Kommentar Mozart auf der Love-Parade

Die Entscheidung fiel im Endspurt: Sotschi darf die Olympischen Winterspiele 2014 ausrichten - dank Präsident Putin und einem versprochenen Geldregen. Die Bewerbung Salzburgs erschien im Vergleich wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.


Der beste Bewerber hatte auf der Skala von 1 bis 10 eine 8,4 bekommen. Der schlechteste bekam von der Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees, das die möglichen Austragungsorte Olympischer Spiele in Augenschein nimmt, nur die Note 6,7. Die 8,4 gehörte Salzburg, die 6,7 Sotschi. Dazwischen lag Pyeongchang mit 7,8 Punkten. Die Entscheidung in Guatemala-Stadt fiel somit frei nach einem olympischen Motto: Der Schlechtere möge gewinnen.

Enttäuschte Salzburger: Nass nach russischem Geldregen
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Enttäuschte Salzburger: Nass nach russischem Geldregen

Der offizielle IOC-Bericht umfasst elf Einzelkriterien, von Sicherheit über Umwelt bis Infrastruktur. In neun von elf Kategorien lag Salzburg vorne. Auch wenn alle 98 Mitglieder des IOC diese Zusammenstellung gelesen haben, beeinflusst hat sie wenige. Der Sieg Sotschis im zweiten Wahlgang gegen Pyeongchang heute Nacht ist eine Niederlage für die Evaluierungskommission.

Nach dem Bestechungsskandal bei der Vergabe der Winterspiele 2002 nach Salt Lake City eingeführt, sollte das 16-köpfige Gremium das zuvor herrschende System der Ergebnisbeeinflussung durch die Geschenkeflut aus den Bewerberstädten eindämmen. Schon jetzt, wenige Jahre später, kann der Versuch als gescheitert gelten.

Sicher, die IOC-Prüfer bescheinigten Sotschi eine "sehr gute" Bewerbung. Doch in jeder Kategorie war mindestens ein Konkurrent besser als die Ferienmetropole der russischen Oberschicht. Sowohl Salzburg als auch Pyeongchang, das ebenfalls noch große Baustellen vor sich gehabt hätte, wurde so eine "exzellente" Bewerbung konstatiert.

"Wir wollen uns auf ehrliche Weise um die Spiele bewerben, wir wollen sie nicht kaufen", hatte Felix Gottwald, Olympiasieger in der Kombination 2006 und Sonderbotschafter der Salzburger Kampagne im März dieses Jahres verkündet. Die Zahlen auf dem IOC-Bericht sprachen für die Österreicher, die Zahlen auf den Geldscheinen dagegen.

Insgesamt 12 Milliarden Dollar, so viel wie nie zuvor, wollen die Russen in ihre Spiele stecken. Elf von elf Wettkampfstätten sollen damit errichtet werden. Im vergangenen Winter gab es keine tauglichen Pisten im Skigebiet Krasnaja Poljana, 50 Kilometer entfernt von Sotschi im Kaukasus gelegen. Doch weil Russlands Präsident Wladimir Putin dort gerne seine Winterferien (ebenso wie die im Sommer) verbringt und im Zuge der Bewerbung Sotschi zu einem "Kurort auf Weltniveau" ausbauen wollte, wurde die 330.000-Einwohner-Stadt am Kaukasus zum ernst zu nehmenden Wettbewerber.

Das Bewerbungskomitee, in dem Putin im Hintergrund die Strippen zog, vernetzte sich geschickt. Holte die österreichische Skilegende Karl Schranz ins Boot und lockte österreichische Lifthersteller und Baufirmen mit möglichen Großaufträgen. Zudem hat Putin begriffen, welche Geschenke beim IOC besonders gut ankommen: Gazprom stünde bereit, ins IOC-Sponsorenprogramm einzusteigen, verkündete er vor der Wahl. Üblich für einen Topwerber sind rund 60 Millionen Dollar. Die staatliche Ölfirma will 180 Millionen Dollar zahlen. Auch wenn das IOC die Meldungen aus Russland, der Einstieg sei schon besiegelt, eilig dementierte. Die Zahl steht im Raum.

Die Bewerbung Salzburg erscheint in diesem Zusammenhang wie Mozarts "Kleine Nachtmusik" auf der Love Parade. Sie stammt aus einer anderen Zeit. Putin hingegen hatte die richtige Musik aufgelegt, statt Beats hämmerten Zahlen unablässig auf das IOC ein.



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