Kürzere Sperre Dopingsünder Chambers soll auspacken

Die Beweise sind erdrückend. Beide Proben waren positiv, doch Dwain Chambers behauptet weiterhin, keine unerlaubten Mittel eingenommen zu haben. Der Weltverband bietet dem Sprintstar unterdessen einen Deal an, der Chambers vor einer lebenslangen Olympia-Sperre bewahren könnte.


Dwain Chambers: "Nichts genommen"
REUTERS

Dwain Chambers: "Nichts genommen"

London - "Mein Klient besteht nachdrücklich darauf, dass er keine Leistung steigernden Mittel nimmt oder sie jemals genommen hat", ließ Chambers am Wochenende über seinen Anwalt Graham Shear verbreiten. Nach der B-Probe, die ebenfalls Spuren des derzeit viel diskutierten anabolen Steroids Tetrahydrogestrinon (THG) enthielt, war der Brite am Freitag vom Leichtathletik-Weltverband IAAF mit sofortiger Wirkung suspendiert worden.

Wegen Dopings muss Chambers nun eine mindestens zweijährige Wettkampfsperre befürchten - und das Olympia-Aus auf Lebenszeit. Diese Höchststrafe sieht das Reglement der British Olympic Association (BOA) vor. Doch der 25-Jährige denkt nicht daran aufzugeben. "Das ist erst der Beginn eines langwierigen Prozesses", hieß es in der Presse-Erklärung weiter.

Für Chambers' Anwalt gebe die B-Probe "überhaupt keinen Aufschluss in dieser Angelegenheit". Er fordert von der IAAF Antworten auf "eine Anzahl von Schlüsselfragen". Solange keine "zufrieden stellenden Erklärungen" vorliegen, sollte sich niemand ein Urteil über Chambers' angebliche Schuld erlauben, so Anwalt Shear.

Geringere Sperre gegen Insider-Informationen

"Die IAAF wird zu den Ansichten des Anwaltes keinen Kommentar abgeben", versicherte Verbandssprecher Nick Davies. Er machte Chambers jedoch ein Angebot, wie er die Höhe der zu erwartenden Strafe reduzieren könnte. "Wenn er mit Informationen zu uns käme und sagen würde: 'Ich kann Euch sagen, was los ist, hier sind die involvierten Personen', dann würde das seinem Fall helfen", sagte Davies dem "Sunday Telegraph".

"Wenn Chambers schlau wäre, würde er jetzt denken: 'Wenn ich mit einer großen Sache rauskomme, werde ich vielleicht nur für ein Jahr gesperrt'", fügte Davies hinzu. Laut IAAF-Regel 60.9 kann gegen Chambers eine mildere Strafe ausgesprochen werden, wenn er dazu beiträgt, Hintermänner des THG-Dopingskandals ausfindig zu machen.

Überführung weiterer Dopingsünder wahrscheinlich

Shears rhetorische Frage, ob THG überhaupt eine verbotene Substanz sei, ist längst geklärt. Sowohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) als auch die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada erklärten bereits, dass THG auf die Liste der verbotenen Substanzen gesetzt wurde. Es habe die gleiche chemische Struktur wie das anabole Steroid Gestrinon.

Chambers war am 1. August beim Training am Olympia-Stützpunkt Saarbrücken kontrolliert worden. Innerhalb von 28 Tagen muss der Europameister über 100 Meter bei einer Anhörung vor einer unabhängigen Kontrollkommission des britischen Leichtathletik-Verbandes UK Athletics seine Unschuld beweisen.

Nachkontrolle hunderter Proben

Der britische Sprintstar, der mit 9,87 Sekunden den Europarekord hält, dürfte nicht lange der einzige Weltklassesportler sein, der des THG-Dopings überführt wurde. Als nächste stehen die Analysen der B-Proben von vier US-Athleten an, von denen bislang drei namentlich bekannt sind: Mittelstreckenläuferin Regina Jacobs, Kugelstoßer Kevin Toth und Hammerwerfer John McEwen.

In der kommenden Woche soll mit der Nachkontrolle aller 405 Dopingproben von der Leichtathletik-WM in Paris begonnen werden. Ergebnisse sollen in zwei bis drei Wochen vorliegen. Zu Chambers' Trainingspartnern zählt auch Kelli White. Der Doppel-Weltmeisterin sollen ihre WM-Titel aberkannt werden. Wie ihre US-amerikanische Landsfrau Chryste Gaines war White positiv auf das Stimulanzmittel Modafinil positiv getestet worden.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.