Kommentar Defizite von Kopf bis Fuß

Von Till Schwertfeger


Anfang 1996 gewann Boris Becker als letzter Deutscher ein Grand-Slam-Turnier: die Australian Open. Zu dieser Zeit schlugen zwei Teenager ihre ersten Bälle auf der Profi-Tour: Nicolas Kiefer und Tommy Haas. Seitdem gelten die Talente als die großen Hoffnungsträger der deutschen Tennisfans, die nach Rücktritt der deutschen Superstars von den wunderbaren Jahren der Ära Becker-Graf-Stich schwärmen.

Jetzt, fünf Jahre nach Beckers letztem Triumph, sind Kiefer, 23, und Haas, 22, in Runde zwei von Melbourne gescheitert. Nicht die Tatsache, dass es gegen Jewgenij Kafelnikow und Lleyton Hewitt, die zu den fünf besten Spielern der Welt gehören, Niederlagen setzte, sondern wie diese zustande kamen, enttäuscht viele Hoffnungen.

Kiefer konnte am Ende nicht, Haas wollte nicht mehr. Blasen an den Füßen und mangelnde Einstellung bedeuteten das vorzeitige Aus der DTB-Stars beim ersten der vier Saison-Höhepunkte. Kurioserweise ließ sich der sonst austrainierte Kiefer wegen körperlicher Wehwehchen hängen. Haas, von einem australischen Fitness-Guru medienwirksam auf Trab gebracht, vergab in allen Sätzen klare Vorsprünge so unkonzentriert und leichtfertig, dass er sich irgendwann selbst an den Kopf fasste.

Diese Defizite von Kopf bis Fuß stellen Haas und Kiefer leider nicht zum ersten Mal zur Schau. Ihr überdurchschnittliches Talent reicht für Siege bei einfachen ATP-Turnieren, für Grand-Slam-Triumphe nicht. Wer die Hoffnungsträger Kiefer und Haas verlieren sieht und hört, wie sie ihre Niederlagen schönreden, glaubt nicht mehr, dass sich 1996 so bald wiederholt.



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