Schwerverletzter Coach Kanutrainer Henze wurde wegen Einsparungen im Krankenhaus weitertransportiert

Mit lebensgefährlichen Verletzungen ist Kanutrainer Stefan Henze in eine für Olympia ausgewiesene Klinik gebracht worden. Doch dort konnte man ihm nicht helfen. Bis zur Behandlung vergingen wertvolle Minuten.
Von Jens Gluesing
Stefan Henze

Stefan Henze

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Der schwere Autounfall des deutschen Kanuslalomtrainers Stefan Henze in der Nähe des Olympiageländes von Rio de Janeiro wirft ein Schlaglicht auf die prekäre Situation der öffentlichen Krankenhäuser der Olympia-Stadt.

Henze war in der Nacht zum Freitag in einem Taxi im Stadtteil Barra da Tijuca verunglückt, wo das Olympiagelände liegt. Wie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mitteilte, erlitt der 35-Jährige bei dem Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und wurde notoperiert.

Er war zunächst in das nächstgelegene Krankenhaus Lourenco Jorge eingeliefert worden, das als Referenzklinik für Olympia ausgewiesen ist. Wegen seiner schweren Kopfverletzungen musste er jedoch in eine 20 Kilometer entfernte Klinik im Stadtteil Leblon gebracht werden. Der Grund: Das Krankenhaus in Barra verfügt über keine Abteilung für Neurochirurgie.

Diese war ebenso wie die Abteilungen für Gefäß- und Thoraxchirurgie vor vier Jahren im Zuge von Sparmaßnahmen geschlossen worden, obwohl in der Notaufnahme des Krankenhauses monatlich im Durchschnitt 350 Opfer von Autounfällen eingeliefert werden. Bis Henze fachgerecht behandelt werden konnte, vergingen so wertvolle Minuten.

"Es ist unverantwortlich"

Das Krankenhaus Lourenco Jorge liegt nahe der unfallträchtigen Avenida das Américas, der mehrspurigen Hauptverkehrsachse von Barra da Tijuca - genau an dieser Straße waren Henze und seine Begleiter gegen eine Mauer geprallt.

"Es ist unverantwortlich, dass ausgerechnet dieses Krankenhaus nicht ausreichend für Unfallchirurgie ausgestattet ist, obwohl dort so viele schwere Autounfälle geschehen. Es hätte nicht als Referenzklinik für Olympia ausgewiesen werden dürfen ", sagte Jorge Darze, der Präsident der Ärztegewerkschaft von Rio de Janeiro, wenige Tage vor Henzes Unfall dem SPIEGEL (mehr zum Thema lesen Sie hier).

Die Situation der öffentlichen Krankenhäuser in Rio de Janeiro ist dramatisch. In vielen Kliniken fehlen Röntgengeräte, Tomografen und andere essentielle Ausstattung. Ärzte und Pflegepersonal erhalten ihr Gehalt auf Raten, weil der Bundesstaat praktisch pleite ist. Drittfirmen, die für die Reinigung der Krankenhäuser zuständig sind, haben ihre Angestellten monatelang nicht bezahlt, die Anzahl der Infektionen und Todesfälle hat nach Angaben von Krankenhausärzten, die mit dem SPIEGEL sprachen aber nicht namentlich genannt werden möchten, drastisch zugenommen.

Es fehlen Spritzen und Medikamente

In dem Krankenhaus Carlos Chagas nahe dem Olympia-Komplex von Deodoro werden die Operationsräume nach Angaben von Ärzten von einer Firma gesäubert, die nicht für die speziellen Anforderungen der Krankenhausreinigung zugelassen ist. In den Krankenhäusern fehlen Spritzen, Operationsgarn und wichtige Medikamente wie Antibiotika. Im Carlos-Chagas-Krankenhaus und der Universitätsklinik Pedro Ernesto, die nahe dem Maracanã-Stadion liegt, wurden Hunderte Betten stillgelegt, weil es an Ärzten und Operationsmaterial mangelt.

Gleichzeitig suchen immer mehr Menschen die staatlichen Krankenhäuser auf, weil sie ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können - die Behandlung in den staatlichen Kliniken ist kostenlos. 15.000 Patienten warten im Bundesstaat Rio de Janeiro zum Teil seit Monaten auf einen Operationstermin, so Gewerkschaftspräsident Darze. "Jeden Tag sterben Menschen in Rio, weil sie nicht rechtzeitig behandelt werden."

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