Kickbox-Weltmeister Özbek Narben im Gehirn

Bruce Özbek war vielfacher Weltmeister im Kickboxen, dann stieg er aufs Boxen um - nun ist er Invalide. Er muss sich ein neues Leben aufbauen, denn sein altes ist lebensbedrohlich geworden. Doch das Aufhören fällt schwer, auch wenn er seinen Abschied verkündet hat.


Ein Mann schleicht durch einen Keller in Hamburg. Sein Gang ist geschmeidig, aber er sieht müde aus. Sein rechtes Auge zuckt. Mit 44 Jahren kommt er noch mühelos in den Spagat, aber beim Gehen driftet er manchmal nach rechts. Um geradeaus laufen zu können, muss er Medikamente nehmen.

Acht Tage noch, dann will Bruce Özbek ein letztes Mal im Ring stehen und noch mal versuchen, was ihm bisher nicht gelingen wollte: Schluss machen mit dem Boxen. Er habe damit aufhören wollen, erzählt Özbek. Aber das Boxen irgendwie nicht mit ihm.

"Ich musste doch meine Familie ernähren", sagt der gelernte Schlosser. Fast täglich fährt er mit dem Zug von Stade über die Elbe nach Hamburg, um im Keller der Boxkneipe "Ritze" auf der Reeperbahn zu trainieren. Manchmal bittet er Freunde um Geld für die Fahrt. 550 Euro Invalidenrente bekommt Özbek im Monat. Es ist nicht viel, was ihm nach knapp 30 Jahren Kampfsport geblieben ist.

Özbek taucht ein-, zweimal unter der Boxbirne weg und klopft ein bisschen auf den Sandsack. Den Ring in der Kellermitte überlässt er diesen Abend den "Kindern" – jungen Typen mit aufgepumpten Muskeln, die nicht mal so viel vom Boxen wissen, wie Özbek schon vergessen hat. Die ihn nicht mal kennen und kaum Notiz nehmen von den Plakaten an den Wänden.

Özbek schleicht die Kellermauern entlang, streicht über die vergilbten Poster von Muhammed Ali und Eckard Dagge. Der war sein Boxtrainer. Wenn er denn da war. Dagge brauchte oft ein Bierchen. Oder zwei. Er war der erste deutsche Profi-Weltmeister nach Max Schmeling – allerdings ohne die Gentleman-Attitüde. "Viele Weltmeister sind Alkoholiker geworden", sagte Dagge einmal, "aber ich bin der erste Alkoholiker, der Weltmeister wurde."

Als Dagge 2006 an Krebs starb, übernahm Özbek dessen Schrank in der "Ritze", mit Schlappen, Box-Hose und Box-Mantel. "Aber irgendwann habe ich die weggeschmissen", sagt Özbek. Die Erinnerung daran hat ihm zu weh getan.

An der Wand vor der muffigen Dusche hängt das Plakat für den Kampfabend im Buxtehuder Schützenhaus am 14. November. "Eine Legende nimmt Abschied" steht darauf. Unter den Sponsoren sind Özbeks griechisches Lieblingsrestaurant und ein Unternehmen, das Brustvergrößerungen anbietet. Özbeks Gesicht auf dem Foto sieht voller aus als auf den frühen Plakaten, die in der Ritze hängen. Damals war er noch Kickboxer und sie nannten ihn den "Blitz aus Stade", weil sein linkes Bein so schnell war, dass viele Gegner es erst kommen sahen, wenn sie sich später den Kampf auf Video anschauten.

Der Blitz wird Weltmeister

Blitz – so hatte auch seine kurdische Mutter ihren unruhigen Sohn immer gerufen, bevor er als 15-Jähriger seinem Vater, einem Gastarbeiter, nach Hamburg-Wandsbek folgte. Bahattin hieß er damals noch. Er sang auf Festen – und verprügelte für ein paar Mark Leute auf Bestellung. Mit 16 Jahren musste er vier Monate in Jugendhaft. Der Richter fragte ihn, warum er nicht richtig professionell kämpfen wolle. Dieser Rat, sagt sein Freund, der Stader Restaurantbesitzer Pavlos, "hat sein Leben verändert". Das Kickboxen holte Özbek aus dem Milieu – und seine Partnerin Claudia brachte ihn nach Stade, "in den Stall", wie sie sagt. Dort brauche er nun soviel Pflege wie die beiden Söhne. Ohne sie, so Özbek, wäre er "auf der Straße gestorben".

1988 wurde Özbek in Ankara Weltmeister im Kickboxen. 19 Mal verteidigte er seinen Titel. Doch nach 15 Jahren und rund 100 Kämpfen hatte Özbek noch immer kein Geld zurücklegen können. Die Börsen im Kickboxen waren klein, es mangelte an Gegnern. 1999 wechselte er deshalb zu den Profiboxern, "obwohl die Beine meine größte Stärke waren". Und nicht die Fäuste. Er war damals fast 35 Jahre alt. Zu alt, um noch einen Manager oder einen Promoter zu finden.

38 Boxkämpfe im Halbschwer- und Cruisergewicht absolvierte Özbek. 181 Runden, in denen er die Leute wie kaum ein Zweiter zum Lachen brachte: "Bei den ersten Kämpfen habe ich immer noch mit den Beinen gezuckt", so Özbek. Später brummte er dann oft wie ein Bär. Er kämpfte wie ein Berserker, aber streichelte seinen Gegnern urplötzlich auch über den Kopf. Manche küsste er während des Kampfes. Er schlug sich selbst, wenn er zeigen wollte, dass die Schläge der Gegner wirkungslos waren. Doch das waren sie nicht – was Özbek lange nicht wahrhaben wollte. Sicher, ein paar Narben hatte er und ein Nasenbein, das sich anfühlt wie Knete. Es war so häufig gebrochen, dass er es entfernen ließ. Aber sonst?

Ende 2006, mit 42 Jahren, war er doch noch mit dem Bus nach Bosnien-Herzegowina gefahren und hatte dort im Wald- und Wiesenverband WFC des windigen Promotors Ebbie Thust gegen den übergewichtigen Alexander Petkovic geboxt. Knapp zwei Runden blieb Özbek auf den Beinen. Es war sein letzter Kampf. Das Geld dafür, so Özbek, sei bis heute nicht vollständig da.



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