Krebskranker Oleg Velyky "Ohne Handball würde ich sterben"

Seit sechs Jahren kämpft Handball-Profi Oleg Velyky gegen den Krebs. Er ist Teil seines Lebens geworden. Im Interview mit dem "Handball-Magazin" spricht er über seine Familie, die Bedeutung des Sports für ihn und die Auseinandersetzung mit dem Tod.


Frage: In Ihrem Fall ist es sicher angebracht, ein Gespräch mit der oft so dahingesagten Floskel "Wie geht's?" zu eröffnen. Oder?

Oleg Velyky: Soweit geht es gut. Ich kann laufen, lebe noch immer, insofern ist alles okay.

Handballer Velyky: "Versuche, meine Sache durchzuziehen"
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Handballer Velyky: "Versuche, meine Sache durchzuziehen"

Frage: Also keine akuten Beschwerden derzeit?

Velyky: Ach, irgendwelche Probleme hat doch jeder Mensch. Meine mögen zurzeit ein wenig größer sein, aber ich komme mit meiner Krankheit ganz gut klar.

Frage: Wie sieht Ihr Therapie-Fahrplan gegenwärtig aus?

Velyky: Ich bin mittendrin. Er ist so periodisiert, dass ich zwischendurch immer wieder mittrainieren und mitspielen kann.

Frage: Sie kämpfen schon lange mit dieser Erkrankung.

Velyky: Die erste Diagnose erhielt ich 2003. Und seitdem habe ich diese Krankheit nicht mehr vergessen können. Das ist eben keine Grippe, die rasch in den Griff zu bekommen ist. In der Folgezeit bin ich jedes Mal, wenn der Körper Reaktionen zeigte, die nicht normal waren, sofort zum Arzt gerannt.

Frage: Wie war Ihre Reaktion, als Sie erfuhren, dass Sie den Krebs doch nicht besiegt hatten?

Velyky: Ich habe die damit verbundene Lebensgefahr zunächst gar nicht so ernst genommen. Schließlich war es nach dem ersten Mal ja auch irgendwann wieder in Ordnung.

Frage: Also haben Sie sich nicht gleich auf die erneute Erkrankung einlassen können?

Velyky: Doch, das ging schon rasch. Ich habe mich im Kopf komplett umgestellt. Ich habe begriffen, dass ich nicht zu Hause sitzen bleiben will, um auf das Sterben zu warten. Man kann mit dieser Krankheit leben. Ich habe meine Familie, ich habe immer noch Lust und Spaß am Leben. Und ich habe den Handball. Bislang habe ich noch nichts von dem verloren, was mir etwas bedeutet. Deshalb bleibt die Hoffnung, dass alles gut wird. Ich versuche einfach, meine Sache durchzuziehen.

Frage: Lebt man nach existenziellen Erfahrungen wie dieser intensiver, bewusster?

Velyky: In der Tat: Man bekommt einen anderen Blick auf das Leben. Man begreift, welch einen Riesenspaß es macht, eine Familie zu haben, wie großartig es ist, ein Kind zu haben. Ich habe noch intensiver begriffen, welchen Platz der Handball in meinem Herz einnimmt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, nach mehreren Therapien zurückzukommen, den Ball in die Hand zu nehmen, diese Spannung wieder zu spüren und zu wissen, dass ich es irgendwann packen werde. Sie haben Recht: Ich sehe die Dinge heute mit anderen Augen.

Frage: Haben Sie sich mit dem Tod auseinandergesetzt?

Velyky: Ja. Solche Gedanken kommen automatisch. Aber ich hatte ein merkwürdiges Erlebnis. Es kann Zufall gewesen sein, aber als ich einmal besonders intensiv über den Tod nachdachte, sah ich im gleichen Moment meinen Sohn und meine Frau. Da wusste ich: Das Leben ist wichtig, das Sterben hingegen ist keine große Sache.

Frage: Ist Familie die Quelle der Kraft, die Ihnen hilft, sich nach den zehrenden Therapien auch im Sport immer wieder heranzukämpfen?

Velyky: Ich habe mit meiner Frau oft darüber nachgedacht, ob ich den Sport an den Nagel hängen soll. Aber sie hat genau gesehen, mit wie viel Herz ich immer in Richtung Sporthalle geschaut habe und wie viel mir der Sport bedeutet. Und dann hat sie gesagt: Vergiss das mit dem Aufhören.

Frage: Sie können voll mittrainieren?

Velyky: In der letzten Zeit schon. Ich fühle mich gut, kräftig und stark. Ich kann im Training alles machen. Ich habe seitens der Ärzte keinerlei Verbote. Das ist auch sehr wichtig. Alles, was mir früher Spaß gemacht hat, kann ich auch heute noch machen.

Frage: Wie war denn der Moment, als Sie nach langer Pause zum ersten Mal wieder mit der Mannschaft auf dem Parkett standen?

Velyky: Da habe ich gedacht, dass sich dafür die schwere Zeit gelohnt hat. Dieser Moment, als ich das Spielfeld betrat, bleibt bei mir auf ewig im Kopf. Die Leute haben geklatscht, die ganze Halle, selbst die Fans des Gegners haben mich begrüßt, sind aufgestanden. Ein solch fantastisches Gefühl ist unbeschreiblich. Vielleicht war das der schönste Moment meines Lebens.

Frage: Spielen Erfolge und Titel für Sie noch eine Rolle?

Velyky: Ganz klar: Ja. Ich habe gerade deshalb so viel Kraft auf meine Rückkehr verwendet, weil ich mit dieser Mannschaft unbedingt noch einmal einen großen Titel gewinnen möchte. Der erste Schritt dahin war meine Rückkehr ins Team. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als die Krankheit zu besiegen - und einmal noch einen Pokal in Händen halten zu dürfen.

Frage: Dürfen wir Sie in der kommenden Saison wieder in der Bundesliga erleben?

Velyky: Sagen wir es so: Meine Krankheit ist keine normale Geschichte. Ich weiß nie, ob es morgen gut geht oder ob ich Probleme bekomme. Gegenwärtig fühle ich mich gut, habe in den vergangenen Monaten eine deutliche Vorwärtsbewegung gespürt. Ob das so bleibt, weiß niemand.

Frage: Und wenn das Undenkbare doch Wirklichkeit wird?

Velyky: So darf ich nicht denken. Ich werde nicht verzweifeln. Wenn ich meine innere Ruhe, meine Kraft und meine Lust am Leben verliere, dann verliere ich alles. Dann wird mich diese Krankheit von innen auffressen. Mein Leben besteht zu 50 Prozent aus Handball und zu 50 Prozent aus meiner Familie. Verliere ich den Handball, fehlt mir die Hälfte meiner Kraft. Aber wenn ich mit dem HSV einen Titel gewinnen sollte, dann weiß ich, dass in diesem Leben alles möglich und alles machbar ist.

Die Fragen stellte Arnulf Beckmann

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