Klitschko-Gegner Brock Sensibelchen mit Uni-Abschluss

Er hat ein Diplom, den Heiligen Vater in der Ecke und als Profi noch nicht verloren. Dennoch geben die Experten dem Herausforderer von Wladimir Klitschko im WM-Kampf am Samstag nur wenig Chancen. Calvin Brock muss siegen, auch um sein Image als netter Kerl loszuwerden.

Von Bertram Job, New York


New York - Wenn es tatsächlich sein erklärtes Ziel ist, mal ein Steptanz-Studio zu eröffnen, so ist Calvin Brock ein Sieg nicht mehr zu nehmen. Nach seiner Unterschrift unter den Kampfvertrag hat der 31-jährige Herausforderer von IBF-Weltmeister Wladimir Klitschko das Geld zur Gründung einer neuen Existenz schon in der Tasche. Viel mehr als eine dicke Börse trauen die Experten dem Mann aus North Carolina in der kommenden Samstagnacht beim Titelfight im New Yorker Madison Square Garden jedoch nicht zu. Das ist angesichts seiner bisherigen Bilanz bemerkenswert.

Schwergewichtler Brock: "Ich werde ihn klar besiegen"
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Schwergewichtler Brock: "Ich werde ihn klar besiegen"

Brock gewann alle seine 29 Kämpfe, 20 davon vorzeitig, damit entspricht er perfekt der handelsüblichen Vorstellung eines WM-Herausforderers. Dennoch löst der ungeschlagene Profi weder in seiner Heimat noch im Lager seines Gegners Angst und Schrecken aus. Zum einen hat man vom Großteil seiner Kontrahenten bisher genauso wenig gewusst wie von so manchen Orten, an denen er sie für bescheidene Summen durchgeklopft hat. Zum anderen ist seine Geschichte wohl einfach zu bürgerlich, um in der rauen Welt der Boxer größeres Aufsehen zu erregen.

Schlimmer noch: Nach ihren Maßstäben ist der nette Calvin ziemlich verkorkst. Der 50. Gegner in Klitschkos Profikarriere weist neben seinem makellosen Kampfrekord auch eine richtig solide Schulbildung auf sowie einen Bachelor-Abschluss als Betriebswirt, den er an an der Universität von North Carolina erwarb. Dazu arbeitete er für die Bank of America, wodurch er den einzigartigen Beinamen "The Boxing Banker" erhielt. Außerdem ist der Mann auch noch überzeugter Christ. Im Victory Christian Center seiner Heimatstadt Charlotte konnte man ihn bis vor kurzem nicht nur als stillen Beter, sondern auch als beflissenen Platzanweiser erleben.

Quasi über Nacht ist das gut erzogene Einzelkind plötzlich zu einer amerikanischen Hoffnung geworden. Wenn überhaupt einer der heimischen Anwärter das Profil zu einem von allen akzeptierten Champion hat, so heißt es, dann am ehesten Calvin Brock. Von allen Amerikanern unter den Top Ten im Schwergewicht ist nur er noch unbesiegt. Und dass er vor der Kamera eine gute Figur macht, freut die Entscheider beim Pay-TV-Sender HBO. Suchen sie doch gerade angesichts der neuen Dominanz von Boxern aus der früheren Sowjetunion auch nach dem WBO-Titel von Shannon Briggs dringend nach der "Great American Hope".

Spätestens mit seinem Punktsieg über den ungeschlagenen Usbeken Timor Ibragimow Ende Juni in Las Vegas hat sich der 1,88 Meter große Brock in den Mittelpunkt geschoben. Er selbst fühlt sich für jeden Gegner der Weltspitze gerüstet, solange er nur den wenig bekannten Trainer Tom Yankello aus Pittsburgh und den heiligen Vater in seiner Ecke weiß. Yankello hat ihm "exakt die richtigen Grundlagen" im Ring vermittelt, der liebe Gott die nötige Zuversicht. "Gott hat zu mir im Geiste gesprochen", so Brock. "Er hat mir gesagt, dass ich sehr erfolgreich im Boxen sein werde und er sein Licht durch mich scheinen lässt."

Wie auserwählt wirkte er in seiner Laufbahn jedoch selten. Als Calvin Brock mit zwölf Jahren mit dem Boxen begann, wurde er nach mehreren Niederlagen erstmal nach Hause geschickt. Doch bald kam der Junior mit seinem Vater zurück, der ihn als Novize mit einem Anleitungsbuch coachte - bis zum olympischen Turnier in Sydney 2000. Dort patzte Brock gleich in der ersten Runde seines Auftaktmatchs gegen den späteren Bronzemedaillisten Paolo Vidoz aus Italien – und bestätigte damit seine Kritiker, die ihn als Sensibelchen einstuften. So durfte der Neu-Profi zunächst unbeachtet durch die Provinz tingeln, während andere im Mittelpunkt standen.

Zwei Tugenden hat Brock über knapp sechs Profijahre kultiviert. Er kann schnell umsetzen, was man ihm im Training sagt, um sich stetig zu entwickeln – und er hat gehörig Dampf in seiner Rechten, die er sehr effektiv einzusetzen weiß. Auch deshalb ist der Spätentwickler so laut wie fest davon überzeugt, dass Wladimir Klitschko für ihn eine lösbare Aufgabe ist - selbst wenn der in seinen letzten Kämpfen "richtig gut" ausgesehen habe, wie er höflich konzidiert. "Ich werde ihn klar und deutlich besiegen", sagt Brock, "ich werde der wahre Weltmeister sein."



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