Kampf gegen Epo Dopingjäger prüfen revolutionären Bluttest

Ob Radfahren, Skilanglauf, Leichtathletik: Epo gewinnt. Doch ein neuer Test könnte Athleten, die Blutdoping betreiben, bald zuverlässig entlarven. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Blut-Experte Walter Schmidt über seine Methode, Epo-Missbrauch nachzuweisen - einfach und schnell.

SPIEGEL ONLINE: Herr, Schmidt, auch im abgelaufenen Jahr war Blutdoping die beliebteste aller Manipulationsarten im Sport. Sie haben einen Test entwickelt, der im Blut eines Athleten sehr viele Betrüger überführen könnte. Was macht den Test so erfolgversprechend?

Schmidt: Die Ausdauerleistung eines Sportlers hängt direkt mit der Menge an Hämoglobin im Blut zusammen. Das Ziel eines jeden Blutdopings ist es daher, die Hämoglobinmenge zu erhöhen. Beim Leistungssportler bleibt diese Größe aber unter nahezu allen Bedingungen konstant, was die Voraussetzung für den Test ist. Diese Tatsache haben wir in vergangenen zwei Jahren bei 330 Spitzensportlern nachgeprüft und sind uns dabei sehr sicher geworden. Da sich also bei der nicht-dopenden Sportlerpopulation im Gegensatz zu manipulierenden Athleten dieser Wert nicht verändert, können dopende Sportler eigentlich relativ leicht überführt werden.

Blutproben: Hämoglobinmasse als Doping-Indikator

Blutproben: Hämoglobinmasse als Doping-Indikator

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Ausnahmen?

Schmidt: Wenn jemand wirklich untrainiert ist und dann auf einen Marathon hintrainiert, den er in 3:30 Stunden läuft, so verändert sich der Wert im Durchschnitt um sechs Prozent. Wenn jemand aber komplett austrainiert ist, dann gibt es praktisch keine Veränderung mehr. Aufgrund von Verletzungen, die in extremen Fällen zu langer Bettlägerigkeit zwingen, kann sich so ein Wert etwas verändern, aber das ist auf Grund der Krankengeschichte nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert bei Blutdoping?

Schmidt: Nach Manipulation rechnen wir derzeit mit einer Zunahme der Hämoglobinmasse um zehn bis zwölf Prozent - wenn nicht noch mehr. Doping ist also ganz klar ersichtlich. Bei minimaler Anwendung von beispielsweise Epo kann der Zuwachs natürlich auch geringer sein. Der erwünschte Effekt ist es dann allerdings auch.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Wert nicht durch ständige Manipulation konstant oben gehalten werden?

Schmidt: Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ein Sportler beispielsweise mit 18 Jahren anfängt zu dopen und das bis zu seinem 30. Lebensjahr durchhält, ohne Lücken - dann ist das tatsächlich schwierig nachzuweisen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass dies in der Praxis möglich ist - Eigenblutdoping ist über längere Zeit ohne Pausen nicht durchzuführen. Und wer regelmäßig Epo oder Epo-Mimetika zu sich nimmt, der wird früher oder später durch andere Tests überführt. Das hat man in diesem Jahr mit dem Epo-Mittel Cera bei der Tour de France gesehen.

SPIEGEL ONLNE: Ihr Test wird andere Kontrollmethoden also nicht ablösen?

Schmidt: Nein. Er ist im Zusammenhang mit den anderen Tests für den Blutpass zu sehen. Dort werden bislang, beispielsweise im Radsport beim Weltverband UCI, viele indirekte Größen schon gemessen. Dazu zählt unter anderem der Hämatokrit-Wert (Zellanteil am Blutvolumen, d. Red.) oder die Hämoglobin-Konzentration (roter Blutfarbstoff, der Sauerstoff zu den Muskeln transportiert, d. Red.). Unser Test würde den Blutpass (siehe Infokasten) perfekt ergänzen…

SPIEGEL ONLINE: … und revolutionieren.

Schmidt: Ja. Zusammen mit den anderen Größen könnte die statistische Aussagekraft so erhöht werden, dass man beispielsweise mit einer Wahrscheinlichkeit von 100.000:1 oder 1.000.000:1 sagen könnte: Die Veränderungen des Blutes dieses Sportlers sind unnatürlich. Wenn dann die wenigen anderen Einflussmöglichkeiten ausgeschlossen werden, bleibt nur Doping übrig. Wir müssen dazu dann nicht mehr die Substanz nachweisen, mit der gedopt wird, wir würden auch so sehen, wenn Blut manipuliert wurde - egal mit welchen Mitteln, ob mit Epo oder Eigenblut. Wenn wir sehen, dass die Hämoglobinmenge im Blut des Sportlers um einhundert Gramm zunimmt, dann wissen wir, dass er sich zwei Blutbeutel gegeben oder drei bis vier Wochen Epo verabreicht hat. Bislang konnte das Blut nach diesen Maßnamen noch so manipuliert werden, dass die Kontrolleure nichts feststellen konnten. Mit viel Flüssigkeit etwa. Das wäre bei diesem Universal-Bluttest nicht mehr möglich.

"In der Leichtathletik werden Probleme nicht so offensiv angegangen"

SPIEGEL ONLINE: Wann kann der Test zum Einsatz kommen?

Schmidt: Das wird leider noch eine Weile dauern. Wir werden in den kommenden 18 Monaten im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur noch einige Tests zur methodischen Absicherung durchführen. Unter anderem untersuchen wir gerade noch Höhentrainingseffekte genauer. Prinzipiell würde der Test aber jetzt schon funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben dann überhaupt noch Schlupfwinkel für Doper?

Radsportler Schumacher: Verdächtige Werte

Radsportler Schumacher: Verdächtige Werte

Foto: REUTERS

Schmidt: In erster Linie wird ein Sportler, der manipuliert hat, versuchen, rechtlich gegen das Ergebnis und die Sperre vorzugehen. Bislang gab es das ja nicht, dass ein Sportler aufgrund seiner Blutwerte und nicht aufgrund verbotener Substanzen in seinem Körper als Doper überführt wurde. Wenn aber einmal juristisch geklärt wird, dass eine Sperre auch aufgrund dieses Tests rechtlich unbedenklich ist, also offizielle Stellen die hohe Wahrscheinlichkeiten einer Manipulation - beispielsweise 10.000:1 - als Nachweis zulassen, dann hat der dopende Sportler nur noch sehr eingeschränkte Manipulationsmöglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Zeit der Ausreden damit vorbei?

Schmidt: Sicherlich nicht. Es werden bestimmt auch weiterhin recht obskure Fälle konstruiert werden, wie etwa die Existenz eines vor der Geburt verstorbenen Zwillings, die der Radsportler Tyler Hamilton als Ausrede für die Bildung von speziellen Anti-Körpern im eigenen Blut anführte - was schließlich den positiven Doping-Befund ergeben habe.

SPIEGEL ONLINE: Warum findet der Blutpass bislang nur im Radsport und Skilanglauf Anwendung?

Schmidt: Das kann ich mir nicht erklären. In der internationalen Leichtathletik beispielsweise ist vieles langsamer, Probleme werden dort nicht so offensiv angegangen. Auch Obergrenzen für Blutwerte sind dort ja de facto nicht existent. Die Blutwerte sind zwar teilweise bekannt, Sanktionen werden aber nicht erhoben – anders als im Rad- oder Wintersport.

SPIEGEL ONLINE: Im Wintersport gibt es sogar unterschiedliche Obergrenzen je nach Sportart...

Schmidt: ... was ich aber für unsinnig halte.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Schmidt: Eisschnelllauf und Skilanglauf beispielsweise sind beide zu einem großen Anteil Ausdauerdisziplinen. Dennoch weichen ihre Obergrenzen deutlich voneinander ab; und sogar zwischen Skilanglauf und Biathlon gibt es Unterschiede. Allerdings sollte man schon disziplinspezifische und mehr noch individuelle Eigenheiten beachten. Wir haben herausgefunden, dass beispielsweise Ruderer häufig sehr hohe Hämatokrit-Werte aufweisen, die meiner Meinung nach nicht auf Doping zurückzuführen sind. Ruderer haben auch mitunter bis zu elf Liter Blut, viele Wintersportler kommen mit der Hälfte aus. Zwischen diesen Sportarten gibt es also große Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Die Regularien müssten also im Wintersport nicht Biathlet von Langläufer unterscheiden, sondern jeden einzelnen Athleten?

Schmidt: Genau. Man muss eine erlaubte Schwankungsbreite für jeden einzelnen Sportler festlegen. Wenn er die überschreitet, ist der Verdacht der Manipulation da. Im Blutpass, der bei Fis und UCI eingesetzt wird, ist dieser Ansatz bereits Realität. Mit dem Hämoglobin-Masse-Test kann ein Verdacht nun deutlich erhärtet werden. Bislang war man bei Veränderungen von Blutparametern häufig auf Spekulationen angewiesen, wobei man sich manchmal mit seltsamen Argumenten auseinander setzen musste.

SPIEGEL ONLINE: Wie bei dem inzwischen positiv getesteten Rad-Profi Stefan Schumacher, der Sie in seiner Verteidigungsstrategie im Herbst 2007 zitiert hatte, als er des Dopings verdächtigt wurde.

Schmidt: Das war eine Frechheit. Mit Herrn Schumacher stand ich nie in Kontakt. Eine amerikanische Studie wurde in diesem Fall mir zugeordnet; über Durchfall, an dem er gelitten haben soll, hatte ich jedoch nie etwas veröffentlicht. Die Beteiligten haben sich bei mir inzwischen entschuldigt. Die damals diskutierten Veränderungen sind allerdings auch mit Durchfall nur schwer zu erklären. Stefan Schumacher hatte einen gegenüber seinen sonstigen Werten stark erhöhten Hämatokrit-Wert - da müsste er schon sehr krank gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Test hätte Klarheit schaffen können?

Schmidt: Ja. Hätte sich die Hämoglobin-Masse nicht verändert, müsste man der Durchfall-Theorie glauben. Wenn nicht, wäre Schumacher vielleicht schon ein Jahr vor seiner positiven Probe bei der Tour 2008 positiv getestet worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine zeitlang für das Radsportteam T-Mobile interne Blutkontrollen durchgeführt. Mögliche Doping-Sünder im Team sollten so ausfindig gemacht und suspendiert werden können. Warum wurde die Zusammenarbeit mit dem Manager Bob Stapleton beendet, als aus dem Rennstall das Team Columbia wurde?

Schmidt: Bob Stapleton hatte eine zweite professionelle Firma für die Kontrollen engagiert...

SPIEGEL ONLINE: ... die Agency for Cycling Ethics (ACE) aus den USA...

Schmidt: … mit der wir nicht so zurecht gekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Schmidt: Der Datenabgleich bei den Blutwerten ging uns nicht weit genug.

SPIEGEL ONLINE: Auffällige Werte wären also zu verschleiern gewesen, ohne dass die UCI oder die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada davon etwas mitbekommen hätten?

Schmidt: Nein, das wohl nicht. Nach meinen Informationen sollen Wada und UCI ständig informiert gewesen sein. Wir wollten jedoch noch mehr Transparenz.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.