Kampf gegen Doping in der DDR "Ich bitte euch, kein Mittelchen zu schlucken"

Es ist ein Sensationsfund: Vor fast 50 Jahren schrieb die DDR-Rudertrainerin Johanna Sperling einen Brief an ihre Sportlerinnen - und warnte sie vor Doping. Das Dokument beweist, dass die Folgen der Leistungsmanipulation bereits damals bekannt waren. SPIEGEL ONLINE hat die mutige Frau besucht.

Ehemalige Rudertrainerin Sperling: "Ich bitte Euch ganz ernsthaft"
Sven Sonntag / Picture Point

Ehemalige Rudertrainerin Sperling: "Ich bitte Euch ganz ernsthaft"


Eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit kann irritieren. Johanna Sperling, 77, ehemalige Rudertrainerin des SC DHfK Leipzig, sitzt in einem Café im Leipziger Hauptbahnhof. Sie blickt auf sieben engbeschriebene Seiten. Lehnt sich zurück im braunen Ledersessel und sagt: "Dieser Brief ist nicht von mir. Das muss eine Fälschung sein!"

Dann beginnt sie jenen Brief zu lesen, den eine "Johanna Sperling, Leipzig" 1963 ihren Sportlerinnen ins Trainingslager der Nationalmannschaft nach "Berlin-Grünau, Regattastraße 211" geschickt hat. Sie murmelt: "Das ist eine perfekte Fälschung."

Es ist keine Fälschung.

Eine ihrer Ruderinnen hat die handgeschriebenen Zeilen aufbewahrt. Es ist ein sporthistorisches Dokument, weil es beweist, dass schon Anfang der sechziger Jahre, lange vor dem eigentlichen Doping-Staatsplan 14.25, gedopt wurde - und dass schon damals die gefährlichen Wirkungen der Dopingmittel bekannt waren.

"Ich bitte euch, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken"

Weil es beweist, dass sich DDR-Trainer dem Doping-Dogma verweigern konnten, zumindest noch in den sechziger Jahren.

Es ist ein Sensationsfund. Es gibt nichts Vergleichbares.

"Ich bitte euch ganz ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das Eure Leistung angeblich steigert, und wenn es als noch so harmlos, als vollkommen unschädlich oder wunderwirkend euch gepriesen wird", steht in dem Brief, den Sperling vor einem halben Jahrhundert geschrieben hat und im Sommer 2009 wiedersieht. "Auch wenn man euch sagt, dass Ihr dann die einzigen seid, die nichts zu sich nehmen, bitte weist es zurück, seid stolz darauf und denkt an die kommenden Wettkampfjahre und denkt an eure Gesundheit. An der eigenen Willensstärke erleidet Ihr keinen Schaden, und davon habt Ihr genügend zur Verfügung. Ich kann euch Beispiele nennen, welche Auswirkungen solche Mittel der Wettkampfvorbereitung hatten - jetzt würde das zu weit führen, glaubt mir nur so viel, dass es nie gut ist."

Johanna Sperling hat Tränen in den Augen. Es dauert fast eine Viertelstunde, bis sie sagt: "Dass dieser Brief noch existiert. Unglaublich."

"Mehr bei der Pharmaindustrie als beim Training"

Sie hat ganz offen mit ihren "Sperlingen", wie sie die Ruderinnen nannte, über die Gefahren des Dopings diskutiert. Zunächst ging es vor allem um Psychopharmaka. Später um das von der Firma Jenapharm produzierte anabole Steroid Oral-Turinabol (OT). Sperling hat sich von Ärzten über die Wirkungen von OT aufklären lassen und ihren Mädchen davon abgeraten.

Irgendwann wurde sie ausgebremst von anderen Trainern. Sie durfte nur noch Nachwuchssportler trainieren. Sie glaubte, sie sei nicht gut genug und hat darunter gelitten. Sie studierte nebenbei ein zweites Mal, Psychologie, weil sie sich selbst erklären wollte, was passiert war mit ihr und den "Sperlingen", die unter anderen Trainern Medaillen gewannen. Trainern, von denen sie sagt, sie hätten sich mehr "bei der Pharmaindustrie aufgehalten als beim Training".

Der Sporthistoriker Giselher Spitzer hat so viele Akten zum DDR-Dopingsystem studiert wie kaum ein Zweiter. Er hat zahlreiche Dopingopfer interviewt und mehrere Bücher zum Thema publiziert. Aber auch Spitzer kennt kaum jemanden, der sich dem System verweigert hätte. Er sagt: "Bislang konnte noch nicht quantifiziert werden, wie viele Frauen und Männer in Arzt- oder Trainerfunktion das Dopingsystem zu behindern suchten." Unter aufgeklärten Ärzten sei die Ablehnungsrate weit größer gewesen als unter Trainern, besonders Ende der achtziger Jahre, kurz vor dem Zusammenbruch der DDR. Wohl hat er in Bergen von Stasi-Akten Hinweise zu Widerständlern gefunden, doch kein Dokument von der Qualität jenes Briefes, den Johanna Sperling einst an ihre Sportlerinnen schrieb.

Johanna Sperling will nicht anklagen. Sie will "den DDR-Sport nicht verdammen". Sie war eine überzeugte Sozialistin. Sie hat in der DDR alle Chancen bekommen. Ist selbst gerudert, wurde 1957 Dritte bei einer Europameisterschaft. Sie hat an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) studiert, war eine harte Trainerin, wie sie sagt. Sie hatte eine Vorstellung vom Sport, die allerdings immer weniger mit der Doktrin der Medaillenproduktion korrespondierte. Sie hat sich diese Vorstellung bis heute erhalten. "Wenn ich Medaillen nur mit Doping erreiche, muss etwas faul sein", sagt sie. "Das galt für die DDR und das gilt heute. Das ist nicht mein Sport. Das interessiert mich nicht mehr."

"Ihr könntet euch nicht ehrlich Eures Sieges freuen"

Johanna Sperling hat sich dem System im System widersetzt. Sie wurde in die zweite Reihe verbannt, wie man damals sagte. Sie arbeitete als Nachwuchstrainerin und im Studentensport. Am Donnerstag wird sie vom Verein Dopingopferhilfe e. V. in Berlin mit der Heidi-Krieger-Medaille geehrt, gemeinsam mit drei anderen Aufrechten aus Ost und West, die sich dem Dopingsystem verweigerten: Henner Misersky aus Stützerbach in Thüringen, ehemals Skilanglauftrainer beim SC Motor Zella-Mehlis, Hansjörg Kofink (Rottenburg), ehemaliger Bundestrainer für Kugelstoßen, und Horst Klehr, Apotheker aus Mainz und Gründungsmitglied der ersten Dopingkommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Johanna Sperling hat lange überlegt, ob sie diese Auszeichnung annehmen soll. Sie weiß nicht, wie ihr Umfeld in Leipzig reagieren wird. Sie fürchtet die Schlagzeilen. Vor allem aber: Sie ist überzeugt davon, nichts Besonderes getan zu haben.

"An meiner Stelle hätten viele so gehandelt", sagt sie. Außer ihr und Misersky ist aber kaum jemand bekannt.

"Es ist nie gut", schrieb sie vor 46 Jahren. Es ist nie gut zu dopen. Eine große Botschaft in einfachen Worten: "Und wenn es nur das Schamgefühl wäre, das sich eurer nach einem erfolgreichen Rennen bemächtigen würde - Ihr könntet euch nicht ehrlich eures Sieges freuen. Erspart es euch und geht mit gutem Gewissen an den Start, die Nationalhymne klingt dann umso erhebender."



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