Königsetappe in den Pyrenäen Mann in Gelb auf dem Gipfel

War das die Vorentscheidung der Tour? Zeitgleich überquerten Alberto Contador und Andy Schleck den Zielstrich auf dem Col de Tourmalet - der Spanier hält seinen Vorsprung. Und beim Zeitfahren ist Contador der Bessere. Jetzt kann er sich wohl nur noch selbst schlagen.

AP

Vom Col de Tourmalet berichtet


Es war bitter kalt am Tourmalet. Die Finger an den Bremshebeln zitterten. Regen machte die Serpentinen rutschig. Nebelschwaden verkürzten die Sicht auf wenige Meter. Die Tropfen waren so dicht, dass sie ein physisches Hindernis darstellten auf dem Weg zum Pyrenäen-Pass in 2115 Metern Höhe.

Es waren unbarmherzige Bedingungen.

Wer konnte, verkroch sich im Auto. Die Standheizungen liefen auf Hochtouren. 171 Radprofis schunden sich derweil unter dem Wolken verhangenen Himmel. "Mörder" schrie von ihnen aber niemand. Im Jahre 1910 hatte der schnauzbärtige Toursieger Octave Lapize mit diesem Ausruf die Organisatoren der Tour de France angeklagt, weil sie ihn und seine Kollegen das erste Mal über die Pyrenäen-Gipfel gejagt hatten.

Beim 100-jährigen Jubiläum der Pyrenäen bei der Tour de France herrschte hingegen eitel Freude - zumindest bei einigen Akteuren. Die großen Rivalen Alberto Contador und Andy Schleck etwa umarmten sich nach 174 weitgehend nebeneinander gefahrenen Kilometern, als hätte es niemals Rivalität zwischen beiden gegeben.

Schleck versuchte es immer wieder

Der Spanier hatte zuvor allen Antrittsversuchen des Luxemburgers standgehalten. Rund ein Dutzend Mal forcierte der Mann im weißen Trikot. "Es mochte für die Zuschauer wie ein kontinuierliches Tempo aussehen. Aber ich kann versichern, ich habe es immer wieder probiert. Es war meine einzige Chance, Alberto abzuhängen", sagte Schleck später. Der gelbe Kletterer mit der Nummer eins an der Rennhose folgte dem weißen mit der Doppel-Eins allerdings wie ein Schatten.

Contador hatte alles im Griff. "Ich kann in diesem Jahr konservativer fahren als noch 2009. Es war gut, dass Andy solch ein hohes Tempo angeschlagen hat, dass die anderen abreißen lassen mussten. So konnte ich mich ganz auf ihn konzentrieren", erklärte der Spanier. 3,5 Kilometer vor dem Ziel, Schleck hatte ihm zuvor lange in die Augen geschaut, um Zeichen der Schwäche zu erkennen, lancierte Contador dann selbst einen Angriff. Er hatte wohl Angst, nur als lascher Mitfahrer in die Annalen dieser Tour einzugehen. "Ich wollte zeigen, dass ich auch gute Beine hatte", erklärte er.

Schleck parierte diesen Antritt seinerseits, kam selbst aber auch nicht mehr weg. Zwar rollte er wenige Zentimeter vor Contador über die Ziellinie und gewann die Etappe, beide Kontrahenten wurden jedoch zeitgleich gewertet. Kurz nach der Einfahrt lagen sich die beiden friedlich in den Armen. Der drei Tage alte Streit wegen Contadors Ausnutzen des Kettenschadens des Luxemburgers war beigelegt.

Sarkozy auf Schmusekurs

Unter dem Zeltdach des französischen Fernsehens ging die Schmuseshow weiter. Dort wurden sie von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Lance Armstrong erwartet. Der von Stürzen und Dopingvorwürfen geplagte und mit seiner Performance unglückliche Amerikaner strahlte, weil Sarkozy ihn als "eine Hoffnung für alle Kranken" lobte. "Er hat den Krebs besiegt und die Tour siebenmal gewonnen. Jetzt als fast 39-Jähriger hält er noch immer mit den Jungen mit", lobte Sarkozy.

Der Präsident forderte dazu auf, von den "Polemiken" - so nannte der Politiker die Dopinganklagen von Armstrongs früherem Teamgefährten Floyd Landis - abzusehen. "Er kann noch Präsident werden, ich aber nicht mehr Champion", verkündete er in Armstrongs Richtung - und versprach, das Fahrrad, das der Amerikaner ihm in diesem Jahr schenkte, auch zu nutzen.

Dann widmete sich Sarkozy Contador und Schleck. Von dem Spanier wollte er wissen, warum seine Landsleute im Sport so gut seien. Dem Luxemburger bescheinigte er tollen Kampfgeist. "Die beiden sorgen für ein gutes Bild dieser Tour", sagte er.

Milram wieder ohne Lebenszeichen

Ein paar Nebendarsteller gab es an diesem Tag auch noch. Nämlich all jene Teams, die bei dieser Tour de France bisher wenig zustande brachten. Sie beorderten in einem letzten verzweifelten Akt ihre Männer nach vorn. Für BMC Racing, das seit Cadel Evans' Sturz in der Anonymität des Feldes verschwunden war, machte sich der Deutsche Marcus Burghardt auf den Weg. Das britische Team Sky schickte mit dem Norweger Edvald Boasson Hagen und dem Spanier Juan Antonio Flecha gleich zwei Asse los. Liquigas, die Mannschaft des enttäuschenden Giro-Siegers Ivan Basso, stützte sich auf den Slowenen Kristjan Koren.

Und für Cofidis, die einzige französische Mannschaft, die bislang keine Akzente setzen konnte und deswegen noch am Morgen in der "L'Equipe" hart kritisiert wurde, sollte Remi Pauriol es richten. Ein Katusha-Mann und ein Vertreter von Euskatel komplettierten das Oktett der Ausreißer, die bis zum Schlussanstieg den Rhythmus der Etappe prägten.

Fehlt da jemand? Ja, Milram, das einzige deutsche Team. Aber selbst bei dieser kollektiven Verzweiflungstat wollte kein Mann im blauen Renntrikot seinen Beitrag leisten.

Nur Durchhalteparolen bleiben Schleck

Vor dem Zeitfahren am Samstag sind die Rollen nun klar verteilt. "Contador ist der bessere Zeitfahrer", fasst Rabobank-Teamchef Erik Breukink die gängige Meinung im Feld zusammen. Der Holländer hofft noch darauf, dass sein Kapitän Denis Mentschow den Euskatel-Profi Sanchez vom dritten Rang verdrängen kann. Ansonsten steht das Podium.

Von Schleck selbst kommen nur noch Durchhalteparolen. "Ich werde alles geben. Vor der Tour hieß es, Contador sei der weltbeste Kletterer. Ich habe gezeigt, dass ich auf einer Höhe mit ihm bin. Vielleicht bin ich ihm auch im Zeitfahren ebenbürtig", hofft er.

Contadors größter Fehler wäre es jetzt, sich auf seine Zeitfahrkünste zu verlassen. "Wenn er selbst glaubt, er habe schon gewonnen, dann wird es noch einmal eng für ihn", weist Breukink auf die psychologische Komponente hin. Contador weiß das auch. Gratulationen zum dritten Toursieg wehrte er ab.



insgesamt 397 Beiträge
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Seite 1
wielkizbigniew 15.07.2010
1. ..
Leider wird sich Contador wohl wieder durchsetzen. Die Zeitfahrqualitäten seines einzigen Konkurrenten Schleck sind leider zu schlecht. Zudem ist das Team um Contador sehr gut besetzt. Ich hatte ja auch wieder auf Evans gehofft, aber mit gebrochenem Arm kann sogar der tapfere Evans nicht dagegenhalten. Tipp: 1.Contador 2.Schleck 3.Mentschow
MadMad 16.07.2010
2. ...
Zitat von sysopHerausforderer Andy Schleck und Titelverteidiger Alberto Contador scheinen den Sieg bei der 97. Tour de France unter sich auszumachen. Oder gibt es andere Fahrer, die noch in den Kampf um das Gelbe Trikot eingreifen können? Was ist noch von Rekordsieger Lance Armstrong zu erwarten?
Die Frage ist doch nicht "Wer setzt sich durch", sondern "Wen interessiert es" ? Wer sich nicht explizit informiert bekommt doch fast gar nichts mehr mit. Die Gründe dafür sind natürlich klar und werden die Tour noch mehrere Jahre begleiten.
Brettschneider 16.07.2010
3.
Zitat von wielkizbigniewLeider wird sich Contador wohl wieder durchsetzen. Die Zeitfahrqualitäten seines einzigen Konkurrenten Schleck sind leider zu schlecht. Zudem ist das Team um Contador sehr gut besetzt. Ich hatte ja auch wieder auf Evans gehofft, aber mit gebrochenem Arm kann sogar der tapfere Evans nicht dagegenhalten. Tipp: 1.Contador 2.Schleck 3.Mentschow
Mich erinnert das große Duell bei dieser Tour stark an den Zweikampf zwischen Contador und Rasmussen bei der Tour 2007. Hoffentlich dürfen wir das Spektakel diesmal zuende sehen. Wirklich schade, dass Evans aus dem Rennen um die Gesamtwertung ist. Zwar hätte ich nicht unbedingt den Sieg von ihm erwartet, aber sein unaufholbarer Rückstand macht es Contador viel leichter, sich auf die restlichen Mitfavoriten zu konzentrieren. Eigentlich sind es außer Contador nur noch 3 Fahrer, die sich mehr oder weniger ernsthafte Chancen auf den Tour-Sieg ausrechnen können. Neben Schleck noch Mentschow und S. Sanchez. Leipheimer stellt zumindest in den Bergen keine echte Gefahr mehr dar. Und bei fast 4 Minuten Rückstand reicht sein beachtliches Zeitfahr-Können nicht. Von den Broeck ist bisher für mich die Überraschung bei der diesjährigen Tour. Zeitfahren kann er auch - immerhin war er Juniorenweltmeister. Aber wie fit er in der 3. Tour-Woche noch ist, dahinter steht ein großes Fragezeichen. Normalerweise muss sich Contador nur noch an Schlecks Hinterrad klemmen, dann kann ihm nichts mehr passieren. Als die Meute noch unübersichtlicher war, konnte es schon passieren, dass der Spanier mal ein paar Sekunden von Schleck aufgebrummt kriegt. Bleibt es aber bei den 41 Sekunden Rückstand vor dem Zeitfahren, dann müsste er sich aller Voraussicht nach dort das Gelbe Trikot holen. Am Rande erwähnt: Dann hätte es seit der Operation Puerto nur noch spanische Tour-Sieger gegeben. Welch ein dreister Coup..... Vor allem, wenn man die unheimliche Dominanz der Sportnation Spanien in den populärsten Sportarten betrachtet: Fußball, Tennis, Radsport, Motorsport. Aber erstmal muss Contador seinen dritten Tour-Sieg schaffen. Auch er galt vor seinem ersten Sieg als schwacher Zeitfahrer, weshalb damals von Evans erwartet wurde, sich im ZF am vorletzten Tag das Gelbe Trikot zu holen. Contador wuchs über sich hinaus und ließ etliche ZF-Spezialisten hinter sich. Inzwischen gehört er in dieser Disziplin beständig zu den Weltbesten. Warum sollte Schleck nicht Ähnliches gelingen? Immerhin heißt sein Sportlicher Leiter Bjarne Riis. Hat er noch einen Trumpf im Ärmel?
Helidorst 16.07.2010
4. Sport - Tour de France - wer setzt sich durch?
Die Euro-Sport-Moderatoren haben es geschafft, mit ihren Live-Übertragungen viele Tour-Fans wieder für den härtesten Sport zu begeistern. Dagegen sind die Sendungen von ZDF und ARD total lahm.--Trotz der Hitzerekorde, die in den französischen Hochalpen bis GAP und weiter darüber hinaus den Fahrern fast Unmenschliches abverlangten, sind es gerade die neu hinzugekommenen Radsportler, die zeigen, wieviel Durchhaltungswillen in diesem Sport vorhanden ist. Da keine Sportart auch nur annähernd so intensiv nach Dopingvergehen überprüft wird, kann man davon ausgehen, dass solch zähe Arbeiter wie Sebastian Fischer, der schuftet für fünf und auch die jungen Franzosen weiterhin zum Zuge kommen.--Trotzdem verstehe ich nach wie vor nicht, dass Dopingsünder wie Winokurow und auch der Team-Manager Rolf Aldag und noch viele der älteren Dopingsünder mitfahren, so, als sei nichts gewesen.--Die Hubschrauberaufnahmen der wilden Berglandschaften allerdings sind unübertrefflich schön. So lernt man die Landschaften intensiv kennen.--Helidorst
raka, 16.07.2010
5. .
---Zitat von SPON--- Tour de France 2010 - wer setzt sich durch? ---Zitatende--- Natürlich der, der am besten gedopt hat, wie immer. Jetzt wird die Tour wieder gefeiert, demnächst, nach dem nächsten Doping-Skandal, wird sie wieder verdammt. Und der nächste Doping-Skandal kommt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
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