Klitschko verteidigt Titel Hammer ohne Wucht

Es war ein Event, kein Kampf. Es gab einen Showpartner, keinen Gegner. Schwergewichtsstar Wladimir Klitschko dominierte den Kampf gegen Eddie Chambers, schlug ihn schließlich K.o. - und machte damit gleichzeitig das Dilemma der Boxszene klar.

AP

Von Susanne Rohlfing, Düsseldorf


Dan Goossen bot der Resignation wahrlich hartnäckig die Stirn. Aber jetzt sitzt er da, blass, mit hängenden Schultern, ohne den kleinsten Funken Zuversicht in seinen Augen. Der Boxpromoter aus den USA verkörpert in diesem Moment, was das Schwergewichtsboxen abseits der Männer in den wahlweise roten oder schwarzen Trainingsanzügen mit dem goldenen Klitschko-Schriftzug ist: Ein Häufchen Elend. Unspektakulär, chancenlos, verzweifelt. "Sie sind groß, sie sind stark, sie sind knallhart", sagt Goossen über die Ukrainer Wladimir und Vitali Klitschko. Zu groß, zu stark, zu hart für Goossens Boxer, die in den letzten Jahren immerhin zum Besten zählten, was die USA zu bieten hatten.

Am Samstagabend in Düsseldorf waren die roten Trainingsanzüge dran, es kämpfte also Wladimir. Und Goossen schickte zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren einen seiner Kämpfer in den Ring.

Das Resultat: Eddie Chambers aus Philadelphia war so hilflos wie vor ihm Tony Thompson im Juli 2008 oder Chris Arreola gegen Vitali Klitschko im September 2009 oder all die anderen, die es zuletzt versuchten.

Es droht die große Langeweile im Schwergewichtsboxen, einzig aufgepeppt durch das veranstalterische Geschick der Ukrainer. Wladimir Klitschko boxte am Samstag zum zweiten Mal in einem Fußballstadion, nach Schalke war diesmal Düsseldorf dran. Die Arena war fast voll, knapp 50.000 Zuschauer kamen. "Die Menschen nehmen den Verbund aus Sport und Entertainment an", jubilierte Klitschko-Manager Bernd Bönte schon im Vorfeld. "Tanzen, Spaß haben, Musik hören", gehöre zum klitschkoschen Stadion-Erfolgskonzept. Und so war in Düsseldorf Marius Müller-Westernhagen mit von der Partie. Es gab ein Feuerwerk bei Klitschkos Einmarsch und goldenes Lametta nach seinem Sieg. Viel Pomp und Halleluja, wenig Duell. Aber das macht nichts - findet zumindest Bönte: "Es geht um das Klitschko-Event, nicht um den Gegner."

Die Zeiten, als die Klitschkos noch verloren, als Vitali sich eine blutige Schlacht mit dem Briten Lennox Lewis lieferte (2003) oder Wladimir gegen Corrie Sanders und Lamon Brewster K.o. ging (2003/2004), scheinen aus einer anderen Ära zu stammen.

Chambers kassierte eine linke Führhand nach der anderen

Eddie Chambers war keiner dieser Gegner, die im Vorfeld ihrer Kämpfe versuchen, sich mit Hilfe rüder Worte selbst Mut einzureden. Er versprach aber zumindest, mit seiner Schnelligkeit zu punkten. Und einmal rutschte ihm sogar die Ankündigung über die Lippen, die Welt schockieren zu wollen. Als er dann mit Klitschko im Ring stand, brachte er seinen Kopf aber auch nicht schneller in Sicherheit als andere. Er kassierte eine von Klitschkos gefürchteten linken Führhänden nach der anderen. Gleich in der zweiten Runde brachte ihn eine trockene Links-Rechts-Kombination ins Wanken.

Vielleicht schlug Eddie Chambers ein bisschen schneller als andere - wenn er denn mal schlug. Aber das war egal, denn die Schläge kamen nie an Klitschkos Kopf an und nur selten an seinem Körper.

Ungewöhnlich an Chambers' Auftritt war einzig sein Verhalten in Klammer-Situationen. Da hob er den 15 Zentimeter größeren und 16 Kilogramm schwereren Klitschko einfach auf seine Schultern, einmal hebelte der Herausforderer den Weltmeister auf diese Art gar zu Boden. Er habe verhindern wollen, dass Klitschko sich mit all seiner Masse zu sehr auf ihn lehne, erklärt Chambers später. Klitschko lachte einfach nur und sagte, das habe noch kein Gegner mit ihm gemacht. "Aber ich hatte nichts dagegen, Eddie Chambers musste ja jedes Mal 110 Kilo hochheben - und das macht sicher müde."

Nur fünf Sekunden zur ganz großen Langeweile

Bei der Analyse des Kampfes gab sich Klitschko entwaffnend ehrlich. "Ich bin froh über das Ende, sonst hätte man den Kampf wohl als langweilig bezeichnen können." Tatsächlich fehlten nur fünf Sekunden zur ganz großen Langeweile, denn erst nach 2:55 Minuten der zwölften und letzten Runde konnte Klitschko einen präzisen linken Haken an Chambers' Schläfe landen.

Der Amerikaner ging so hilflos zu Boden und lag anschließend minutenlang mit verdreht wirkendem Hals da, dass Klitschkos Jubeltanz im Ring zunächst ein wenig grotesk anmutete. Doch Chambers erholte sich und gab zu Protokoll: "Das war ein richtig guter Schlag, Klitschko ist ein großartiger Kämpfer."

"Ein Zufallsschlag", schimpfte Klitschkos Schwergewichtskollege Luan Krasniqi. "Wladimir hat nichts gemacht, er ist kein Risiko eingegangen." Ähnlich sah das wohl zwischenzeitlich Klitschkos Trainer Emanuel Steward, der seinen Schützling in der Ecke zunehmend energisch angegiftet und klare, harte Schläge gefordert hatte. "Entspann dich, ich versuche es ja", hatte Klitschko geantwortet.

Aber die eigene Sicherheit geht nun mal vor bei Wladimir Klitschko. Er will nie wieder verlieren, nie wieder so jämmerlich zu Boden gehen wie gegen Sanders oder Brewster. Er genießt seine Dominanz, die andere entweder langweilt oder frustriert. "Ich hatte meine negativen Erfahrungen und ich möchte, dass diese sich nie wiederholen."

Dan Goossen wünscht sich wohl Ähnliches für seine schlechten Erfahrungen. Trotzig sagt er: "Wenn die Klitschkos zurücktreten, wird Eddie Chambers Weltmeister werden." Das hört sich nicht an, als wollte Goossen weiter angreifen. Das hört sich nach Resignation an und nach einem neuen Anti-Klitschko-Konzept, das da lautet: Abwarten und hoffen, dass die Ukrainer irgendwann selbst die Nase voll haben von ihrer großen, bunten Glamour-Show.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
AKI CHIBA 21.03.2010
1. Dilemma?
Was gibt es zu nörgeln? Die Burschen sind Extraklasse und gewinnen die Kämpfe mit möglichst geringem Blutzoll. Was wollen denn die Leute? Schlachtfeste? Die physischen Möglichkeiten hätten beide. Sie haben ihre Lektionen gelernt. Die dämlichen Rufe von selbsternannten Experten nach Figuren wie Mike Tyson oder Sonny Liston sind grotesk. Ali hätte Paroli bieten können, George vielleicht - Joe hätte es nicht gebracht. Aber wartet nur, balde....!
barack abamo 21.03.2010
2.
hat das jemand verstanden??
PrettyHateMachine 21.03.2010
3.
@ barack abamo nö. ich versuche seit 5 min. das zu interpretieren, aber mir fällt kein Lösungsansatz ein ;-)
Aquifex 21.03.2010
4. ...und Rocky.
Witzig war es in den Box-Pausen zu "Rocky IV" umzuschalten, wo zeitgleich zur Klitschko-Show der Endkampf zwischen Stallone und Lundgren tobte; heftig, bklutig und völlig unrealistisch. Aber die Schalte zurück zum echten Kampf zeigte diesen schon fast als Zeitlupe... So bekam man aber wenigstens Realismus UND Action :o). Ich frage mich nur, wer sich Boxen als einer von 50.000 in einer Arena anschaut... Daß bei sovile Kohle, die dahinter steckt, ein Kampf nicht durch k.o. in der dritten Runde entschieden werden kann, ist ja auch klar. Fernseh-Werbung ist verkauft und es wird spätere Kämpfe geben, für die man keine zahlenden Zuschauer vergraulen will. K.O. darf einer also erst in der letzten Runde gehen... Da schaue ich doch lieber Formel 1 :o). Gruß Aquifex
Almost ...... 21.03.2010
5. Ja leider wollen viele Blut sehen
Zitat von AKI CHIBAWas gibt es zu nörgeln? Die Burschen sind Extraklasse und gewinnen die Kämpfe mit möglichst geringem Blutzoll. Was wollen denn die Leute? Schlachtfeste? Die physischen Möglichkeiten hätten beide. Sie haben ihre Lektionen gelernt. Die dämlichen Rufe von selbsternannten Experten nach Figuren wie Mike Tyson oder Sonny Liston sind grotesk. Ali hätte Paroli bieten können, George vielleicht - Joe hätte es nicht gebracht. Aber wartet nur, balde....!
... oder warum denken sie hat dieses Ultimat-Fighting oder wie immer es heisst solch einen Zuschauerzulauf und immer mehr Fans? Diese Veranstaltungen wo sich die Opponenten solange mit fast blanken Fäusten und Füssen schlagen und treten bis einer aufgibt? Scheinbar verrohen wir immer mehr und entwicklen uns zurück zu einer blutrünstigen Gesellschaft die Spass daran hat andere bluten oder sogar sterben zu sehen.
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