Kalifornien-Tour Das Comeback der besten Doper

Der Hauptsponsor produziert Epo, einige der prominentesten Dopingsünder des Radsports kehren zurück - doch die Tour of California sorgt in den USA für Begeisterung, auch beim Gouverneur. Lance Armstrong wird als Held gefeiert und sieht Probleme nur beim Baseball.

Von Sebastian Moll


Sacramento ist eigentlich ein ruhiges, beschauliches Städtchen im Central Valley von Kalifornien, jenem breiten Tal, das der Sacramento River 100 Kilometer nordöstlich von San Francisco durch die Fußhügel der Sierra Nevada zieht. In der historischen Altstadt herrscht noch Goldgräber-Flair und der moderne Geschäftsdistrikt ist im Vergleich zur benachbarten Metropole eher überschaubar. Viel Trubel gibt es hier gewöhnlich nicht. Am vergangenen Samstag allerdings drängelte sich plötzlich eine Dreiviertelmillion Neugieriger durch die Straßen von Sacramento. Nach dem Grund musste man nicht lange suchen. Von den Laternenmasten der ganzen Stadt prangten riesige Banner mit dem überlebensgroßen Konterfei von Lance Armstrong, der finster durch seine Rennbrille auf die Passanten herab stiert, bereit, wie eh und je seine Konkurrenz zu vernichten. "Armstrong Rides Again", las sich der Schriftzug darunter. Diese Information reichte, um eine wahre Hysterie hier auszulösen.

Sollte Armstrong sich je Sorgen gemacht haben, dass sein Star-Glanz drei Jahre nach seinem letzten Tour-de-France-Sieg verblasst ist - seit Samstag kann er sich beruhigen. Die Reaktion auf seinen ersten Auftritt als wiedergeborener Radprofi in der Heimat übertraf selbst seine eigenen Erwartungen: "Das ist extremer als je zuvor", sagte er, während er versuchte, sich durch die Massen zu seinem Fahrrad zu drängeln: "Die Leute sind aufgeregt, aber sicherlich nicht aufgeregter als ich selbst."

Ob es dann an der Aufregung lag, dass der 37-Jährige am Montag auf der zweiten Etappe der Tour of California prompt stürzte, ist ungewiss, eher war wohl ein ins Schlingern geratenes Motorrad vor ihm schuld. Aus dem Tritt brachte ihn der Zwischenfall ohnehin nicht. In der Gesamtwertung der Kalifornien-Tour liegt Armstrong derzeit auf Platz vier. Als Gesamtsieger ist ohnehin sein Astana-Teamkollege Levi Leipheimer vorgesehen, der bereits die Führung übernommen hat.

Die freudige Erregung angesichts des planmäßigen US-Comebacks von Armstrong übertrug sich auch auf die Honoratioren am Rande der Piste. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger schaute persönlich vorbei, um seiner Begeisterung über diese "tollen Jungs" auf ihren schicken Rädern Ausdruck zu verleihen. Toll fand Schwarzenegger auch den Armstrong-Effekt für seinen Staat, der derzeit mit einem Haushaltsloch von 42 Milliarden Dollar ringt: "Das ist phantastisch für den Tourismus in Kalifornien", schwärmte er. Mehr als 100 Millionen Dollar, so wurde geschätzt, wird das Spektakel in die kalifornische Wirtschaft pumpen.

Alleine Sacramento setzte knapp neun Millionen Dollar um an diesem Wochenende. Als Armstrong im vergangenen Jahr nicht dabei war, waren es gerade einmal drei Millionen Dollar. Da strahlte der Bürgermeister Kevin Johnson - ebenso wie der Marketing-Chef des Renn-Hauptsponsors Amgen, Andrew Messick. Armstrongs Anti-Krebs-Kampagne, der vorgebliche Grund für sein Comebackharmoniere blendend mit den Zielen seiner Firma, sagte Messick. Amgen ist einer der führenden führenden Hersteller von Epo und verwandten Produkten, die primär für die Behandlung von Nierenkranken oder Krebspatienten gedacht sind. Über Doping wurde nicht gesprochen.

Bei der Pressekonferenz am Tag vor dem Rennen fragte dagegen der britische Reporter Paul Kimmage - Kolumnist der Londoner "Sunday Times" und selbst ehemaliger Radprofi - Armstrong, warum er denn so bewundernd von seinen Kollegen Ivan Basso und Floyd Landis spreche, die in Kalifornien nach ihren Sperren wie er ihr Comeback gaben. Schließlich seien das doch überführte Doper. Außerdem wollte Kimmage wissen, warum Armstrong seine Interviewanfrage abgelehnt habe.

"Der Krebs des Radsports"

Die Frage löste einen regelrechten Zornesausbruch des Stars aus. Kimmage "sei nicht den Stuhl wert, auf dem er sitze", bellte der Radstar den Reporter an. Ein Interview habe Kimmage deshalb nicht bekommen, weil er gesagt habe, Armstrong sei der "Krebs des Radsports, der nach drei Jahren nun wieder ausbreche". Die Kollegen Basso und Landis hätten beide ihre Unschuld beteuert, das würde ihm ausreichen: "Man kann von ihnen kein Geständnis verlangen, nur um Leute wie Dich zu beschwichtigen."

Der wegen Testosteron-Dopings disqualifizierte Tour-de-France-Sieger von 2006, Floyd Landis, fand derweil bei seinem ersten Radrennen nach zwei Jahren Sperre, dass der Radsport nun endlich wieder da sei, wo er hingehöre. "Die besten Fahrer starten in diesem Jahr bei den besten Rennen. So soll es sein."

Armstrong befand, man müsse die Doping-Sünder inzwischen ohnehin woanders suchen: "Es sieht so aus, als ob der Radsport auf dem Weg aus der Dunkelheit ist und dafür Baseball dort hineingerät." Eine ziemlich gewagte These, aber es kam dem siebenfachen Toursieger natürlich sehr gelegen, dass Baseball-Superstar Alex Rodriguez erst vor wenigen Tagen eingestanden hatte, früher gedopt zu haben - was angesichts des ungleich höheren Stellenwertes von Baseball für weitaus mehr Wirbel in der US-Öffentlichkeit gesorgt hatte als es alle Doping-Verdachtsmomente gegen Armstrong je gekonnt hätten.

Armstrong stellt Kontrollergebnisse ins Internet

Der kam mittlerweile tatsächlich auch zumindest teilweise seiner Ankündigung nach, die Ergebnisse seiner Doping-Kontrollen ins Netz zu stellen - obwohl er die Zusammenarbeit mit dem US-Wissenschaftler Don Caitlin kürzlich gekündigt hatte. Nun sind auf Armstrongs Homepage aber zumindest die Resultate von sechs Kontrollen zwischen dem 16. Oktober 2008 und 4. Februar 2009 einsehbar. Der Hämatokritwert lag dabei zwischen 39,3 (16. Oktober) und 45,8 (4. Februar). Ein Wert von 50 und mehr gilt als deutlicher Hinweis auf eine mögliche Manipulation.

Für die, die trotzdem noch etwas an ihm zu nörgeln haben, hatte Armstrong schon vor Beginn des Rennensam Ende nur unverblümte Verachtung übrig: "Die Leute, die über mein Comeback meckern und alle diese schlechten Dinge sagen - entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise - aber die können mich mal am Arsch lecken."



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Seite 1
Der Vogel, 10.09.2008
1.
Zitat von sysopFührende Profi-Radsportler überhöhen das geplante Comeback von Lance Armstrong zur Rückkehr einer Ikone. Dabei steht der einstige Dominator der Tour de France im Ruch des Dopings. Führt dies Comeback den Radsport in eine Krise?
Der Radsport verkraftet doch auch Riis und Basso und alle anderen, warum nicht auch Armstrong?
Dylan1941, 10.09.2008
2.
Zitat von sysopFührende Profi-Radsportler überhöhen das geplante Comeback von Lance Armstrong zur Rückkehr einer Ikone. Dabei steht der einstige Dominator der Tour de France im Ruch des Dopings. Führt dies Comeback den Radsport in eine Krise?
Soll er doch die neuen Mittel ausprobieren!
sportskanone 10.09.2008
3.
Zitat von sysopFührende Profi-Radsportler überhöhen das geplante Comeback von Lance Armstrong zur Rückkehr einer Ikone. Dabei steht der einstige Dominator der Tour de France im Ruch des Dopings. Führt dies Comeback den Radsport in eine Krise?
Wer steht denn nicht im Ruch? Der General ist zurück und wird wieder die Massen spalten. Na und.
Rainer Helmbrecht 10.09.2008
4.
Zitat von sysopFührende Profi-Radsportler überhöhen das geplante Comeback von Lance Armstrong zur Rückkehr einer Ikone. Dabei steht der einstige Dominator der Tour de France im Ruch des Dopings. Führt dies Comeback den Radsport in eine Krise?
Ich denke eine Kriese wird das nicht, aber er verwirrt die Fachleute mit der Frage, gibt es eine Dope, die wir (noch) nicht kennen? MfG. Rainer
P-Berg, 10.09.2008
5.
Zitat von sysopFührende Profi-Radsportler überhöhen das geplante Comeback von Lance Armstrong zur Rückkehr einer Ikone. Dabei steht der einstige Dominator der Tour de France im Ruch des Dopings. Führt dies Comeback den Radsport in eine Krise?
Steckt denn der Radsport nicht schon lange drin ?
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