Rücktritt des NBA-Superstars Kobe, mein Held

Genial oder egozentrisch? Kaum ein Basketballer hat so polarisiert wie Kobe Bryant. Sein Abschied aus der NBA macht unseren Washington-Korrespondenten Veit Medick schwer melancholisch. Ein kleiner Liebesbrief.

DPA

Lieber Kobe, neulich, da hattest Du wieder einen dieser ganz schlimmen Abende.

Du warst mit den Lakers zu Gast bei der besten Mannschaft der NBA, den Golden State Warriors. Es sollte ein besonderes Spiel werden. "Wer weiß", hattest Du gesagt: "Wir können so ein Ding auch noch mal gewinnen." Aber es klappte nicht mal ansatzweise. Nach drei Minuten warfst Du deinen ersten Airball. Nach sechs Minuten vergabst Du einen Korbleger. Deine Bewegungen waren steif, das Tempo fehlte. Die Warriors schossen Euch aus der Halle, und Du trafst nur einen von vierzehn Würfen. Vier Punkte. Selten warst Du schlechter.

Es tat regelrecht weh, Dir zuzuschauen, Kobe. Und wahrscheinlich ist es richtig, dass Du jetzt aufgibst. Dein Körper ist kaputt. Du hast Dir Sehnen gerissen und Schienbeinköpfe gebrochen, Deinen Rücken bringst Du nur noch mit Spritzen aufrecht über das Parkett. In den letzten drei Jahren hast Du nur ein Viertel aller Spiele gemacht, aber irgendwie hoffte ich immer, Du kämst noch mal zurück, so wie früher. Ein Windmill Dunk. 50 Punkte. Eine Championship. Aber es ist eben, wie es ist. 20 Jahre sind eine lange Zeit in der NBA, und vielleicht ist jetzt auch wirklich mal gut.

Ich war immer ein großer Fan von Dir, das wollte ich Dir jetzt noch mal sagen. Ich weiß nicht, ob Du es mitbekommen hast, aber wir sind beide 1996 nach Los Angeles gezogen. Ich bin zur Highschool gegangen in Santa Monica, Du warst ein Rookie bei den Lakers. Jedes Spiel von Euch habe ich mir angeschaut. Oft im Fernsehen. Manchmal im "Forum" in Inglewood. Das war noch eine dieser alten, schönen Arenen, ohne jeden Schnickschnack. Weißt Du noch? Einmal stand ich am Spielfeldrand fast neben Dir, es gab kaum Ordner. Du hast in einer Viertelpause mit Magic Johnson gesprochen. Er hat Dir Tipps gegeben, wie Du die Bälle besser verteilen kannst. Du hast jedes Wort von ihm aufgesaugt. Eine Strategiebesprechung zwischen zwei Generationen.

Die Lebensversicherung der Lakers

Die Kritiker fanden Dich damals zu hektisch, zu stürmisch. Ich fand Dich spektakulär. Du warst 18 Jahre alt. Ein Kind in der besten Liga der Welt. Direkt aus der Highschool, ohne College-Erfahrung, das hatte seinen Reiz. Du bist schon damals mit dieser Eleganz und Aggressivität, die Dich später so berühmt gemacht haben, an Deinen Gegenspielern vorbeigelaufen und hast versucht, den Ball in den Korb zu hämmern. Der Wurf aus der Entfernung war in Deinem ersten Jahr nicht Deine Stärke, aber das war halb so wild, denn unter dem Korb stand ja Shaquille O'Neal, hat sich den Ball geschnappt und ihn einfach reingestopft. Er war damals Deine Lebensversicherung.

Mit der Zeit bist Du dann die Lebensversicherung der Lakers geworden. Du hast fünf Ringe geholt, warst im Jahr 2008 wertvollster Spieler der NBA, hast einmal 81 Punkte erzielt und insgesamt mehr Körbe gemacht als Michael Jordan. Aber es war trotzdem nie leicht, Dich in der Basketball-Welt zu verteidigen, Kobe. Es gab immer zwei Lager.

Deine Kritiker fanden, dass Du zu viel wirfst und Deine Mitspieler zu wenig einbindest. Sie belächelten Dich, wenn Du beim Zug zum Korb Deine Zunge rausstrecktest, wie Jordan es einst zu seinem Markenzeichen gemacht hatte. Für sie warst Du der, der Shaquille O'Neal brauchte, um Titel zu gewinnen, nur um ihn dann 2004 aus dem Team zu jagen, um der alleinige Chef sein zu können. Kobe, die Egomaschine, das war der Vorwurf. Und, mal ehrlich, manchmal hast Du auch lieber selbst einen verrückten Wurf genommen, als einem Kollegen, der besser stand, den Ball zuzupassen. Deine Eitelkeit war schon schwer zu übersehen, aber öffentlich würde ich das natürlich nie sagen.

Nein, Du warst nie ein Michael Jordan und Du wirst nie als zweiter Michael Jordan im Gedächtnis bleiben. Aber ich glaube auch, dass das die falsche Kategorie ist. Wer kann schon mit Jordan verglichen werden? Jordan finden alle gut, er hatte keinerlei Ecken und Kanten. Er war ein Überbasketballer, eine Maschine, wer ihm zuschaute, hatte nicht den Eindruck, als müsse er überhaupt trainieren, um den Korb zu treffen. Aber er hatte es auch leichter als alle anderen. Er spielte eine perfekte Rolle. Basketball war vor ihm in der Nische, Jordan hat den Sport mit seinem Genie dort rausgeholt und ihn zum globalen Spektakel gemacht. Das ist, neben seinen Statistiken, eine Leistung, die ihm niemand streitig machen kann.

Das hat viele genervt

Du bist anders als Michael Jordan, Kobe. Kein Musterschüler, eher ein kleiner Schurke. Du polarisierst. Du hast im Zweifel auch mal dreckige Körbe gemacht. Mit Brett, mit Foul, egal, Hauptsache drin. Als Du Dir im April 2013 die Achillessehne gerissen hast, hast Du noch zwei Freiwürfe versenkt, bevor Du in den Katakomben verschwunden bist.

Mag sein, dass Du ein paar weniger Würfe hättest nehmen können und viel zu viel verdienst. Aber Deine Einstellung fand ich immer schwer in Ordnung, deshalb habe ich Deine Schuhe getragen und Deine Trading Cards gesammelt. Ok, die von Michael habe ich auch gesammelt. Aber nur, weil sie ein bisschen mehr wert waren.

Du hast nie versucht, es allen recht zu machen. Wenn Du von den Fans ausgepfiffen wurdest, weil sie Dir den Erfolg nicht gegönnt haben, bist Du zu ihnen gegangen und hast Dich mit breiter Brust vor ihnen platziert. Wenn Dein Team mit einem Punkt zurücklag, hast Du auf Teufel komm raus den letzten Wurf haben wollen, egal, wie viele Gegenspieler dich daran hindern wollten. Du warst wie ein Kind, das im Spiel mit den Freunden in der Einfahrt des Einfamilienhauses der Größte sein will. Das hat viele genervt. Ich fand es immer ganz sympathisch. Sport braucht große Kinder. Wenn alle so perfekt wären wie Michael Jordan, ginge es zu wie in einem Videospiel von EA Sports. Wo ist da das große Gefühl, wo ist der Reiz?

Jede Generation hat ihre Basketballer und Du warst der Basketballer Deiner Generation, Kobe. Das ist auch schon was. Das ist zum Beispiel mehr als Magic Johnson. Johnson ist in seinem Spielverständnis bis heute vielleicht unerreicht, aber er hatte eben das Pech, zeitgleich mit Michael Jordan zu spielen, so wie LeBron James das Pech hat, lange Jahre mit Dir zusammen in der NBA zu spielen. Das kannst Du den beiden bei Gelegenheit ja mal unter die Nase reiben, falls Du ein bisschen Aufmunterung brauchst.

Am Dienstag spielst Du in Philadelphia. Das ist nicht weit weg. Vielleicht schaffe ich es. Ich habe jetzt Kinder und einen Haufen Arbeit, weißt Du. Da ist alles nicht mehr so einfach zu koordinieren wie zu Highschoolzeiten. Aber wenn ich da sein sollte, verspreche ich Dir, wieder an den Spielfeldrand zu kommen. Wenn die Ordner es zulassen.



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townsville 30.11.2015
1. schöner artikel
kobe ist ein gigant! aber lebron james ist ja auch noch 7 jahre jünger - wenn der so lange spielen kann und seinen punkteschnitt pro season behält, kann er sogar die nr.1 eins der all time scorer werden und den legendären karem abdul-jabbar verdrängen... :-)
ralfwk 30.11.2015
2. ich werde ihn auch vermissen
1998 bis 2001 habe ich auch in Los Angeles gelebt und das Privileg gehabt ihn einige Male zu erleben. Die Fortsetzung der Lakers-Dynastie in den 2000ern wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen. Ein Gigant seiner Generation war er auf jeden Fall.
rauolduke 30.11.2015
3. Schade
Da geht ein ganz grosser Sportlern in Ruhestand. Es tut schon weh seine katastrophalen Spiele in letzter Zeit anzusehen, aber für mich bleibt er am ehsten in Erinnerung wie damals als er 81 Punkte in einem Spiel machte und jeden noch so unmöglichen/ gut verteidigten Wurf traf. Er mag zwar egoistisch gespielt haben, aber wie heisst es im Basketball: Wer trifft hat Recht
thedream34 30.11.2015
4.
Man kann sich als Basketball Fan nur bei Kobe bedanken...obwohl er meiner Meinung nach ein Jahr zu spät aufgehört hat ;) kann mir das bis zu den PO nicht angucken, wie diese Legende und zukünftige HoF untergeht
Pagode 30.11.2015
5.
Man sollte langsam mal anfangen, Michael Jordan aus solchen Vergleichen rauszuhalten. MJ ist neben Muhammad Ali und vielleicht zwei, drei anderen (die mir aber gerade nicht einfallen) der größte Sportler aller Zeiten. Eine Liga für sich und so hörte sich dieser echt schön geschriebene Artikel auch an, es ist (mal wieder) mindestens ebenso eine Laudatio an ihn, wie auch an Kobe – um den es hier ja eigentlich geht. Mein Held war Kobe nie. Bin irgendwie stehengeblieben in diesem legendären Jahrzehnt mit dem Dream Team: Charles Barkley, Scottie Pippin, Clyde The Glide, dem Admiral, dem Mailman, die 3-Punkte-Maschine Larry Bird war ja fast schon raus, aber Pat Ewing und natürlich Magic Johnson. Die Zeiten der großen Teams sind vorbei, heute gibt es nur noch One-man-Vermarktungsmaschinen und Kobe war neben Shaquile im Grunde die erste. Echt schade.
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