Klitschkos Blitzsieg 600 Euro, 169 Sekunden und viel Zorn

Gleich in Runde eins schickte Vitali Klitschko seinen Herausforderer Odlanier Solis auf die Bretter. Der WM-Fight endete, bevor einige Zuschauer ihr Bier ausgetrunken hatten. Die Fans reagierten mit geballter Wut: Sie zahlten viel Geld für wenig Boxen. Auf eine Entschädigung können sie nicht hoffen.

REUTERS

Von , Köln


Die kuriose Ehrung erfolgte im Presseraum der Lanxess-Arena: Vitali Klitschko, amtierender WBC-Champion, erhielt vom Geschäftsführer der Kölner Sporthalle den "Sold-Out-Award" - ein eigens für diesen Samstagabend geschaffener Preis, der Klitschko für die mit 19.000 Zuschauern ausverkaufte Boxveranstaltung auszeichnete.

Der 39-Jährige stellte den gerahmten Titel rasch zur Seite und damit aus dem Blickfeld aller Anwesenden. Dem Weltmeister war nicht ganz klar, warum er sich über die vielen Zuschauer hätte freuen sollen. Denn wirklich unterhaltsam war der Blitzsieg des älteren Klitschkos über Odlanier Solis weder für die Hallenbesucher noch für das TV-Publikum.

Ganz im Gegenteil.

Kaum ging der kubanische Olympiasieger von 2004 nach einer Geraden, die ihn eher zart an der Schläfe streifte, torkelnd zu Boden, da ertönten die ersten Pfiffe. Zu diesem Zeitpunkt waren ganze 169 Sekunden Kampfzeit abgelaufen. Der Ringrichter zählte Solis an. Der Unmut der Zuschauer, der im Stile startender Flugzeugturbinen aufbrauste, verschluckte jedes andere Hallengeräusch.

Als Solis, ein 30-jähriger Exil-Kubaner, dann verzweifelt versuchte, sich mit Hilfe der Ringseile aus einer waagerechten in eine senkrechte Position zu befördern, flogen bereits die ersten Plastikbecher in Richtung Ring. "Das ist doch total die Verarsche. Ich habe 75 Euro für meine Karte bezahlt und konnte noch nicht einmal mein Bier austrinken, so schnell war alles vorbei", sagte Zuschauer Mario Nölz, der sich den Kampf vom Oberrang aus anschaute, also von einem der billigsten Plätze.

"Ich dachte, er simuliert"

Auch Klitschko war verärgert. Er hält den WBC-Titel nun seit drei Jahren und baute die Erfolgsserie auf 42 Siege in 44 Kämpfen aus. Es war bereits das 14. WM-Duell des Ukrainers. Der an Nummer eins des Verbandes gesetzte Solis musste nach 17 Siegen die erste Niederlage seiner Profikarriere hinnehmen. Doch von Freude war bei Klitschko zunächst wenig zu sehen. Während Solis den Niederschlag und die Schmerzen in seinem Knie, das er sich in Folge des Gleichgewichtsverlusts verdreht hatte, auszuhalten versuchte, brüllte der Ukrainer ihn an. "Ich dachte, er simuliert. Ich wollte, dass er weitermacht. Mir tut es für die Zuschauer unheimlich leid", sagte Klitschko später.

Solis wurde anschließend ins Kölner Universitätskrankenhaus gebracht. Am Sonntagmorgen folgte die Diagnose: Nach Auskunft des Arena-Stalls handelt es sich bei der Verletzung um einen Riss des vorderen Kreuzbandes und des äußeren Meniskus' sowie um einen Knorpelschaden. Solis wird längere Zeit ausfallen. Er habe "einen falschen Schritt" gesetzt, hatte Solis noch im Ring mit schwacher Stimme erklärt. "Das war Pech."

Den Fans war das herzlich egal. Die Wut auf den Rängen schwoll angesichts der schnellen Pleite zunächst weiter an. Vor allem, nachdem der Ringrichter den Kampf endgültig abbrach. Als RTL-Reporter Kai Ebel zum Interview den Ring betrat, erreichten die Buhrufe und Dauerpfiffe einen neuen Dezibelrekord. Der Fernsehmann bat das Publikum, dem Champion zuzuhören. Er bat darum, mit dem Gepfeife aufzuhören. Vergebens.

"Ich bin sechs Stunden aus München nach Köln gefahren. Ich habe für meine Frau und mich 1200 Euro für VIP-Tickets bezahlt. Das war mein Hochzeitsgeschenk. Und wofür?", ärgerte sich Zuschauer Manuel Löhrs. Auch die im Vorprogramm aufgetretene Gruppe "Roxette" konnte seine Laune nicht bessern. "Ach, das war albernes Brimborium." Immerhin gab es zu den 600-Euro-Karten ein Abendessen und die Möglichkeit, den Klitschkos, ihren Gattinnen, Boris und Lilly Becker, Heiner Brand oder Franziska van Almsick näherzukommen. "Für meine Frau ist das ganz toll. Ich hätte lieber Boxen gesehen", klagte Löhrs.

"Das ist doch unverschämt"

Auch die Fangruppe "Dr. KlitschK.O." aus Berlin tobte. "Wir fahren quer durch die Republik für nicht einmal drei Minuten? Das ist doch unverschämt. Es sollte irgendeine Geld-Zurück-Möglichkeit geben, wenn Kämpfe so kurz sind", verlangt Mitglied Martin Weinhold. Bernd Bönte, der Manager der Klitschkos, erwiderte: "So ist Boxen. Es ist unberechenbar. Und Schwergewichtsboxen sowieso. Ein Lucky Punch, und alles ist zu Ende." Auf die Frage, ob man den Köln-Besuchern nicht eine Ermäßigung auf spätere Klitschko-Kämpfe, beispielsweise dem von Wladimir Klitschko gegen David Haye, geben könnte, erwiderte Bönte: "Das ist nicht vorgesehen und wird nicht passieren. Auch wenn es mir für die Zuschauer sehr leidtut, dass sie heute nur ein solch kurzes Erlebnis hatten."

Das Klitschko-Prinzip, einen Boxkampf als Familien- und Massenereignis mit Show und Glamour zu inszenieren, geeignet, um Arenen zu füllen und Millionen vor die Fernseher zu locken, funktioniert anscheinend nur dann, wenn der Sport adäquat präsentiert wird. Ein Shannon Briggs, der 302 Treffer kassiert und trotzdem nicht umfällt, ist dem Zuschauer immer noch lieber als ein Expressverlierer wie Solis. "Es lag heute nicht an mir. Ich hätte dem Publikum sehr gerne mehr Show geboten", beteuerte Klitschko. Diesen Satz wiederholte er sechsmal während der anschließenden Pressekonferenz. Es wirkte fast wie ein Flehen.

Dabei hätten die Fans an diesem Abend sehr wohl auf ihre Kosten kommen können. Man hätte nur Ahmed Öner, dem Manager von Solis, in die Pressekonferenz nach dem Kampf folgen müssen. Der in Duisburg aufgewachsene und nun in Miami lebende Öner verlor während der Befragung völlig die Nerven. Er tobte, schimpfte und drohte Bönte mehrfach mit dem Tod. Öner bestritt am Sonntagabend, diese Drohungen ausgesprochen zu haben.

Er fühlte sich vom Klitschko-Macher provoziert, weil dieser nicht anerkannte, dass Solis wegen der Knieverletzung aufgab. Bönte sah die Gerade Klitschkos als Hauptgrund für das Kampfende. Minutenlang lieferten sich die beiden Manager in der Folge ein Verbalduell, es wirkte wie das "Dissen" zwischen Pubertierenden auf dem Schulhof. Öner wurde schließlich von mehreren Männern aus dem Saal geführt.

Vielleicht hätte man die Zuschauer zu dieser Showeinlage einladen sollen. Dann hätten sie zumindest einen emotionalen und authentischen Kampf beobachten können. Doch in den horrenden Ticketpreisen ist der Besuch der Pressekonferenz nicht enthalten.

Mit Material von dpa



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