Kanu-Slalomfahrer Tasiadis Endstation an Tor neun

Im vergangenen Jahr hatte der Kanu-Slalomfahrer Sideris Tasiadis den Tod seiner Freundin zu verkraften. In Rio de Janeiro wollte der gelernte Polizist Gold gewinnen. Doch es kam anders.

Sideris Tasiadis
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Sideris Tasiadis

Aus Rio de Janeiro berichtet


Als alles zu Ende war, warf Kanu-Slalomfahrer Sideris Tasiadis noch einen letzten, hoffnungsvollen Blick auf die Anzeigentafel mit den Zeiten, doch das Ergebnis kam schnell und war niederschmetternd: 97,90 Sekunden. Für den großen Goldfavoriten hieß das Platz fünf statt der ersehnten Medaille. Tasiadis ließ den Kopf hängen, legte sein Paddel auf der Oberseite des Bootes ab und verharrte sekundenlang. Die Strömung trieb ihn ein paar Meter weit, vorbei an den jubelnden Medaillengewinnern aus Frankreich, der Slowakei und Japan.

Dass die Enttäuschung bei Tasiadis groß war, ist nur allzu verständlich. In der Qualifikation hatte er die Bestzeit hingelegt, im Halbfinale war er gar zwei Sekunden schneller als die Konkurrenz gewesen - doch das alles zählte nicht, genauer gesagt: Es zählte nur der Endlauf. Die starken Leistungen zuvor flossen nicht mit ins Ergebnis ein, sondern nur in die Erstellung der Rangfolge des Finals.

Und so führte die schnellste Zeit im Halbfinale lediglich dazu, dass Tasiadis als Letzter starten musste - nicht unbedingt ein Vorteil: "Das erhöht schon den Druck", sagte der Polizist nach dem Rennen. Dennoch sollte der zweiten deutschen Goldmedaille nach Michael Jung im Einzel-Vielseitigkeitsreiten eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Doch ein Patzer verhinderte das.

Ein "Leichtsinnsfehler" verhindert die Medaille

Kurz bevor er vor die Journalisten getreten war, hatte Tasiadis aus etwa hundert Meter Entfernung noch einmal auf die feiernden Siegern geschaut, ihnen applaudiert, als sie ihre Medaillen überreicht bekamen. "Als ich am Start die Zeiten der beiden Führenden gesehen habe, wusste ich, dass ich noch mehr abliefern musste als im Halbfinale, damit es für ganz vorne reicht", sagte Tasiadis: "Aber dann habe ich die Stange an Tor neun leicht berührt - da bin ich aus dem Takt gekommen, das hat mich die Medaille gekostet." Es sei ein Leichtsinnsfehler gewesen.

Tasiadis hatte angesichts der starken Leistungen seiner Kontrahenten alles probieren wollen, deshalb fuhr er auch die Kurve an Tor neun sehr eng an. "Ich war zu hektisch in der Situation und bin zu früh mit der Schulter hochgegangen", sagte er 26-Jährige. Nach seinem Fehler versuchte er, die zwei Strafsekunden noch einmal aufzuholen - erfolglos: Am Ende hatte er knapp vier Sekunden Rückstand auf den Sieger Denis Gargaud Chanut aus Frankreich.

So kostete ihn der bittere Fehler früh im Rennen eine Medaille: Ohne die Zwei-Sekunden-Strafe hätte Tasiadis Bronze sicher gehabt, das sich nun Matej Benus aus der Slowakei in die Vitrine stellen kann. "Ich bin schon enttäuscht. Aber so ist der Sport", sagte Tasiadis. "Die Olympischen Spiele haben eigene Gesetze", wandelte er anschließend noch eine alte DFB-Pokal-Weisheit auf seinen Sport ab.

Im September starb Tasiadis Freundin

Tasiadis hat schwere Zeiten hinter sich. Im vergangenen September starb seine Freundin Claudia Bär an einer Lungenentzündung, nachdem sie zwei Jahre lang gegen eine Leukämieerkrankung gekämpft hatte. Bär war ebenfalls Kanuslalom-Fahrerin gewesen, zweimal hatte sie bei Europameisterschaften gewonnen. Ein "Stück des Puzzles" fehle seitdem, hatte Tasiadis gesagt.

Die Erkrankung seiner Freundin hatte auch seine sportlichen Leistungen beeinflusst, in Wettkämpfen konnte der Silbermedaillengewinner von 2012 nicht an alte Ergebnisse anknüpfen. Der "Augsburger Allgemeinen" sagte er: "Im Training konnte ich mit der Situation fertigwerden, aber im Wettkampf kamen immer wieder diese Gedanken: Wie geht es Claudia jetzt wohl?"

Nach dem Tod seiner Freundin stürzte er sich in die Vorbereitung auf die Olympiasaison. Der "Augsburger Allgemeinen" verriet er, dass er in Zeiten, wo ihm die Motivation fehlte, die Stimme seiner verstorben Freundin hörte, die ihm vor ihren Tod gesagt hatte: "Mach alles dafür, dass du deine Ziele erreichst."

"Vierter wäre schlechter gewesen"

Nach der ersten Enttäuschung im anspruchsvollen Parcour im Whitewater Stadion relativiere Tasiadis seine Einschätzung hinsichtlich des Ergebnisses später noch ein wenig: "Mit Platz fünf bin ich schon zufrieden. Viel schlechter wäre es gewesen, wenn ich Vierter geworden wäre. Das wäre noch demotivierender gewesen."

Kritik übte Tasiadis am Kanu-Verband. Dieser habe einen zu hohen Erwartungsdruck auf die Kanuten aufgebaut. "Die sagen, von vier Booten müssen zwei aufs Treppchen. Das ist zu viel Druck auf einem." Verbandspräsident Thomas Konietzko wies die Kritik zurück: "Wir dürfen unsere Ansprüche nicht herunterfahren", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Für Tasiadis sind die Olympischen Spiele nun vorbei, in Rio bleibt er jedoch noch etwas. "Ich werde die Tage hier nun noch genießen und die Teamkameraden anfeuern. Auch einen Besuch am Abend im Deutschen Haus kündigte er an." Dann ist der Trubel aber vorbei. "Nächste Woche geht es in den Urlaub."



insgesamt 2 Beiträge
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andreasm.bn 10.08.2016
1. Kopf hoch Junge,...
es sollte an diesem Tag leider nicht sein. Aber Du hast alles gegeben, insofern kannst Du im Reinen mit Dir sein. Und an die depper... Funktionäre, Ihr sitzt doch nur mit Eurem fetten Ar... in Euren Sesseln und schwadroniert über irgendwelche hanebüchenen Medaillenerwartungen....
elkemeis 10.08.2016
2. Regeländerung
Unabhängig vom Ausgang dieses Wettbewerbs halte ich eine Regeländerung im Kanuslalom für erforderlich oder zumindest wünschenswert. Als Skifahrerin und frühere Freizeit-Wildwasserkajakfahrerin denke ich, dass für eine faire Bewertung der Leistung zwei Durchgänge gefahren und in der Wertung addiert werden sollten. In einer derart dynamischen und technischen Sportart wie Kanuslalom entscheidet zum Teil ein Milimeter über Fehler oder Nicht-Fehler. Dieser eine Milimeter sollte aber nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden. Es sagt mehr über die Leistung und das Können des Sportlers aus, wenn zwei Durchgänge zum Erfolg führen. Der dramatischen Spannung des Rennens tut dies keinen Abbruch, wie alpiner Slalom und Riesenslalom beweisen. Früher war das auch im Kanuslalom so - warum dieser Wettkampfmodus geändert wurde, ist mir schleierhaft. Zu diesem olympischen C1-Rennen ist zu sagen, dass der Franzose einen Zauberlauf hingelegt hat, der kaum zu toppen war. Es ist klar, dass dessen Superzeit Tasiadis richtig unter Druck gesetzt hat. Dass es ohne "Gold-Druck" besser klappt, zeigte der Japaner, der mit einem unspektakulären, aber sehr sauberen Lauf Bronze errungen hat. Sideris Tasiadis wünsche ich trotz nicht geglückter Goldmedaillie von Herzen alles Gute und hoffe, ihn noch bei einigen großen Rennen zu sehen.
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