Kugelstoßerin Kleinert "Ich habe so die Schnauze voll"

Nadine Kleinert war fast 20 Jahre lang eine der besten Kugelstoßerinnen der Welt. Mit Medaillen und großen Titeln wurde das aber nur selten belohnt - weil immer wieder Konkurrentinnen vor ihr lagen, die später wegen Dopings erwischt wurden. Für die verlangt Kleinert jetzt lebenslange Sperren.

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Nadine Kleinert müsste sich nicht mehr quälen. Das Karriereende ist nach 20 Jahren in der Weltspitze des Kugelstoßens in Sicht, auf eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Moskau (10. bis 18. August) hat sie verzichtet, sie muss niemandem mehr etwas beweisen. Kleinert muss sich nicht quälen, um noch einmal in Topform zu kommen, aber sie quält die Erinnerung: die Erinnerung an all das, was ihr entgangen ist. Weil andere zu unerlaubten Mitteln griffen. "Ich bin eigentlich ein Dopingopfer, ich habe immer wieder in die Röhre geschaut", sagt sie.

Seit 1995 hat die 37-Jährige an mehr als 20 Großveranstaltungen teilgenommen, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Irgendwann in diesem Frühjahr hat Kleinert sich einmal einen Zettel geholt und nachverfolgt, bei wie vielen dieser Wettkämpfe Rivalinnen, die vor ihr gelandet waren, nachträglich wegen Dopings disqualifiziert wurden. Sie kam am Ende auf die Zahl 13. "Da sind mir fast die Tränen gekommen."

Zweimal hat sie bereits Medaillen nachträglich zugesprochen bekommen - bei der Hallen-WM 2004 rückte sie von Bronze zu Silber auf, weil die Ukrainerin Wita Pawlysch überführt worden war, bei den Olympischen Spielen im selben Jahr in Athen wiederholte sich das Ganze, nachdem die Siegerin Irina Korschanenko erwischt worden war.

"Das hat mir schon sehr weh getan"

Zuletzt war es wieder so weit: Nadeschda Ostaptschuk und Swetlana Kriweljowa sind des Dopings überführt, beide landeten bei der WM 2005 vor Kleinert. Wenn die beiden nicht weiter gestoßen hätten, wäre Kleinert als Dritte aufs Treppchen gekommen. Das klingt anders als ein ordinärer Platz fünf. "Das hat mir schon sehr wehgetan", sagt Kleinert. Opstaptschuk hatte sie ohnehin seit langem im Verdacht. Die Weißrussin hatte im Vorjahr zunächst Gold bei den Olympischen Spielen in London gewonnen und war danach aufgeflogen.

Die Dopingfälle im Frauen-Kugelstoßen führen zu so absurden Situationen, dass Kriweljowa 2004 in Athen nachträglich Bronze bekam, nachdem Korschanenko das Gold aberkannt wurde. Die Medaille wurde ihr dann 2012 wieder weggenommen, nachdem sie selbst erwischt worden war.

Sie habe sich von ihrem Management mal durchrechnen lassen, was ihr an Antrittsgeldern für die lukrativen Leichtathletik-Meetings entgangen sei, weil sie nicht als Medaillengewinnerin, sondern "nur" als Vierte, Fünfte oder Sechste von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften heimgekehrt sei, sagt Kleinert. Das große Verdienen der Leichtathleten beginnt schließlich erst nach dem Saisonhöhepunkt, und frischgebackene Medaillengewinner haben es beim Versilbern ihres Erfolgs erheblich leichter als der Rest des Feldes.

Kontrollsystem weist zu viele Lücken auf

"Ich habe so die Schnauze voll davon", sagt die Magdeburgerin und will das nicht mehr hinnehmen: Sie verlangt lebenslange Sperren für die Doper. "Zwei Jahre Sperre, das ist lächerlich, das kann man überbrücken wie eine längere Verletzung", sagt sie. Zu viele seien auffällig geworden, waren zwei Jahre weg aus der Szene und kamen dann auf wundersame Weise noch stärker zurück.

Wobei das gar nicht so wundersam ist: Die erwischten Doper haben sogar noch den Vorteil, während der Dauer der Sperre den Körper regenerieren - und die Dopingmittel wirken zu lassen. Experten wie der Münchner Orthopäde Uli Nieper weisen darauf hin, dass Sportler, die Wachstumshormone oder Epo im Körper haben, auch noch nach Ablauf von zwei Jahren Vorteile haben. Die hochgerüsteten Muskeln könnten so lange erhalten bleiben. Dopingsünderin Pawlysch kehrte nach einer zweijährigen Sperre in den Ring zurück: Anschließend wurde sie Dritte bei der WM und Olympiasiegerin - und wieder erwischt.

Kleinert sagt, sie könne zwar nachvollziehen, was die dopenden Rivalinnen bewege und unter welchem Druck sie sich auch befinden: "Ich habe ja in der Jugend das DDR-System noch mitbekommen, da hieß es: Du musst das tun, oder du bist weg." Dennoch: Wer erwischt werde, müsse die gesamte Härte des Strafsystems zu spüren bekommen.

Ihr eigener Trainer kommt aus dem DDR-System

Die DDR gibt es nicht mehr. Es gibt allerdings immer noch Trainer, die damals schon tätig waren - und einer davon ist Klaus Schneider, der heutige Coach von Kleinert. Sie verteidigt ihren Trainer: "Es tut mir sehr weh, wenn er heute noch als Dopingtrainer diffamiert wird. Wer das sagt, hat die DDR nicht erlebt."

Beim Coach Ostaptschuks, Alexander Jefimow, dagegen kennt sie kein Pardon. "Er ist kein unbeschriebenes Blatt. Er müsste längst aus dem Verkehr gezogen werden." Derselbe Trainer hatte bereits Ostaptschuks Landsfrau Janina Karoltschyk zum Olympaisieg von Sydney 2000 geführt. Ein Jahr später wiederholte die Weißrussin ihren Triumph bei der WM in Edmonton - als Kleinert Zweite wurde. Zwei Jahre später war sie als Doperin entlarvt.

Jefimow, so die Version Ostaptschuks nach den Spielen von London, soll ihr das Dopingmittel vor dem Wettkampf ins Essen gemischt haben - ohne ihr Wissen selbstverständlich. Kleinert kann über solche Geschichten nur müde lächeln.

Die Weißrussin ist zunächst für lediglich ein Jahr gesperrt worden. Eine Sperre, die - welch ein Zufall - rechtzeitig zum Start der Weltmeisterschaft auslaufen würde. Ostaptschuk wäre theoretisch startberechtigt. "Es gibt genügend Kolleginnen, die für diesen Fall überlegen, den Wettkampf zu boykottieren."

Da wäre Kleinert dann doch noch einmal gerne mit dabei gewesen.

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Seite 1
Niamey 02.08.2013
1. Kein Sort mehr bis er sauber ist!
Zitat von sysopGetty ImagesNadine Kleinert war fast 20 Jahre lang eine der besten Kugelstoßerinnen der Welt. Mit Medaillen und großen Titeln wurde das aber nur selten belohnt - weil immer wieder Konkurrentinnen vor ihr lagen, die später wegen Dopings erwischt wurden. Für die verlangt Kleinert jetzt lebenslange Sperren. http://www.spiegel.de/sport/sonst/kleinert-klagt-die-konkurrenz-im-kugelstossen-wegen-doping-an-a-914238.html
Wer jetzt glaubt nur Radsport und Kugelstoßer würden dopen, ist auf dem falschen Dampfer. Fast alle dopen! Ich würde fast beahupten wollen, dass auch im Fußball fleißig gedopt wird, wenn Spiele nicht gerade verkauft werden. Das System ist halt so.....
derpif 02.08.2013
2. optional
Die Grenzen sind zu schwammig. Ist ja nicht so das die cleanen Sportler wirklich clean wären. Vielmehr stehen deren Mittelchen lediglich noch nicht auf der Dopinglististe. Ich würde die einfach machen lassen, und eine dirty Version der Wettkämpfe einführen. Dopeolympics, yay!
marinusvanderlubbe 02.08.2013
3. mir tut es leid für die ehrlichen sportler
Zitat von sysopGetty ImagesNadine Kleinert war fast 20 Jahre lang eine der besten Kugelstoßerinnen der Welt. Mit Medaillen und großen Titeln wurde das aber nur selten belohnt - weil immer wieder Konkurrentinnen vor ihr lagen, die später wegen Dopings erwischt wurden. Für die verlangt Kleinert jetzt lebenslange Sperren. http://www.spiegel.de/sport/sonst/kleinert-klagt-die-konkurrenz-im-kugelstossen-wegen-doping-an-a-914238.html
FALLS es überhaupt noch ungedopte sportler in irgendeiner sportart in der weltspitze gibt können einem diese wirklich nur leid tun. auf der anderen seite, müssen dies hervorragende charaktere sein. allerdings glaube ich keinem spitzensportler mehr einfach so, dass er nicht dopt. gerade gestern stand in der zeitung, dass sich scheinbar die halbe schach-bundesliga mit ritalin und ähnlichem doptund da gibt es ja so gut wie nichts zu verdienen. unwahrscheinlich, dass bei sportarten die im rampenlicht stehen auch nur 5% nicht gedopt sind. auf der anderen seite muss man auch sagen, dass betrügen schon so alt ist wie der wettkampf, eine neue erscheinung ist das nicht. es hilft nur eins: beim ersten mal, bei dem ein sportler erwischt wird, sofort lebenslang sperren.
trollig 02.08.2013
4.
gibt es keine rechtlichen möglichkeiten gegen gedopte sportler, die startgebühren bzw siegerprämien bekommen vorzugehen!? es gibt doch eigentlich immer einen vertrag der die modalitäten festlegt, auch eventuelle rückzahlungen bei verstoßen gegen regeln. kennt sich hier jemand aus!?
bea_tchen 02.08.2013
5. optional
Diesen Artikel sollten all jene gewissenhaft lesen, welche Zabel, Ullrich & Co. auch heute noch 'die Stange halten' und die Taten als Kavaliersdelikte runterspielen.
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