Sieg gegen Miranda Abraham erobert Amerika

Beleidigungen, ein gebrochener Kiefer und ein umstrittener Sieg hatten die Atmosphäre vor dem Revanchekampf zwischen Arthur Abraham und Edison Miranda vergiftet. Doch Abraham ließ sich davon ebenso wenig beeindrucken wie vom murrenden Publikum.

Aus Hollywood/Florida berichtet Susanne Rohlfing


Die Vergangenheit ist gerade einmal gut eine halbe Stunde alt, da steht schon die Zukunft neben IBF-Weltmeister Arthur Abraham - in Gestalt seines nächsten Gegners Raul Marquez. Der trägt einen schwarzen Cowboyhut auf dem Kopf, dick mit Vaseline verklebte Cuts im Gesicht und bringt die Aura der großen weiten Welt mit, die im Profiboxen Amerika heißt.

Das gefällt Abraham. Seinem künftigen Gegner zollt der 28-Jährige den unter Boxern üblichen Respekt. Dem Mann aber, den er kurz zuvor imposant aus dem Ring gefegt hat, versetzt er auch im Moment des Triumphes noch ein paar verbale Hiebe. "Edison Miranda sieht wirklich gut aus, er hat einen schönen Körper", sagt Abraham, "ich empfehle ihm, es mal beim Bodybuilding zu versuchen." Gelassene Sieger klingen anders. Aber wie sollte Abraham auch gelassen sein? Seine Häme gilt einem Mann, der ihm vor gut anderthalb Jahren die schlimmsten Momente seiner Karriere bereitet hat: Edison Miranda. Der Kolumbianer brach Abraham damals in Wetzlar in der vierten Runde den Kiefer. Es floss viel Blut, es wurde viel diskutiert – und weitergeboxt. Abraham überstand die schmerzhafte Tortur und wurde zum Punktsieger erklärt. Zu Unrecht, meint bis heute Miranda. Eine Revanche musste her. Weil die Boxer es wollten. Und weil die Manager eine gut zu vermarktende Sensation witterten.

Der amerikanische Bezahlsender Showtime stieg ein, und so holte Mirandas Promoter Leon Margules Abraham nach Hollywood in Florida. Dort hat es sich der Indianerstamm der Seminolen zum Ziel gesetzt, dem Box- und Glücksspiel-Mekka Las Vegas Konkurrenz zu machen. Mit Glücksspiel-Lizenzen der US-Regierung hat der Stamm ein Vermögen verdient und Ende 2006 für knapp eine Milliarde Dollar die Hard-Rock-Café-Kette gekauft. Am Rande ihres Reservats im Süden Floridas steht das Prunkstück des Deals, das Seminole Hard Rock Hotel, das zugleich ein Casino ist. Ein imposanter Bau, der eine ganze Vergnügungswelt beherbergt. Ein Hotel, eine 5000 Zuschauer fassende Veranstaltungshalle, Restaurants, Bars, Nachtclubs, Boutiquen und natürlich einen riesigen Glücksspiel-Saal.

Der stammeseigene Boxstall "Seminole Warriors Boxing" soll helfen, das Casino in der Welt des Profiboxens zu einer Größe zu machen. Abrahams Promoter Wilfried Sauerland passte das gut in die eigenen Planungen, schließlich will er mit dem gebürtigen Armenier Abraham künftig auch den amerikanischen Markt erobern. Also begab er sich mit seinem Weltmeister in die Höhle des Löwen und lieferte Abraham seinem Gegner aus.

"Ich kenne keinen König, der so blöd ist wie du", hatte Miranda im Vorfeld des Kampfes in Anspielung auf Abrahams Kampfnamen "King Arthur" getönt: "Bist du verrückt? Liebst du dich nicht?" So sicher war sich der 27-Jährige, Abraham diesmal schlagen zu können. Um Abrahams WM-Gürtel ging es dabei nicht, da Miranda inzwischen ins Supermittelgewicht aufgestiegen ist und man sich darauf geeinigt hatte, sich im Niemandsland zwischen den Gewichtsklassen bei 75,1 Kilo zu treffen.

Schließlich war es Abraham, der diese hochbrisante Situation zu seinen Gunsten nutzte. Drei Runden lang ließ er den wild anstürmenden Edison "Pantera" Miranda an seiner Doppeldeckung abprallen. Er ignorierte das Buhen und die "Pantera"-Rufe der Zuschauer, er steckte einen Tiefschlag weg und sah sich wieder dem Unmut des Publikums ausgesetzt, das ihn offensichtlich für ein ziemliches Weichei hielt. Hin und wieder provozierte er Miranda mit "Komm hau mich doch"-Gesten, die ihm auch nicht gerade die Gunst der Menschen auf den Rängen einbrachten.

Und dann, in der vierten Runde, aus heiterem Himmel, einmal rechts, einmal links und noch einmal links. Plötzlich war alles anderes, plötzlich war Abraham ein Boxer, wie ihn die Amerikaner lieben. Dreimal landete Miranda auf dem Boden – dann brach der Ringrichter den Kampf ab. Abraham hatte alles richtig gemacht. Sich für den gebrochenen Kiefer revanchiert, eine Duftmarke in Amerika gesetzt, sich für eine Titelvereinigung mit WBC- und WBO-Weltmeister Kelly Pavlik in Position gebracht. "Unser Plan ist aufgegangen", sagte Abraham später: "Miranda schlägt ein paar harte Schläge, aber dann hat er keine Kondition mehr und wird müde." Darauf habe er gewartet, um dann präzise die sich bietenden Lücken zu nutzen.

Leon Margules, Chef von Seminole Warriors Boxing, war so beeindruckt von seinem Gast, dass er die Vermutung äußerte: "Ihr müsst Pavlik bis auf den Mond jagen, damit er gegen Arthur in den Ring steigt." Ihm wäre das wohl durchaus recht, denn so lange kann er Geschäfte mit Abraham machen. Und zunächst mit Marquez einen seiner Kämpfer vor die Fäuste von Abraham schicken.

Der Mexikaner Marquez hatte sich vor dem Abraham-Miranda-Kampf in einem hitzigen, blutigen Duell mit dem bis dahin ungeschlagenen Giovanni Lorenzo (Dominikanische Republik) ganz knapp durchgesetzt und somit das Recht erworben, der nächste Herausforderer von Abraham zu sein. Der Kampf wird wohl im Oktober in Deutschland stattfinden. Wobei Abrahams Manager Wilfried Sauerland euphorisiert vom gerade gesehenen Spektakel übermütig kundtat: "Wir können das auch gleich morgen machen."



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