"Kampf der Nibelungen" Wie rechte Hooligans den Kampfsport erobern

Hooligans im Fußballstadion? Das gibt es nur noch selten. Heute begeistert sich die Szene für Mixed Martial Arts. Das Problem: Rechte Hooligans und Neonazis nutzen die Veranstaltungen für völkische Propaganda.

SPIEGEL ONLINE: Herr Claus, oft wird gesagt, die Zeiten der Hooligans seien vorbei. Stimmt das?

Robert Claus: Auch wenn die meisten Bilder aus deren Hochphase in den Achtziger- und Neunzigerjahren stammen - nein, die Szene lebt. Und sie hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Ihre Rolle in Stadien ist zwar vielerorts kleiner geworden, aber: Hooligans sind auch in der rechten Szene, in Rockergruppen, in Gruppenkämpfen an geheimen Orten - ihren sogenannten Matches - oder beim Kampfsport aktiv.

Zur Person

Robert Claus, Jahrgang 1983, studierte Europäische Ethnologie und Gender Studies in Berlin, Istanbul und Buenos Aires. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Rechtsextremismus, Migration, Rassismus, Anti-Diskriminierung sowie Fußball, Sport und soziale Inklusion.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel beim "Mixed Martial Arts", wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Warum ist diese Szene so faszinierend für Rechte?

Claus: MMA ist aktionsgeladen und verbindet große Zielgruppen. Egal, ob man Kickboxen, Boxen, Judo oder andere Techniken mag, alle kommen auf ihre Kosten. Es gibt verschiedenste Schlag- und Grifftechniken, und auch die Kämpfer pflegen unterschiedliche Lifestyles. Deswegen fasziniert MMA auch die Szene der rechten Hooligans. Das wird man am 14. Oktober, beim "Kampf der Nibelungen", wieder sehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt das Event?

Claus: Die Veranstaltung wird seit 2013 jährlich an geheimen Orten durchgeführt, zuletzt in Nordrhein-Westfalen oder Nordhessen und unter anderem von Dortmunder Neonazis organisiert. Das Event ist ein wichtiger Kontakthof, die Anwesenden verstehen sich als Elite. Sie schaffen Verbindungen zwischen Hools und Nazis über eine Eventkultur für Leute, die sich als Herrenrasse sehen.

SPIEGEL ONLINE: Es steckt eine politische Motivation dahinter?

Claus: Ja, und daran zeigt sich auch, dass das Bild von betrunkenen Straßenschlägern aus den Achtzigern überholt ist. Beim "Kampf der Nibelungen" treten trainierte Kampfsportler an, für die Gesundheit einen völkischen Wert hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist die MMA-Szene voll von Rechtsextremen?

Claus: Nein. Es gibt Veranstalter aus der Popkultur wie "We love MMA", die politisch eine andere Linie fahren und die rechtsextreme und diskriminierende Inhalte auf Kleidung und in der Einlaufmusik ächten. Zweitens, und das ist wohl die größte Gruppe, sind Veranstalter aktiv, die selbst aus einem Gewaltmilieu kommen, keine Nazis sind, aber geringe Berührungsängste zu deren Szene haben.

SPIEGEL ONLINE: Und drittens?

Claus: Gibt es Veranstalter, die selbst aus der rechten Hooliganszene kommen: Der Chef des Leipziger "Imperium Fight Teams" beispielsweise stammt aus einer einstmals vom Verfassungsschutz beobachteten rechten Hooligangruppe. Er hat sich zwar verbal davon distanziert, zu seinen Events kommen aber trotzdem Rechtsextreme, zuweilen stehen rechte Hooligans im Kampfring.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt das Problem, wenn die Szene unter sich bleibt?

Claus: Die Gewalt bleibt nicht auf den Turnieren, sondern wirkt auch auf die Fanszenen des Fußballs und geht über zu Straßengewalt. Das hat man im vergangenen Jahr in Leipzig, beim Dresdner Pegida-Ableger Legida, gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dort passiert?

Claus: Mehr als 200 Hools und Neonazis randalierten und haben in der Stadt eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Unter den Tätern waren viele Kämpfer des "Imperium Fight Teams". Auch der Einfluss aus dem Ausland ist nicht zu unterschätzen, der russische Hooligan Denis Nikitin ist dafür ein Beispiel. Er kommt aus der Hooligan-Szene bei ZSKA Moskau und sponsert den "Kampf der Nibelungen" mit seinem rechtsextremen Label "White Rex". Das bietet ein großes Repertoire an - von Kleidung bis hin zu Äxten und Messern. Er wirbt auf mehreren Onlineseiten, unter anderem auf "2yt4u".

SPIEGEL ONLINE: Was soll das bedeuten?

Claus: "Too white for you - Zu weiß für dich", ein Nazicode. Nikitin hat sich ein einträgliches nationalsozialistisches Business aufgebaut. Er spricht fließend deutsch und hat beste Verbindungen zur Kölner Hooliganszene.

SPIEGEL ONLINE: Nikitin war Thema einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung im September 2017.

Claus: Bei Nikitin geht es immerhin um eine zentrale Figur des rechtsextremen Hooliganismus in Europa, die Antwort der Regierung fiel aber enttäuschend aus. Sie sagt, über ihn nur das zu wissen, was medial bekannt ist. Das ist falsch, da Nikitin laut Eigenaussage in den vergangenen Jahren mindestens zweimal in Nordrhein-Westfalen festgenommen wurde. Die Behörden unterschätzen das Problem oder sie halten Informationen zurück. Beides wäre fatal.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern in Ihrem Buch verstärkte Anstrengungen bei der Prävention im Kampfsport. Ist das nicht eine reflexhafte Forderung, wie bei manchen Politikern der Ruf nach mehr Polizei?

Claus: Nein, denn um die rechten Hooligans geht es mir nicht, da kommt jede Prävention zu spät. Wichtiger sind die nicht-rechten Veranstalter. Sie könnten stärker auf die Inhalte bei der Einlaufmusik achten, rechte Kleidungsmarken untersagen und Neonazis nicht auf die eigenen Fightcards einladen. Der MMA-Markt wächst, deswegen dürfen interessierte Jugendliche nicht ständig in Kontakt mit rechtem Lifestyle kommen.

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Claus, Robert

Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik

Verlag: Die Werkstatt
Seitenzahl: 192
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