Klitschko-Film Nicht ohne meinen Bruder

Anfang Juli will er David Haye vermöbeln, vorher lässt sich Wladimir Klitschko auf der Kinoleinwand feiern: Ein Dokumentarfilm porträtiert ihn und seinen Bruder Vitali - und zeigt ihren Weg an die Spitze der Boxwelt inklusive peinlicher Jugendaufnahmen.
Von Saskia Aleythe

"Wozu man braucht hundert Sorten Käse?", wundert sich der junge Vitali bei seinem ersten Besuch in den USA, "das ist Blödsinn. Gibt nur eine Sorte - Käse!" Die Welt der Klitschkos kann so einfach sein. Doch sie ist es nicht immer. Der Film von Regisseur Sebastian Dehnhardt, der am 16. Juni in die Kinos kommt, zeigt das - facettenreich, detailverliebt und eindringlich.

Dabei geht es nicht nur ums Boxen. Eindrucksvoll sind die Einblicke in die Kindheit der Klitschkos, die eins offenbaren: Mit dem russischen Weltbild der achtziger Jahre konnten beide nicht viel anfangen. Kickboxen ist verboten? Egal, die Brüder machen es trotzdem. In Amerika soll alles schlecht sein? Was soll's, Poster von Arnold Schwarzenegger und Chuck Norris gehören trotzdem an die Wand. Vor denen hat Vitali auch gerne mal posiert: freier Oberkörper, in aufreizender Pose und mit Oberlippenbart.

Neben unterhaltsamen Jugendsünden - Vitali scheute sich auch nicht, im weißen Trainingsanzug mit neongrüner Basecap á la Jay-Z aufzutreten - lässt sich aus dem Film auch die enge Familienbindung ableiten. Zusammen mit ihren Eltern lebten die beiden Brüder nur hundert Kilometer entfernt von Tschnernobyl neben einem Militärgelände, auf dem verstrahlte Flugzeuge landeten. "Wir ließen Papierschiffchen auf kontaminiertem Wasser fahren", sagt Vitali 25 Jahre später am Ort des Geschehens. Der Vater erkrankte an Krebs.

"Wir sind keine Weicheier"

"Mama, alles in Ordnung, ihm geht es gut", dringt es zu Nadeschda Uljanowna Klitschko durch den Telefonhörer, wenn einer ihrer beiden Söhne erfolgreich einen Kampf bestritten hat. Noch nie waren die Eltern live dabei. "Ich kann mir das nicht ansehen", sagt die Mutter, "wenn sie kämpfen, gehe ich immer spazieren."

Was im Ring passiert, dokumentiert der Film anhand von zahlreichen Originalaufnahmen. Aber auch Spezialkameras sind zum Einsatz gekommen, die Hochgeschwindigkeitsaufnahmen ermöglichen - und weichzeichnen, was im Fernsehen allzu eklig ist. Leinwandfüllende Platzwunden, Wattestäbchen, die in offenen Augenbrauen versinken, und Schweiß, der durch den Boxring schleudert: Nicht jeder Film ist prädestiniert für die Ausstrahlung in 3D. Die Macher der Dokumentation "Klitschko" haben darauf verzichtet - dafür muss man dankbar sein. Angereichert ist das ganze mit Szenen aus ungewöhnlichen Perspektiven - zum Beispiel aus der Sicht des Ringarztes oder des Bruders, der von der Seite Unterstützung gibt.

Zu sehen sind legendäre Kämpfe wie Vitalis Niederlage gegen Chris Byrd im April 2000 - und Wladimirs "Rache des Bruders", als er sich nur sechs Monate später gegen Byrd seinen ersten WM-Titel der WBO sicherte. "Erstens: Wir sind keine Weicheier. Zweitens: Ich bin Weltmeister. Drittens: Ich liebe meinen Bruder", lautete Wladimirs Ringansprache nach dem Triumph. Es war eine Antwort auf die Kritik, die er und Vitali zuvor vor allem in den USA hatten einstecken müssen. Auch das greift der Film auf: die von vielen Seiten bemängelten Nehmerqualitäten der Klitschkos.

Dazu kommen nicht nur Sportjournalisten und der Betreuerstab der beiden Brüder zu Wort, sondern auch die Gegner. Im Gegensatz zu ihren adrenalingesteuerten Versionen, die vor den Kämpfen unentwegt Sprüche klopfen, können die dann sogar nett sein: Egal ob Chris Byrd, Lennox Lewis oder Lamon Brewster - vor Vitali und Wladimir zeigen sie alle Respekt.

Dopingsperre wird ausgeklammert

Auch wenn der Fokus auf der sportlichen Laufbahn liegt, den Niederlagen und dem Kampf zurück an die Boxspitze - im Grunde geht es um die enge Verbundenheit zweier Brüder, die sich gegenseitig stärken. "Auch wenn nur einer im Ring steht, kämpfen wir zu zweit", sagt Vitali.

Was der Film auslässt: Vitalis Dopingsperre von 1996. Lapidar wird das Thema durch ein Interview mit einem Flensburger Boxpromoter umgangen, der eigentlich Vitali verpflichtet hatte, aber vom ukrainischen Verband Wladimir geschickt bekam. "Wir haben da noch einen", habe man am Telefon mitgeteilt. Und der war den Flensburgern ganz recht: War er doch ebenso talentiert und sah auch noch so aus wie sein Bruder in den bereits gedruckten Broschüren.

Verwechseln wird Vitali und Wladimir nach dem Film wohl niemand mehr. Stur und Fan von Cola: Vitali. Diplomatischer und leidenschaftlich gern am Grill: Wladimir. So persönlich es auch wird - das Liebesleben der Testosteronbolzen klammert die Dokumentation konsequent aus. Gerade mal zwei Frauen kommen zu Wort: Mutter Klitschko und Vitalis Ehefrau. Letztere kann einem fast leidtun. "Mein Trainer kennt meinen Körper besser als meine Frau", sagt Vitali scherzhaft. Womöglich die bittere Wahrheit.

Natürlich ist "Klitschko" ein PR-Film - aber ein klug inszenierter und recht unterhaltsamer dazu. Er kommt ohne emotionalen Schnickschnack aus. Wer das Leben der Klitschkos zeigen kann, braucht solche Tricks aber auch nicht.