Klitschko vs. Johnson Geplärre, Grimassen und eine offene Rechnung

Nach Punkten gewonnen, den Titel verteidigt: Weltmeister Vitali Klitschko dominierte seinen Kampf gegen Kevin Johnson. Doch Klitschko wollte den Provokateur nicht nur besiegen, sondern auf die Bretter schicken - beinahe wäre es nach dem Schlussgong dazu gekommen.
Von Susanne Rohlfing
Klitschko (r.) gegen Johnson: "Leider ging der Kampf nur über zwölf Runden"

Klitschko (r.) gegen Johnson: "Leider ging der Kampf nur über zwölf Runden"

Foto: Michael Probst/ AP

Der Gong am Rundenende, für jeden Boxer ein Segen, ist für Vitali Klitschko an diesem Abend ein Graus. Elfmal zeigt der Ton an, dass die Zeit verrinnt. Elfmal bringt sein Klang diesen bösen Gedanken in die zur Boxarena umfunktionierte Berner Eishockeyhalle: Er wird ihn doch nicht stehen lassen, diesen Kevin Johnson? Ausgerechnet den? Dann der zwölfte Gong und die Gewissheit: Er lässt ihn stehen. Kein Jubel bei Klitschko ob der Tatsache, seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht wieder mal verteidigt zu haben. Nur Frust, Wut, Enttäuschung. Das Großmaul aus Amerika ist durchgekommen, und Klitschkos Drohung, das wochenlange, beleidigende Auftreten seines Herausforderers im Ring klar und schmerzhaft zu beantworten, damit unvollendet verpufft.

"Kevin Johnson ist nur in den Ring gekommen, um zu überleben", sagte Vitali Klitschko, nachdem die Gemüter sich etwas beruhigt hatten - und nachdem sein Bruder Wladimir mit dem zwölften Gong wie der Blitz über die Seile geschossen war, um Vitali Klitschko und Kevin Johnson vor einer nicht regelkonformen Fortsetzung des Duells zu bewahren. Diese hatte sich nach dem Schluss nämlich angebahnt: Gefangen in ihren Emotionen wollten die Kontrahenten gar nicht mehr voneinander lassen, Stirn an Stirn standen sie einander gegenüber, sichtlich bereit, die Kampfzeit zu verlängern. "Da gab es eine Unterhaltung zwischen Vitali und Kevin Johnson, die nicht so ganz glücklich aussah", berichtete Wladimir Klitschko später. "Ich wollte, dass das in Ruhe abläuft." Deshalb habe er Johnson in seine Ecke geschickt.

"Leider ging der Kampf nur über zwölf Runden", lautete der Kommentar von Vitali Klitschko, der sich trotz seiner Dominanz eine reichlich verbeulte Augenpartie zugezogen hatte. Er habe die Kondition gehabt, um weiterzumachen, betonte Klitschko. "Kevin Johnson hat so viele Sprüche gemacht, die über die Grenze hinaus gingen - ich hätte ihn gern dafür bestraft."

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Kampf in Bern: Klitschko dominant, Johnson vorlaut

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

David Haye

Beim Trash-Talk im Vorfeld der Kämpfe alle verbalen Hemmungen abzulegen, ist en vogue in der Szene, seit der Brite damit für Furore gesorgt hatte, ohne überhaupt mit einem der Klitschkos in den Ring gestiegen zu sein. Er hat die Vorab-Schlammschlacht zur eigenen Stilform entwickelt. Johnson muss das imponiert haben, er machte weiter, wo Haye mit seinen T-Shirts mit den Bildern der geköpften Klitschkos aufgehört hatte. Er bezeichnete Klitschko im Vorfeld des Kampfes in Bern als "großen, hässlichen Zombie". Er sei "ein Witz, ein Traumgegner". Der Kampf werde einfach, "fuck that man, ich werde ihn hinter mir lassen". Noch im Ring redete Johnson penetrant auf den Weltmeister ein. Als dessen Auge in der vierten Runde zu bluten begann, frohlockte Johnson: "Siehst du, du blutest, ich werde gewinnen."

Geplärre, Provokationen, Grimassen

Mehr hatte der Amerikaner jedoch nicht zu bieten. Seine Fäuste hielten mit seinem Geplärre, mit seinen Provokationen und den abfälligen Grimassen nicht mit. Von Beginn an kämpfte er wie einer, der nicht umgehauen werden will, nicht wie einer, der den Sieg anpeilt. Immer im Rückwärtsgang, die langen Arme in wilden Bewegungen lediglich zur Verteidigung einsetzend, den Körper ständig geduckt und zusammengerollt. Klitschko dominierte das Geschehen ganz klar, lediglich die eine oder andere flinke Führhand seines Gegenübers fand ihren Weg ins Ziel. Und am Ende hatte nur ein einziger Kampfrichter Klitschko in einer einzigen Runde hinten gesehen.

Aber mit seiner statischen Art zu boxen, fand der 38-jährige Ukrainer kein K.-o.-Mittel gegen den acht Jahre jüngeren Mann aus Atlanta. Die gefürchtete "Eisenfaust" des Zwei-Meter-Hünen stocherte, sie krachte nicht. Klitschko gestand: "Kevin Johnson war der unbequemste Gegner meiner Karriere." Und erst der zweite von jetzt 39 besiegten Kontrahenten, der über die Runden kam. Bislang war das, im November 2000, lediglich dem Deutschen Timo Hoffmann gelungen. Klitschkos Trainer Fritz Sdunek schaffte es dann auch, in einem Satz all seine Enttäuschung über die Vorstellung Johnsons auszudrücken und ihm zugleich zumindest ein Minimum an Anerkennung fürs Durchhalten zuzugestehen: "Der war so schlau und feige, dass er sich nicht hat stellen lassen."

Und so festgefahren in seiner rüpelhaften Attitüde war Kevin Johnson auch, dass er selbst nach der klaren Niederlage dass Pöbeln nicht lassen konnte: "Ich habe gesagt, dass er mich nicht ausknocken wird, niemand kann mir wehtun, ich bin der glitschigste und schnellste Schwergewichtler überhaupt." Und: "Das war kein harter Kampf." Dass er ihn nicht gewonnen habe, läge einzig und allein an einer Ellenbogenverletzung, die nach den ersten Runden wieder aufgebrochen sei. "Ich konnte meine besten Schläge nicht zeigen."

Damit stand für Wladimir Klitschko fest: "Kevin Johnson war vorher ein Stinker, im Ring und ist es auch nachher geblieben. Ich verstehe diese Mentalität nicht, ich kann ihn nur als Loser bezeichnen." Nächster Wunschgegner Vitali Klitschkos ist David Haye. In der Titelsammlung der ukrainischen Brüder fehlt noch der Gürtel des Weltverbandes WBA, und den hat der Brite zuletzt dem Russen Nikolai Walujew abgenommen. Die Schlammschlacht wird also weitergehen.

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