Knie-Verletzung "Das klingt nach einer verdammt faulen Ausrede von Hill"

Ausrede oder Millionencoup? Box-Weltmeister Virgil Hill soll bei seiner Niederlage gegen Henry Maske mit einer schweren Knieverletzung gekämpft haben. Der ehemalige Ringarzt der Klitschkos hat ebenso Zweifel an der Version des Hill-Managements wie Star-Trainer Fritz Sdunek.

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Mit dieser Erklärung hat keiner gerechnet: 17 Tage nach der Niederlage gegen Henry Maske meldete sich Virgil Hill heute zu Wort. Über seinen Manager Roland Suttner lud er heute zu einer Pressekonferenz nach München ein, auf der er detaillierte Auskunft zu seiner Knieverletzung geben will, die ihm im Kampf gegen Maske gehandicapt haben soll. "Beim Sparring mit Niko Schöpf in der Boxfabrik hat sich Virgil Hill vier Tage vor dem Kampf einen Meniskusriss am linken Knie zugezogen. Seinem ohnehin schon lädierten Knie gab dies den Rest", heißt es in der Erklärung.

Hill auf dem "Alten Peter": "Das klingt nach einer verdammt faulen Ausrede"
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Hill auf dem "Alten Peter": "Das klingt nach einer verdammt faulen Ausrede"

Viele Boxinsider halten dies für eine Ausrede. Ihr Verdacht: Hill wolle Maske, der nach dem Comebackkampf seinen endgültigen Rücktritt erklärt hatte, moralisch zu einem Entscheidungsfight drängen und damit noch einmal eine hohe Börse kassieren. Einer dieser Zweifler ist Peter Benckendorff. Der Mediziner ist einer der renommiertesten Ringärzte in der Boxszene und arbeitete jahrelang für die Klitschko-Brüder. "Das klingt nach einer verdammt faulen Ausrede von Hill", sagte Benckendorff SPIEGEL ONLINE.

"Wenn Hill jetzt plötzlich behauptet, die Verletzung sei Schuld an seiner desolaten Leistung, hätte man das während des Kampfes eindeutig sehen können", hat der Arzt beobachtet. "Hill hat weder das Knie nachgezogen noch sonst irgendwelche unrunden Bewegungen gemacht", so Benckendorff. Vielmehr sei Hill laut Benckendorff einfach "nicht austrainiert gewesen und hat Maske unterschätzt. Seine Darstellungen zu diesem Zeitpunkt sind äußerst dubios und total unrealistisch". Auch Universum-Trainer Fritz Sdunek hat Zweifel an der Darstellung des Hill-Managements: "Hill hat sich flüssig bewegt und irgendwann einfach nichts mehr gemacht. Das hat Henry aufgebaut. Von einer Verletzung konnte ich nichts erkennen", sagte der ehemalige Klitschko-Trainer zu SPIEGEL ONLINE.

Auch der Zeitpunkt der Verletzung gibt Rätsel auf. Vier Tage vor einem Kampf sind Sparrings äußerst unüblich. "Normalerweise steigt ein Boxer eine Woche vor dem Fight nicht mehr in den Ring", so Benckendorff. SPIEGEL-ONLINE-Autor Betram Job, der Hill vor seinem Kampf intensiv begleitete, erinnert sich zudem an eine Aussage des 43-Jährigen, in der dieser davon sprach, dass er kurz vor einem Kampf aufgrund des hohen Verletzungsrisikos kein Sparring mehr macht. Doch soll Hill sich nicht an seine eigenen Regeln gehalten haben: "Virgil hat nach dem Vorfall sogar noch ein Pressetraining absolviert", sagt Hill-Manager Suttner zu SPIEGEL ONLINE. "Ich war dabei, als es passiert ist", versichert Suttner: "Virgil hat sich ohne Fremdeinwirkung das Knie verdreht, ist mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Ecke gehumpelt und hat das Sparring beendet."

306 Stufen auf den "Alten Peter"

Eine offizielle, ärztliche Diagnose hat es zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben. "Ich habe diese Verletzung mehrfach erlebt. Glauben Sie mir, diese Diagnose kann man selber stellen", so Suttner. Warum sein Schützling zwei Tage später und somit 48 Stunden vor dem Kampf trotz der gefühlten Knieverletzung mit einem Kamerateam des übertragenden TV-Senders RTL die 306 Stufen auf den "Alten Peter" hinaufstieg – dem Kirchturm des St. Peter in München – weiß selbst Suttner nicht: "Fragen Sie Virgil heute auf der Pressekonferenz, warum er das gemacht hat".

Umso schneller hat Suttner eine Erklärung parat, warum Hill trotz der Verletzung in den Ring gestiegen ist. Der Sportsmann Hill habe seine deutschen Fans, Henry Maske und RTL nicht enttäuschen wollen. "Ich habe ihm davon abgeraten, in den Ring zu steigen", so Suttner, aber "Virgil wollte es unbedingt. Er hat sich überschätzt." Von einer Ausrede Hills, um einen weiteres, millionenschweres Re-Match gegen Maske zu erzwingen, will Suttner nichts wissen: "Für Hill geht’s dabei nicht in erster Linie um die Börse. Ihm geht’s um seinen guten Ruf als WBA-Weltmeister", so der Box-Promoter.

Deshalb wäre Hill laut Sutter dann auch bereit, seinen Weltmeistergürtel zu riskieren. Verhandlungen mit Maskes Manager Werner Heinz und RTL seien bereits am Laufen. "RTL ist dem Kampf nicht abgeneigt", so Suttner. Bei dem Kölner Sender ist die Euphorie aber offenbar nicht ganz so groß: "Nur, weil jemand um einen dritten Kampf fleht und weil Herr Suttner eine Pressekonferenz mit Virgil Hill anberaumt, müssen wir das Ganze nicht kommentieren", sagte ein RTL-Sprecher SPIEGEL ONLINE. Zudem stelle sich die Frage nicht, da Maske bereits seinen endgültigen Rücktritt erklärt habe. Eine ähnliche Aussage war auch aus dem Umfeld Maskes zu vernehmen, eine offizielle Stellungnahme blieb heute aber aus. Wahrscheinlich hatte auch im Maske-Lager keiner mit der Hill-Erklärung gerechnet.

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